Reise-Affären von Politikern und Managern Erst geflogen, dann geflogen

Die Empörung über die Dienstreisen des ADAC-Präsidenten per Rettungshubschrauber zeigt: Spitzenkräfte aus Politik, Wirtschaft und Kirche sollten ihr Fluggerät mit Bedacht wählen - sonst ist die Karriere in Gefahr. Eine Auswahl denkwürdiger Luftreise-Affären von Scharping bis Süssmuth.

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Hamburg - Weil es schnell gehen musste, hat der Präsident des ADAC einen Hubschrauber genutzt. Genauer: einen Rettungshubschrauber des Automobilclubs. Auch andere Mitglieder des ADAC-Präsidiums absolvierten in den vergangenen zehn Jahren "weniger als 30-mal" eine Dienstreise in einer der Luftrettungsmaschinen, wie der Verein mitteilte.

Nun ist die Aufregung groß - einen pumperlgesunden Spitzenfunktionär statt eines bedürftigen Schwerverletzten an Bord eines Rettungshubschrauber empfinden viele als unpassend.

Den ADAC-Granden mag zum Trost gereichen, dass sie gewissermaßen eine alte Tradition aufrechterhalten. Beim Blick in die Archive zeigt sich, wie gefährlich es für die Karrieren von Spitzenkräften aus Politik, Wirtschaft und Kirche sein kann, sich in ein Fluggerät zu setzen.

Die Anzahl der Dienstflugreisen-Affären ist derart hoch, dass wir nur eine kleine Auswahl davon präsentieren können - von Rudolf Scharping über Franz-Peter Tebartz-van Elst bis Rita Süssmuth.

Getty Images

Rudolf Scharping
Ein Gespür für Timing kann man dem damaligen SPD-Verteidigungsminister nun wirklich nicht nachsagen: Am 25. August 2001 genehmigte das Bundeskabinett einen gefährlichen Einsatz der Bundeswehr in Mazedonien. Sie sollte dort albanische Rebellen entwaffnen. Am selben Tag erschienen in der "Bunten" großflächige Fotos Scharpings beim Urlaubsvergnügen mit seiner Lebensgefährtin Kristina Gräfin Pilati auf Mallorca, planschend im Pool bei herrlichem Sonnenschein. Scharping war als Verteidigungsminister angezählt, durfte aber im Amt bleiben – vorerst.

DPA

Rudolf Scharping
Noch pikanter wurde es für Scharping in den folgenden Monaten, als bekannt wurde, dass er einmal mit dem Shuttle-Service der Bundeswehr zu Pilati nach Mallorca geflogen war – sowie binnen eines Jahres 50-mal an Wochenenden auf Staatskosten mit der Flugbereitschaft von Berlin nach Frankfurt, wo Pilati wohnte. Zurücktreten musste Scharping aber erst im Juli 2002, wegen Honorarzahlungen des PR-Beraters Moritz Hunzinger.

DPA

Stelios Stavridis:
So etwas nennt man wohl dumm gelaufen: Als Chef der griechischen Privatisierungsbehörde hatte Stavridis eine wichtige Aufgabe im Kampf des krisengeschüttelten Euro-Landes gegen die Pleite. Er sollte möglichst viel Staatsbesitz möglichst teuer verkaufen. Das klappte bis zum August 2013 nur äußerst schleppend, doch dann stand ein großer Deal an: Ein Investorenkonsortium wollte ein Aktienpaket am staatlichen Glücksspielkonzern OPAP erwerben. Stavridis unterbrach deshalb seinen Urlaub auf einer griechischen Insel, flog nach Athen und unterzeichnete dort die Verträge. Dann flog er zurück – ausgerechnet im Privatjet eines der Investoren, mit dem er gerade als Vertreter des Staats Geschäfte gemacht hatte. An Bord ließ er sich fotografieren, schickte das Bild per Handy an seine Familie, vertippte sich dabei aber: Das Foto ging stattdessen an eine örtliche Zeitung. Wenige Tage später feuerte der Finanzminister Stavridis.

