Fluggesellschaft Emirates "Wir müssen mit 30 Prozent Wachstum fertig werden"

Angstgegner Emirates: Die Edel-Airline aus Dubai bringt mit ihrer rasanten Expansion die Konkurrenz gegen sich auf – die Lufthansa hofft gar auf staatlichen Schutz. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht Emirates-Chef Tim Clark über seine Deutschland-Ambitionen und sein Treffen mit Angela Merkel.


SPIEGEL ONLINE: Herr Clark, Emirates ist wieder mal der Böse der Luftfahrtbranche. In Deutschland will das Verkehrsministerium die Lufthansa vor Ihnen schützen, Ihnen die Landung in Stuttgart und Berlin versagen. Auch in Kanada und Neuseeland stößt Ihre Expansion auf Widerstand – mögen Sie die Schurkenrolle?

Clark: Nein. Wir haben es schon den Australiern gesagt und tun es jetzt wieder bei Deutschen, Neuseeländern und Kanadiern: Zeigt uns, dass wir das Geschäft Eurer Fluglinien schädigen – und wir ziehen uns aus Eurem Land zurück. Wir sind seit 1987 in Deutschland. Plötzlich beklagt sich die Lufthansa, plötzlich mobilisieren EU, Bundesregierung und Anteilseigner gegen uns ...

SPIEGEL ONLINE: ... das Verkehrsministerium erwägt offen Maßnahmen zugunsten der Lufthansa.

Clark: Ist das nicht überraschend? Im 21. Jahrhundert! Die Lufthansa agiert in einem globalen Markt, der sich wandelt. Damit müssen ihr Chef Wolfgang Mayrhuber und sein Management doch fertig werden. Wenn ein Produkt auf den deutschen Markt gebracht wird, zu einem fairen Preis und bei guter Qualität – warum sollten Verbraucher dazu keinen Zugang haben? Warum sollen sie gezwungen werden, nur via Frankfurt in alle Welt zu fliegen?

SPIEGEL ONLINE: Aber auch Sie waren doch bei Angela Merkel, um für Ihre Sache zu werben.

Clark: Ich bin mit unserem Chairman Scheich Ahmed vier Monate lang zwischen Dubai und Berlin hin- und hergeflogen, um zu erklären, dass es bei jeder Geschichte zwei Seiten gibt. Bei Frau Merkel war ich im November mit Scheich Ahmed, er war dann noch einmal im Januar da.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat sie reagiert?

Clark: Scheich Ahmed und ich waren beeindruckt. Wir konnten sehr business-like mit ihr reden. Ich habe sie als ausgewogen empfunden, definitiv pro Liberalisierung und pro Industrie. Aber natürlich muss sie eine Koalition führen.

SPIEGEL ONLINE: Und was wird jetzt aus Ihrer Deutschland-Strategie?

Clark: Wir haben weiter Stuttgart und Berlin im Visier. Die Stuttgarter sind unheimlich erpicht darauf, sie haben schon Eingaben an die Bundesregierung gerichtet – im geringeren Maße auch Berlin. Wenn der Großflughafen Berlin Brandenburg International 2011 eröffnet wird, wollen die dort doch auch ausländische Gesellschaften sehen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn die Lufthansa auf einmal massiv nach Dubai vordringen würde, wäre es Ihnen doch auch nicht recht?

Clark: Selbst wenn Lufthansa 50-mal täglich Dubai anfliegen würde, würde ich nicht zur Regierung rennen und sagen: "Verbietet das!" Zur Zeit fliegen wir 49-mal wöchentlich nach Deutschland. Wir dürfen nach den bestehenden Luftverkehrsabkommen Frankfurt, München, Düsseldorf und Hamburg so oft anfliegen, wie wir wollen. Aber als wir nach Stuttgart und Berlin fragten, ist uns das ganze Ding um die Ohren geflogen. Das ist völlig aus dem Ruder gelaufen.

SPIEGEL ONLINE: Die ganze Debatte scheint der Entwicklung von Emirates nicht zu schaden.

Clark: Ich muss mit 30 Prozent Wachstum fertig werden in diesem Jahr. Das kann ich überhaupt nicht schaffen. Wir haben jetzt 104 Flugzeuge, die Auslastung war in der vergangenen Woche so hoch wie nie. Inzwischen benutzen wir Etihad Airways aus Abu Dhabi, gut 100 Kilometer von Dubai entfernt, als Überdruckventil. Die nehmen uns Passagiere ab, die wir nicht befördern können. Unser Geschäft platzt aus allen Nähten.

SPIEGEL ONLINE: Und das im Sommer, wo es in Dubai extrem heiß ist.

Clark: Die Leute kommen auch bei 46 Grad Celsius hierher – schließlich wüten in Südeuropa Waldbrände, und es gibt keine Klimaanlagen. Hier in Dubai sind sogar die Swimmingpools gekühlt. Wir versuchen, das auch der deutschen Regierung zu erklären: Wir fliegen nicht vorrangig Leute von Berlin nach Melbourne. Es geht um Urlauber, die in Dubai bleiben wollen.

SPIEGEL ONLINE: Wohin wollen Sie weiter expandieren?

Clark: China, Südamerika, Nordamerika, Australien, Asien. Und Afrika ist wie eine reife Pflaume, die man nur pflücken muss. Wir sind noch nicht einmal zur Hälfte mit dem durch, was wir vorhaben.

SPIEGEL ONLINE: Für die Expansion hatten Sie ab August 2008 mit 55 Airbus A380 geplant – die sich verspäten. Wie ist Ihr Verhältnis zu Airbus?

Clark: Es hat gelitten, wie bei allen A380-Kunden. Das ist hoffentlich Geschichte. Louis Gallois hat die EADS-Führung übernommen, seine Stellung ist gefestigt, das Unternehmen integriert. Airbus hat nun eine große Chance, ein sehr profitables, gut geführtes Unternehmen zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Ausgerechnet jetzt übernimmt Tom Enders bei Airbus das Ruder, der keine Affinität zur zivilen Luftfahrt hat. Laut Presseberichten ist er bisher nicht mal im A380 geflogen.

Clark: Ich bin mir sicher, dass Louis Gallois weiter ein waches Auge auf Airbus wirft. Ich habe Tom Enders noch nicht kennengelernt, aber er wird sich mit der Welt der kommerziellen Luftfahrt vertraut machen müssen. Airbus braucht jetzt schnelle, fokussierte Entscheidungsprozesse – in einigen Bereichen auch drakonische. Daran wird Tom Enders wachsen.

Das Interview führte Andreas Spaeth, Dubai



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