Flughafen Tempelhof Per Flugzeug zum Arzt

Zwei Investoren wollen aus dem Berliner Flughafen Tempelhof mit Millionenbeträgen eine Klinik oder ein Schulungszentrum machen - wenn das Gelände weiter angeflogen werden darf. Berlin will aber den Flugbetrieb einstellen, obwohl die Stadt die Investition gut gebrauchen kann. Heute soll ein Gericht entscheiden.

Von


Hamburg/Berlin - Berlin hat drei Verkehrsflughäfen - ein bisschen viel selbst für die Bundeshauptstadt, zudem sei keiner wirklich groß genug, fanden Politiker von CDU und SPD vor zehn Jahren und beschlossen den Ausbau des Flughafens Schönefeld zum Groß-Airport Berlin Brandenburg International (BBI). Dafür sollte Tempelhof geschlossen werden. Das sah ein Konsensbeschluss von 1996 für den Fall vor, dass eine rechtskräftige Baugenehmigung für BBI vorliegt. Der dritte Berliner Flughafen, Tegel, soll schließen, sobald der BBI-Betrieb beginnt. Die Tempelhof-Betreibergesellschaft beantragte schließlich aus betriebswirtschaftlichen Gründen die Einstellung des Flugbetriebs, und zwar zum 31. Oktober 2007.

Doch was anschließend auf dem Gelände in Tempelhof entstehen soll, ist ungewiss. Ein neuer Dienstsitz des Bundesinnenministeriums war zeitweise im Gespräch, ebenso ein Geschäftszentrum, eine Formel-1-Rennbahn, ein Museum, aber auch ein Zeltplatz, ein Park oder Kleingärten. Noch ist nicht einmal klar, ob die Schließungsverfügung der Berliner Senatsverwaltung überhaupt umgesetzt, ob also der Flughafen tatsächlich dicht gemacht wird. Mehrere Fluggesellschaften mit Sitz in Tempelhof klagten gegen die geplante Schließung. Heute soll nun das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg urteilen, ob die Entscheidung der Berliner Senatsverwaltung die Rechte der Airlines verletzt.

Volksbegehren gegen Flughafenschließung

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hat in dem seit Jahren andauernden Streit über die Zukunft des Flughafens Tempelhof eine klare Position. "Wir sagen, er wird geschlossen, das ist ganz eindeutig", sagte er am Donnerstag im Berliner Abgeordnetenhaus. Auch die mitregierende Linkspartei und die oppositionellen Grünen sind dafür. "Die Debatte muss endlich ein Ende haben", sagt Wowereit.

Doch die wird so schnell nicht zu stoppen sein. "Selbst wenn das Gericht urteilt, dass die Schließung formal korrekt ist, werden wir uns um ein Volksbegehren bemühen", sagt Wolfgang Przewieslik von der Interessengemeinschaft City-Airport Tempelhof (Icat) in Berlin, einem Verein mit 1200 Mitgliedern, der für eine wirtschaftliche Nutzung des Flughafens kämpft. "Es kann doch nicht sein, dass Berlin einerseits hoch verschuldet ist und Geld vom Bund verlangt, andererseits aber eine ganze Reihe von Investoren für ein Tempelhof-Konzept vergrätzt", sagt Przewieslik.

Über 5000 Unterschriften hat der Verein bereits gesammelt, 20.000 benötigt er, um die erste Hürde zum Volksbegehren zu nehmen. "Wir begleiten die Bemühungen der Fluggesellschaften mit Wohlwollen", sagt Przewieslik. "Aber wir sind auch offen für jede andere Art der wirtschaftlichen Nutzung." Soll heißen: für jedes Projekt, das den Flugbetrieb aufrechterhält. Zum Beispiel auch für ein neues Gesundheitszentrum.

Manche Zeitungen schrieben von einer "Luxusklinik". Initiator Fred Langhammer ärgert sich über diesen Begriff. "Was wir planen, ist eine ambulante Klinik, in der sich jeder behandeln lassen kann." Allerdings sehen die Pläne einen Bereich für gesetzlich Versicherte und einen zweiten Bereich für internationale Privatpatienten vor.