AP

Rita Süssmuth:
1996 hatte die damalige Bundestagspräsidentin Ärger mit den hohen Politikern zustehenden Transportdiensten. Damals beherrschte die Tatsache die Schlagzeilen, dass Süssmuth seit 1995 insgesamt 13-mal mit der Flugbereitschaft der Bundeswehr nach Zürich gereist war – dort lebte ihre Tochter. Im Januar 1997 entlastete der Ältestenrat des Bundestags Süssmuth jedoch einstimmig. Allerdings wurden als Konsequenz die Richtlinien für die Benutzung der Flugbereitschaft verschärft. Süssmuth konnte ihren Posten behalten – CDU/CSU-intern war die Politikerin aber dauerhaft geschwächt. Zuvor hatte sie die Parteigranden mit liberalen Standpunkten bei Themen wie Abtreibung, Aids oder Vergewaltigung in der Ehe gereizt.

DPA

Franz-Peter Tebartz-van Elst
Bereits 2012 hatte der katholische Würdenträger sich mit seinem Hang zu kostspieligem Komfort, kombiniert mit einem zweifelhaften Umgang mit der Wahrheit, einigen Ärger verschafft: Im Januar war der Bischof in der luxuriösen ersten Klasse nach Indien geflogen – ausgerechnet um soziale Projekte in Armenvierteln zu besuchen. Einem SPIEGEL-Redakteur sagte Tebartz-van Elst jedoch im August vor laufender Kamera: "Business Class sind wir geflogen." Nach einigen juristischen Scharmützeln musste Tebartz-van Elst eine Falschaussage eingestehen, das Verfahren wurde gegen eine Geldauflage von 20.000 Euro eingestellt.

Franz-Peter Tebartz-van Elst
Richtig in die Bredouille brachte Tebartz-van Elst allerdings der, nun ja, großzügige Neubau der Limburger Bischofsresidenz. Die katholische Basis geriet wegen des Protzbischofs derart in Wallung, dass der Würdenträger auf Absolution durch den Papst setzte. Am 13. Oktober 2013 flog Tebartz-van Elst in aller Herrgottsfrühe nach Rom – und bewies Lernfähigkeit: Statt First Class wählte er diesmal die Holzklasse in einer Maschine der Billig-Airline Ryanair.

DPA

Angelika Dammann:
Sie war die erste Frau im Vorstand von SAP: Im April 2010 wurde Angelika Dammann Personalchefin des einzigen deutschen Software-Konzerns von Weltrang. Damals befand sich die Belegschaft, zu einem Großteil selbstbewusste Software-Entwickler, nach den ersten Entlassungen in der Firmengeschichte im Stimmungstief. Dammann sollte die Laune wieder heben, doch das misslang – stattdessen eckte sie an, unter anderem mit rigideren Kriterien für Bonuszahlungen. Im Juli 2011 brachte ein SAP-Betriebsrat mit einer E-Mail an einen großen Verteiler Dammann zu Fall: Die Vorständin nutze regelmäßig einen der beiden SAP-Firmenjets für Heimflüge nach Hamburg. Daran war zwar nichts Anstößiges, weil Dammann die ausdrückliche Genehmigung dafür hatte – doch die Affäre brachte das Fass zum Überlaufen. Dammann schmiss entnervt hin.

AP

Rick Wagoner:
Seit den frühen Neunzigern arbeitete "Tricky Rick" im Vorstand des US-Autogiganten General Motors (GM), ab 2000 stand er ganz an der Spitze. Aus dem ehemals strahlendsten und stolzesten Autobauer der Welt war damals schon ein schwerfälliger Problemfall geworden, doch richtig dick kam es in der Finanzkrise ab 2007. Ende 2008 stand es nach insgesamt 82 Milliarden Dollar Verlust binnen vier Jahren so schlimm um GM – und ebenso um die US-Konkurrenten Ford und Chrysler -, dass sich die drei Firmenchefs nach Washington D.C. begaben, um 34 Milliarden Dollar Steuergelder als Hilfe zu erbetteln. Dass es dabei unpassend erscheinen könnte, im komfortablen Firmenjet einzuschweben, kam offenbar keinem der drei in den Sinn. Die US-Abgeordneten und –Medien schäumten, und vier Monate später war Schluss für Wagoner. Präsident Obama hatte seine Demission höchstpersönlich erzwungen.

