Fluglinien nach den Reisewarnungen Alle aussteigen, bitte!

Gerade hatten sich die Fluggesellschaften über wieder steigende Buchungszahlen gefreut, da machen die erneuten Reisewarnungen die Hoffnung zunichte. Experten sehen für die kommenden Monate schwarz.
Flughafen in Madrid: Hiobsbotschaften aus den Nachbarländern

Flughafen in Madrid: Hiobsbotschaften aus den Nachbarländern

Foto: FERNANDO VILLAR/EPA-EFE/Shutterstock

Die wieder steigenden Corona-Infektionen in Europa und neuen Reisewarnungen für Spanien bremsen die Erholung des Luftverkehrs abrupt. Diese Warnungen "haben einen extrem negativen Einfluss", sagte Peter Gerber, der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL), am Mittwoch. Nach dem Ende der Lockdowns habe sich im Juli das Geschäft vieler Airlines spürbar belebt. Aber im August lasse die Nachfrage schon wieder nach. "Da helfen die Reisewarnungen für Spanien nicht", sagte Gerber. Insgesamt sei der Luftverkehr durch die diversen Reisebeschränkungen noch immer zu ungefähr 70 Prozent blockiert.

Fast überall in Europa geht die Zahl der positiven Corona-Tests gerade nach oben: ob in Spanien oder Frankreich, Italien oder Deutschland. Ist das schon die zweite Welle oder nur ein vorübergehender Anstieg? So oder so schaden die vielen neuen Fälle den Fluggesellschaften ungemein.

Mitte Juni, zum Start der Ferienzeit, schöpfte die Branche Hoffnung. Da öffneten Deutschland und andere europäische Staaten ihre Grenzen zueinander wieder, nachdem sie monatelang dichtgemacht hatten. Und Reisende trauten sich wieder in die Flugzeuge: nicht so viele Menschen wie in normalen Sommern. Aber von Woche zu Woche wurden es mehr. Und die meisten stellten sich schnell ein auf die "neue Normalität" mit Maske im Flieger und am Gate.

Doch jetzt müssen die Airlines schon wieder einbrechende Geschäfte fürchten, vor allem wegen der Reisewarnungen für Spanien, Südeuropas Tourismusland Nummer eins. Ende Juli legte das Londoner Foreign Office vor; am Wochenende zog das Auswärtige Amt in Berlin nach.

Die britische Quarantänepflicht und die deutsche Testpflicht mögen sinnvoll sein, um die Pandemie einzudämmen. Für die Fluglinien sind sie der nächste Tiefschlag. Ein Schlag, der mancher Airline den Knock-out versetzen könnte. Nach einem katastrophalen Halbjahr, in dem die Nachfrage nach Flügen europaweit um 62 Prozent einbrach.

Die Billigflieger rüsten ab

"Solche Reisewarnungen treffen die Luftfahrtbranche momentan eins zu eins", sagt Björn Bohlmann, Verkehrsexperte des Beratungshauses Horváth & Partner. Und einige Gesellschaften reagieren sofort. Ryanair etwa will seine für September und Oktober geplanten Verbindungen nun um ein Fünftel kappen - darunter zahlreiche Flüge nach Spanien. Die irischen Billigflieger begründen dies mit massiv gesunkenen Buchungszahlen in den vergangenen Tagen.

Vor wenigen Wochen noch wollte Ryanair die Kapazitäten auf immerhin 70 Prozent des normalen Volumens hochfahren. Denn zu Ferienanfang waren die Ticketverkäufe besser als zunächst befürchtet. Nun aber trauen sich insbesondere die Briten kaum noch von ihrer Insel. Hat doch ihre Regierung gerade auch für Ankömmlinge aus Frankreich oder den Niederlanden wieder eine generelle Quarantäne angeordnet.

Maschinen von Ryanair und Lufthansa in Berlin (Archivbild)

Maschinen von Ryanair und Lufthansa in Berlin (Archivbild)

Foto: Rüdiger Wölk / imago images

Wettbewerber Easyjet wird nun gleich drei britische Standorte komplett schließen: die Basen in Stansted und Southend bei London sowie in Newcastle. 670 Mitarbeiter werden hier wohl ihren Arbeitsplatz verlieren. Insgesamt plant die Airline, mindestens 4500 Stellen abzubauen.