Per Flugzeug zur ambulanten Behandlung

Der 62-jährige Bayer Langhammer, der nach eigenen Angaben als 18-Jähriger "mit 50 Dollar in der Tasche" in die USA auswanderte, schaffte es beim Kosmetikkonzern Esteé Lauder bis zum Chefposten. Gemeinsam mit dem US-Unternehmen will der Ex-Lauder-Chef 350 Millionen Euro in eine Klinik in Tempelhof investieren; auch ein Schulungszentrum, eine Forschungsstätte und ein Hotel sind in seinem Konzept vorgesehen.

"Für uns ist wichtig, dass man in Tempelhof weiterhin mit dem Flugzeug anreisen kann", sagt Langhammer. "Wir rechnen im ersten Jahr mit 120.000 Patienten aus Berlin und rund 5000 ausländischen Patienten." Diese sollen mit ihren Privatjets direkt neben der Klinik landen dürfen, sich behandeln lassen und wieder abreisen. "Dafür sehen wir ein enormes Potential, und nur so würde sich das Gesundheitszentrum wirtschaftlich lohnen. Ohne Flugbetrieb müssen wir unsere Investitionspläne überdenken", sagt er.

Daher hält die von Langhammer eigens für das Tempelhof-Projekt gegründete Investorengruppe Central European Development auch nicht nach einem alternativen Standort in Berlin Ausschau. "Tempelhof ist ein Standort, der ein erstklassiges Gesamtkonzept verdient", sagt Langhammer. "Schließlich steht dieser Flughafen symbolisch für die Luftbrücke zwischen 1948 und 1949, es ist ein Symbol für die transatlantischen Beziehungen und ein historischer Ort für Deutschland." Der Gebäudekomplex sei "architektonisch und historisch bemerkenswert".

Die Gegner einer Schließung zitieren gerne den britischen Stararchitekten Norman Forster mit der Aussage: "Tempelhof ist die Mutter aller Flughäfen." Auch sein deutscher Kollege Meinhard von Gerkan muss häufiger mit einem Zitat herhalten: "Es gibt nur ein Flughafengebäude in Deutschland, ja in Europa, das vollständig und so konsequent auf seine eigentliche Funktion ausgerichtet wurde und heute noch ausgerichtet ist." So einen Flughafen, sagen sie, könnte man doch nicht schließen.

Architektonisches Prestige-Projekt der Nazis

Denen, die Tempelhof nicht mögen, reicht ein Wort als Kritik: "Hitlerbau". Der Flughafen wurde zwar schon 1923 in Betrieb genommen, der mit 1,2 Kilometern Länge und 307.000 Quadratmetern angeblich zweitgrößte Gebäudekomplex der Welt nach dem Pentagon in Washington entstand aber erst in den dreißiger Jahren als deutsches Prestige-Projekt.

Der Bund, dem 83 Prozent des Flughafengebäudes gehören, steht auf der Seite der Berliner Landesregierung. Demnach sei ein Weiterbetrieb von Tempelhof rechtlich nicht durchsetzbar, heißt es aus dem Bundesfinanzministerium. Wenn dort weiterhin Flugzeuge starten und landen dürften, würde das die juristische Rechtfertigung für den Ausbau von Schönefeld zum BBI gefährden. Andere Quellen sprechen mit Blick auf Langhammers Investitionspläne von einem "durchaus tragfähigen Konzept".

In der vergangenen Woche hat sich nun ein zweiter Interessent gemeldet: Die Investorengruppe Capricorn Management mit Sitz im kalifornischen Silicon Valley hat eigenen Angaben zufolge Berlin und dem Bund ein neues Konzept vorgelegt - für ein großes Schulungszentrum. Eine Summe nannten die Amerikaner nicht. In Berlin gebe es derzeit rund 1,7 Millionen Quadratmeter ungenutzte Gewerbefläche, Tempelhof müsse sich daher schon hervorheben. Eine Investition komme dort nur unter einer Bedingung in Frage: dass dort auch in Zukunft Flugzeuge starten und landen dürften.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.