AP

Heinz Schleußer:
Die Düsseldorfer Flugaffäre war eine der unappetitlichsten in der Bundesrepublik – und Heinz Schleußer kostete sie im Jahr 2000 das Amt: Die WestLB, Nordrhein-Westfalens Landesbank, hatte prominenten Landespolitikern von SPD und CDU private Flüge gesponsert und die Rechnungen steuerlich geltend gemacht. Flüge des damaligen SPD-Finanzministers Schleußer nach Kroatien brachten die Affäre im November 1999 ins Rollen, bald standen auch der damalige Bundespräsident und vormalige NRW-Regierungschef Johannes Rau sowie dessen Nachfolger Wolfgang Clement in der Kritik. Ende Januar 2000 musste Schleußer zugeben, auf zwei Flügen seine Partnerin mitgenommen zu haben. Einen Tag später trat er zurück. Rau und Clement überstanden die Affäre.

REUTERS

Michèle Alliot-Marie:
Die konservative Spitzenpolitikerin galt als Ausnahmeerscheinung in Frankreich: Nicht ein einziger Skandal trübte ihre Vita. Bis Anfang 2011. Da wurde bekannt, dass die damals 64-jährige Außenministerin kurz nach Weihnachten 2010 gemeinsam mit ihrem Mann Erholungsurlaub gemacht hatte – im tunesischen Tabarka. Dorthin war sie im Privatjet eines tunesischen Geschäftsmanns geflogen, der eine große Nähe zu Tunesiens Diktator Ben Ali aufwies. Gegen diesen waren wiederum die Volksmassen auf der Straße: der Beginn des arabischen Frühlings. Statt die Proteste zu unterstützen, bot Alliot-Marie Diktator Ali auch noch das Know-how französischer Sicherheitskräfte bei der Niederschlagung der Aufstände an. Am 27. Februar 2011 reichte sie ihren Rücktritt ein.

