Flüssigerdgas für Deutschland Was Sie schon immer über LNG wissen wollten, aber nie zu fragen wagten

Olaf Scholz und Robert Habeck sind in Kanada, um über die Lieferung von Flüssigerdgas zu verhandeln. Doch was ist »LNG«, wie entsteht es, warum ist das so kompliziert? Hier sind Antworten auf die wichtigsten Fragen.
Frachter mit Kugeltanks für LNG

Frachter mit Kugeltanks für LNG

Foto: Anonymous/ AP

Zum Jahreswechsel sollen die ersten schwimmenden LNG-Terminals ihre Arbeit aufnehmen, Bundeskanzler Olaf Scholz und Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck sind für drei Tage mit einer Wirtschaftsdelegation in Kanada, um dort unter anderem flüssiges Erdgas zu besorgen. Alle sprechen darüber, doch worum handelt es sich dabei?

Was ist LNG?

LNG ist die Abkürzung für »Liquefied Natural Gas«, also verflüssigtes Erdgas oder einfach »Flüssigerdgas«. Erdgas wird flüssig, wenn es auf etwa minus 163 Grad heruntergekühlt wird.

Welche Vorteile hat LNG?

Das Volumen von Erdgas verringert sich in flüssiger Form um das rund Sechshundertfache. In dieser Form kann es also per Schiff ausgeliefert werden, es ist keine Pipeline mehr nötig. Ab einer gewissen Distanz, die meist mit Werten zwischen 2000 und 2500 Kilometern angegeben wird, ist LNG per Schiff wirtschaftlicher als eine Erdgaspipeline.

Welche Nachteile hat die Sache?

Herstellung, Transport und Wiederaufbereitung von LNG sind aufgrund der Lagertemperatur energieintensiv und technisch anspruchsvoll. In Pipelines wird das Erdgas zu einer Gasverflüssigungsanlage geleitet. Dort wird es aufbereitet, bis es fast nur noch aus Methan besteht, und in mehreren Schritten auf die Verflüssigungstemperatur heruntergekühlt. Der Transport erfolgt in Spezialschiffen, wo das verflüssigte Erdgas bei geringem Überdruck gelagert wird, zu LNG-Terminals, dort wird Flüssiggas erwärmt, sodass es wieder gasförmig wird. Anschließend kann es in Hochdrucknetze für den Handel oder den Weitertransport eingespeist werden. All das macht LNG deutlich teurer als herkömmliches Erdgas.

Woher kommt das Flüssiggas?

Die größten Exporteure von Flüssiggas sind Australien, Katar und die USA. Insbesondere die USA und Australien planen, in den kommenden Jahren ihre Produktion bedeutend zu steigern. Wichtigster LNG-Lieferant für Europa sind die Vereinigten Staaten: Im Jahr 2021 kamen 28 Prozent der EU-LNG-Importe aus den USA, jeweils 20 Prozent kamen aus Katar und Russland. Weitere wichtige Lieferanten sind Nigeria und Algerien.

Welche LNG-Terminals gibt es in Europa?

Im vergangenen Jahr importierten 13 EU-Länder insgesamt 80 Milliarden Kubikmeter. In den ersten Monaten 2022 stiegen die Importe laut der Brüsseler Denkfabrik Bruegel stark an. Insbesondere aus den USA kam bedeutend mehr Gas. 2021 machten die LNG-Einfuhren 20 Prozent der gesamten Gaseinfuhren in die EU aus. Größte Importeure waren Spanien, Frankreich, Italien, die Niederlande und Belgien. Große Teile von Südosteuropa bis zum Baltikum und bislang auch Deutschland hatten wegen fehlender Infrastruktur jedoch kaum Zugang zu diesen Einfuhren. Denn in Deutschland gibt es noch keine Terminals.

Wann bekommt Deutschland eigene LNG-Terminals?

