Flughafenanbindung Münchner meutern gegen Transrapid

Auf einer der größten Münchener Bürgerversammlungen aller Zeiten attackiert die Bevölkerung der Isarmetropole geschlossen die geplante Transrapid-Trasse zwischen Hauptbahnhof und Flughafen. Vertreter von Deutscher Bahn und CSU sind düpiert.

Von , München


München – Jetzt reicht es Hans-Peter Uhl aber wirklich. Mit hochrotem Kopf erklimmt er die Tribüne des Löwenbräukellers am Münchner Stiglmaierplatz, rückt sich das Mikrofon zurecht und poltert los: "Seien Sie sich sicher, Sie kriegen keine alternative S-Bahn. Entweder sind Sie für den Transrapid oder dagegen, die S-Bahn ist ein Phantom!"

Münchner Angst- oder Wunschtraum: Der Transrapid vor dem Flughafen - in einer Computersimulation
DDP

Münchner Angst- oder Wunschtraum: Der Transrapid vor dem Flughafen - in einer Computersimulation

Daraufhin verfärben sich auch die Köpfe der 1.400 Münchner im Saal. Sie pfeifen und buhen den CSU-Bundestagsabgeordneten Uhl aus. Der fuchtelt empört mit den Händen: "Wir haben in Berlin einen Koalitionsvertrag unterschrieben, da steht der Transrapid drin!" Gelächter schallt ihm entgegen, aus Hunderten von Kehlen ertönt es "Wir, hahaha, wir doch nicht!".

Der traurige Auftritt des Hans-Peter Uhl am Freitag Abend spiegelt die Stimmungslage auf der Bürgerversammlung der sieben von einer möglichen Transrapidtrasse betroffenen Bezirke wider: Die Münchner wollen keinen Transrapid auf den 37 Kilometern zwischen Hauptbahnhof und Flughafen, weil er ihre Stadt zerschneidet und mit rund 300 Kilometern pro Stunde ebenerdig, auf Ständern und im Tunnel an und unter ihren Häusern vorbeisausen soll. Stattdessen wollen sie den "Munich Airport Express" (MAEX), eine S-Bahn, die die Strecke zum Flughafen in etwa 25 statt wie bisher in 42 Minuten zurücklegt.

OB Ude: "Teuerster Vorort-Zug der Welt"

Das Problem: Als industriepolitisches "Leuchtturmprojekt" will die Bundesregierung den Bau der Transrapidstrecke zu einem großen Teil finanzieren. Die auf 625 Millionen Euro veranschlagte S-Bahn-Strecke aber natürlich nicht. Die steht ja schließlich nicht im Koalitionsvertrag. Deshalb schleudert der aufgebrachte Hans-Peter Uhl der Menge entgegen, dass man nicht einfach das für den Transrapid reservierte Geld anderweitig verplanen könne: "Dann könnten Sie ja auch das Geld für den Kongo-Einsatz der Bundeswehr nehmen und in Ihre S-Bahn stecken."

Das stimmt zwar, doch suggeriert Uhl analog zur bayerischen Staatsregierung, dass die Finanzierung für den Transrapid schon stehe. Die Merkel-Regierung aber will nur 550 Millionen Euro für das Prestigeprojekt locker machen. Insgesamt kostet der "teuerste Vorort-Zug der Welt", wie ihn Münchens Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) im Löwenbräukeller bezeichnet, nach Schätzungen der Deutschen Bahn 1,85 Milliarden Euro. Bayern will sich nach Aussagen von Wirtschaftsminister Erwin Huber (CSU) mit 185 Millionen beteiligen.

Industrie hat kein Interesse an Münchner Transrapid

Fehlt also noch eine runde Milliarde. Die holt sich Huber per Luftbuchung: Die Bahn habe ebenfalls rund 185 Millionen zugesagt, heißt es im Wirtschaftsministerium. Außerdem könne man sich eine Beteiligung der EU vorstellen und die Industrie werde auch mitmachen. Nach Informationen des SPIEGEL aber lehnen die Transrapid-Hersteller Siemens und ThyssenKrupp eine Beteiligung kategorisch ab, sie setzen auf Transrapid-Projekte in China und Katar.

Vielleicht hat Erwin Huber in den vergangenen Tagen deshalb den Druck auf die Bundesregierung erhöht: Da für deutsche Transrapidprojekte insgesamt 2,3 Milliarden Euro vorgesehen seien, forderte Huber von Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) eine Erhöhung der Beteiligung am bayerischen Projekt auf 1,15 Milliarden. Bis zum Herbst, so Huber, solle die Finanzierung stehen. Aus Berlin erfolgte mit Hinweis auf die geringe bayerische Beteiligung prompt die süffisante Absage: "Wer derart knausrig aber lauf pfeifend durchs bajuwarische Unterholz marschiert, erweckt den Eindruck, er wolle keinen Transrapid, sondern einen dieselgetriebenen Schienenbus", hieß es aus dem Verkehrsministerium.

Deshalb sind die Münchner Transrapid-Gegner in guter Stimmung. Etliche Initiativen organisieren bereits den Protest. Am Eingang des Löwenbräukellers erhalten betroffene Bürger einen juristischen Vordruck um "im Rahmen des Planfeststellungsverfahrens zum Neubau einer Magnetschwebebahn" Einwendungen zu erheben. Bis Juni noch läuft die Frist.

Münchner zur Bahn: "Ohhh, ihr Armen"

Weil außerdem die Stadt einen Verkehrsexperten beauftragt hat, das alternative S-Bahn-Konzept mit Computeranimationen zu präsentieren, sind die anwesenden Vertreter der Bahn etwas verwirrt: "Wir wussten nicht, dass wir heute dem MAEX gegenüber gestellt werden", sagt Johannes Keil, Geschäftsführer der DB Magnetbahngesellschaft. "Ohhh, ihr Armen", erschallt es aus dem Publikum.

Im Herbst 2007 will die Bahn mit den ersten Bauarbeiten an der Trasse beginnen – wenn die Finanzierung steht und juristisch alles glatt läuft. Im Publikum wird bereits zur vorsorglichen Bildung von Klägergemeinschaften aufgerufen. "Wir werden bis zuletzt kämpfen", sagt Reinhard Bauer, Vorsitzender eines von der Trassenführung betroffenen Siedlervereins. Ein anderer empört sich über das "undemokratische Verhalten der Staatsregierung, diesen Tiefflieger auf Stelzen durchzuboxen". Die Anwohner fürchten Lärmbelästigungen und Erschütterungen – immerhin soll der Transrapid im Zehn-Minuten-Takt verkehren. "Das bedeutet alle fünf Minuten Lärm", empört sich einer. Jedes siebte Kind lebe von Sozialhilfe, "aber für so ein Spielzeug haben wir Geld", ärgert sich eine andere.

Am Ende gibt es noch eine Abstimmung. Die ist zwar nicht bindend, kann aber eine "gewichtige Empfehlung an die Politik" darstellen, sagt Oberbürgermeister Ude. Rund 95 Prozent der Anwesenden sprechen sich gegen den Transrapid aus. Da kann der Projektgegner Ude ein vergnügliches Lächeln nicht verbergen: "Das ist die Stunde der Bürgerschaft."



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