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sternfalke77, 25.01.2014
1. Die " Sänfte " der Gegenwart !
Der Anspruch in Sachen " Reisequalität " der Gegenwart entspricht in etwa der Protzigkeit der Sänften vergangener Jahrtausenden. Wer, wie " Wichtig " war, bzw. sich dafür hielt bewies seine Wichtigkeit mit der Prächtigkeit der von Untertanen zu tragenden Sänfte, und der Beschaffenheit dieser.- Samt dem Beiwerk der Lakaien des Hofstaates. Wichtigkeit bewies man mit Protz. was sollte sich daran geändert haben ?
gfh9889d3de 25.01.2014
2.
Zitat von sysopGetty ImagesDie Empörung über die Dienstreisen des ADAC-Präsidenten per Rettungshubschrauber zeigt: Spitzenkräfte aus Politik, Wirtschaft und Kirche sollten ihr Fluggerät mit Bedacht wählen - sonst ist die Karriere in Gefahr. Eine Auswahl denkwürdiger Luftreise-Affären von Scharping bis Süssmuth. http://www.spiegel.de/wirtschaft/flug-affaeren-von-politikern-und-managern-von-scharping-bis-suessmuth-a-945403.html
Bonusmeilen-Özdemirs abgestrittenen Hubschrauberflug vergessen? http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.oezdemir-ein-kurzer-flug-wird-zur-bauchlandung.ea9426c4-2618-4606-987a-40aa2916b757.html Das Interview danach auf DRADIO war übrigens extrem erhellend ("Als Vorsitzender einer Bundespartei behalte ich mir auch in Zukunft die Wahl des Verkehrsmittels vor"). Oh. Das perlte an ihm ab? Dann ist ja gut.
Scheidungskind 25.01.2014
3. ...
Will uns der Autor sagen, Flugreisen sind - z.T. unabhängig vom Anlaß des Fluges wie auch wirtschaftlicher Erwägungen - immer ein Aufreger, der sich von oberflächlich recherchierenden Journalisten binnen kürzester Zeit in hohe Klickzahlen aufgewiegelter Leser umsetzen lassen? Aus einer Cashflow-Sicht war der Flug des ADAC-Präsidenten von Hamburg nach Wolfsburg im Jahre 2003 eine goldrichtige Entscheidung. Dass der gestrige Artikel dazu nicht zwischen Marktpreisen für Hubschrauberflüge sowie den variablen Betriebskosten für den Flug unterscheidet, spricht für diese These. Ich halte es zudem für sehr wahrscheinlich, dass es sich beim Flug des ADAC-Präsidenten nach Wolfsburg auch um einen Promotionsflug gehandelt hat - schließlich befindet sich am Zielort mit der Autostadt von VW eine der größten Touristenattraktionen und Event-Orte Niedersachsens. Ob die Spiegel-Autoren bei solch zweifelhaften Leistungen wohl bereit sind, mit sich selbst genauso hart ins Gericht zu gehen, wie mit ihren - mittlerweile empfinde ich das so - bemitleidens- und unterstützenswerten Opfern?
rotkaeppchen_online 25.01.2014
4. Verhältnismäßigkeit
Zitat von sysopGetty ImagesDie Empörung über die Dienstreisen des ADAC-Präsidenten per Rettungshubschrauber zeigt: Spitzenkräfte aus Politik, Wirtschaft und Kirche sollten ihr Fluggerät mit Bedacht wählen - sonst ist die Karriere in Gefahr. Eine Auswahl denkwürdiger Luftreise-Affären von Scharping bis Süssmuth. http://www.spiegel.de/wirtschaft/flug-affaeren-von-politikern-und-managern-von-scharping-bis-suessmuth-a-945403.html
Typische deutsche Spitzenmanager mit 3 Millionen Euro Jahreseinkommen haben bei ca. 3000 Arbeitsstunden im Jahr einen Stundensatz von 1000,-€. Das relativiert die Flugkosten. Allerdings ist Privates und Berufliches zu unterscheiden. Bei Herrn Scharping war es ein lächerlicher Fall, weil er seinen Urlaub abbrach, um Dienstliches zu erledigen und dann mit der Flugbereitschaft zurück zum Urlaubsort flog. Es war nur eine billige und durchschaubare politische Hasenjagd. Beim ADAC sieht es anders aus. Ein Rettungshubschrauber ist ein Rettungshubschrauber, ob Ersatzmaschine oder nicht. Wer diese zweckentfremdet, hat seinen Hut zu nehmen. Während ich viele Diskussionen der letzten Jahren, z.B. die "Dienstwagenaffäre" von Rita Süßmuth. absurd empfand, wenn man es mit Starfighter Affären anderer Politiker vergleicht, oder wenn ich an Millionenschwere schwarze Kassen von Parteien denke, geht es beim ADAC um eine ganz andere Qualität. Der ADAC ist in seiner Kernkompetenz, der Straßenwacht, ein wichtiger Verein. Alle darüber hinaus gehenden Wirtschaftsleistungen unter dem Deckmantel des Vereinswesens und vor allem die unerträgliche politische Einflußnahme im angeblichen Namen von Millionen Mitgliedern, sind dagegen unerträglich. Die "Krake" ADAC in zwei Bereiche aufzuteilen, den eigentlichen Verein zur gegenseitigen Hilfe im Straßenverkehr sowie den ganzen anderen überteuerten Plunder, ist längst überfällig. Warten wir auf die weitere Entwicklung ab. Das es um bayern geht, würde ich vermuten, dass dem ADAC keine weiteren Konsequenzen drohen, sobald er sein politisches "Mandat" reduziert. Aber wir lernen, Horst Seehofer ist inzwischen ähnlich mächtig wie einst FJS oder Birne. Das sollte den Wählern zu denken geben. Andererseites scheint man in weiten Teilen Bayern immer noch von Königen zu träumen. :)
www.starpicture.biz 25.01.2014
5. Ehrbarkeit
Die Kommentare zeigen, dass es immer noch Menschen gibt, die an die Ehrbarkeit von Politikern oder Top-Manager glauben. Die müssen natürlich enttäuscht sein. Aber Ehrbarkeit in Politik und Wirtschaft sind ein Relikt aus früherer Zeit.
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