Dabei geht es Europas großen Billigfliegern noch vergleichsweise gut. Erstens haben Ryanair, Easyjet und WizzAir in den fetten Jahren beachtliche Finanzreserven aufgebaut oder sich frühzeitig in der Pandemie frisches Geld am Kapitalmarkt besorgt. Zweitens können sie bestimmte Routen bei Passagiermangel einfacher kappen. Denn sie fliegen in der Regel nur von Punkt zu Punkt - wohingegen Carrier wie die Lufthansa oder Air France mit ihren komplexen Drehkreuzen weltumspannende Netzwerke mit Zubringer- und Anschlussflügen erhalten müssen. Drittens heuern manche Billigflieger Teile ihres Cockpit- und Kabinenpersonals über Dienstleister an. Entsprechend flexibel können sie diese Mitarbeiter freistellen und so die Kosten senken. Und nichts ist für sie gerade so wichtig wie Flexibilität.

"Das Geschäft verändert sich dramatisch: manchmal von einer Stunde auf die nächste", sagt Tobias Grosche, Professor für Verkehrslehre und Touristik an der Hochschule Worms. "Nichts ist mehr vorhersehbar." Regierungen beschließen so plötzlich neue Corona-Maßnahmen, dass es manchmal sogar die eigenen Politiker trifft - etwa den britischen Verkehrsminister Grant Shapps, der in Spanien urlaubte, als die Ankündigung der Quarantäne ihn und Tausende andere britische Touristen überraschte.

Wie lange hält ein Staat seine schützende Hand über eine Airline?

"Es wird weiter viel Hin und Her geben und die Durststrecke für die Luftfahrt wird noch lange dauern", sagt Grosche. "Ich gehe davon aus, dass die eine oder andere Fluggesellschaft die kommenden Monate nicht überleben wird." In schwieriger Lage ist zum Beispiel die Billigairline Norwegian. Sie steckte schon vor der Pandemie in erheblichen finanziellen Schwierigkeiten. Auch die polnische LOT, die vor wenigen Monaten noch die deutsche Condor schlucken wollte, steht schlecht da. Allerdings kann sie auf Hilfe der Regierung in Warschau vertrauen.

"Solange der Staat seine schützende Hand über eine Airline legt und Geld gibt, ist sie sicher", sagt Grosche. "Die Frage ist: Wie lange können sich Staaten das noch leisten?" Eine Antwort ist: manchmal über Jahre hinweg. Die dauerdefizitäre Alitalia etwa hätte sich längst im Nichts aufgelöst - aber sie kriegt Dauerunterstützung der italienischen Regierung

Norwegian-Maschine in Schönefeld: Schwierige Lage

Norwegian-Maschine in Schönefeld: Schwierige Lage

Foto: Patrick Pleul / DPA

Auch Deutschlands einstige Vorzeigelinie Lufthansa würde ohne die Milliardenhilfen aus Berlin in Existenznot geraten. Konzernchef Carsten Spohr spricht seit Monaten von einer "Zäsur" des globalen Luftverkehrs. Zuletzt haben sich seine Voraussagen weiter verdüstert. "Vor 2024 rechnen wir nicht mehr mit einer anhaltenden Rückkehr der Nachfrage auf das Vorkrisenniveau", erklärte er kürzlich. Das wäre noch ein Jahr später, als Spohr bislang erwartet hatte.

"Vor uns liegt eine lange, lange Durststrecke - selbst dann, wenn Impfstoffe rasch zur Verfügung stehen", sagt BDL-Chef Gerber, der zugleich die Lufthansa-Frachtsparte leitet. Sein Konzern muss im Passagiergeschäft dauerhafte Umsatzrückgänge fürchten. Vor allem bei den für sie besonders wichtigen Geschäftsreisenden - die oft Businessclass fliegen und entsprechend hohe Gewinnmargen bringen. Laut einer Befragung des Münchner Ifo-Instituts planen drei von fünf deutschen Unternehmen, Dienstreisen und Vor-Ort-Meetings dauerhaft einzuschränken. Viele Betriebe haben in der Pandemie Videokonferenzen als Alternative zum Besuch in der Ferne entdeckt.

Auch an den deutschen Flughäfen herrscht Flaute. Sie zählten im Juli deutschlandweit nur ein Fünftel so viele Besucher wie vor einem Jahr. Und im August ist kaum Besserung in Sicht, gerade wegen der Reisewarnungen. "Wenn wir wollen, dass Luftverkehr wieder selbst seinen Betrieb finanziert", sagt Gerber, "müssen wir daran arbeiten, die Reiseblockaden wieder aufzuheben, vor allem im Transatlantikverkehr."

83.000 Beschäftigte von Fluggesellschaften und Flughäfen sind in Deutschland noch immer in Kurzarbeit. Und wie realistisch die Lobby ihre eigene Forderung nach dem Ende der Reiseblockaden einschätzt, lässt ein anderes Ansinnen des BDL erahnen: Der Staat soll das Kurzarbeitergeld bis zum übernächsten Jahr weiterzahlen.

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