Deutschland besitzt keine festen Terminals, diese würden rund vier Jahre Bauzeit benötigen . Also setzt die Bundesregierung auf Spezialschiffe, sogenannte Floating-Terminals oder Floating Storage and Regasification Units (FSRU), die LNG von Tankern aufnehmen und es noch an Bord in Gas umwandeln können. Es wird also kein kompletter Hafen, sondern in erster Linie eine Verbindung vom Schiff zur Pipeline an Land benötigt.

Zum Jahreswechsel sollen zunächst zwei vom Bund angemietete Floating-Terminals in Wilhelmshaven und Brunsbüttel an den Start gehen. Vier große deutsche Gasimporteure haben zugesichert, diese beiden Terminals dann sofort maximal zu beliefern. Laut Bundeswirtschaftsministerium haben sie eine Kapazität von jährlich 12,5 Milliarden Kubikmeter.

Zwei weitere derartige Schiffe sollen voraussichtlich ab Ende 2023 in Stade und ab 2024 in Lubmin im Einsatz sein. Laut Wirtschaftsministerium sind für die vier Projekte öffentliche Mittel in Höhe von 2,94 Milliarden Euro vorgesehen. In Lubmin und Wilhelmshaven entstehen zudem schwimmende Terminals, die privat betrieben werden.

Wie viel Gas passt in ein Schiff?

Die meisten derzeit eingesetzten LNG-Tanker haben ein Fassungsvermögen von 125.000–147.000 Kubikmetern Flüssiggas, meist aufgeteilt auf vier bis sechs Tanks. Es werden aber derzeit größere Schiffe mit Volumen von bis zu 250.000 Kubikmetern Flüssiggas geplant.

Kann LNG das Gas aus Russland ersetzen?

Das wird – zumindest mittelfristig – nicht möglich sein: So sehen die Planungen für das Terminal in Stade eine Kapazität von bis zu zwölf Milliarden Kubikmeter Gas jährlich vor. Deutschland verbraucht derzeit rund 100 Milliarden Kubikmeter, davon stammte bisher etwa die Hälfte aus Russland.

Warum kritisieren Umweltverbände die Flüssiggaspläne?

Aufgrund der komplizierten Verfahrensweisen hat verflüssigtes Gas tendenziell eine schlechtere Klimabilanz als Pipelinegas. Zudem wird in den USA und Kanada Erdgas meist per Fracking gefördert: Unter hohem Druck werden Wasser und Chemikalien in tiefe Tonschichten gepresst, um das sogenannte Schiefergas herauszulösen. Das ist mit hohem Energieaufwand und großen Gasleckagen verbunden. LNG könne »so klimaschädlich sein wie Kohle«, sagte  Klimaforscher Niklas Höhne im ZDF.

Umweltverbände in Deutschland kritisieren zudem den Bau einer neuen Terminal-Infrastruktur für einen fossilen Brennstoff. Das widerspreche dem Klimaneutralitätsziel der Bundesregierung. Auch eine Weiternutzung der Terminals für Wasserstoff, wie schon ins Spiel gebracht wurde, ist technisch nicht leicht umsetzbar .

Außerdem gibt es Einwände gegen die geplanten Standorte der LNG-Anlandestationen: Das Terminal in Wilhelmshaven könnte demnach etwa die heimische Schweinswalpopulation gefährden. Die Umweltschützer kritisieren vor diesem Hintergrund auch die angesichts der Gaskrise stark beschleunigten Genehmigungsverfahren für die neuen Projekte.

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version dieses Textes hieß es, dass das erste Import-Terminal der EU für Flüssiggas 2016 in Portugal eröffnet wurde. Tatsächlich gab es bereits vorher LNG-Terminals in Europa. Außerdem hieß es zunächst, dass das Flüssiggas bei der Umwandlung in Gas erwärmt und verdichtet wird – tatsächlich wird es bei der Erwärmung weniger dicht und damit gasförmig. Wir haben die Fehler korrigiert.

mgo/AFP
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.