Trendumkehr schon vor der Coronakrise Weniger Menschen nutzen Inlandsflüge

Kurzstreckenflüge gelten als Klimakiller – und könnten nach der Bundestagswahl auch politisch unter Beschuss geraten. Neue Zahlen der Branche zeigen, dass das Segment schon seit Jahren rückläufig ist.
Check-in-Schalter am Flughafen Hamburg

Check-in-Schalter am Flughafen Hamburg

Foto: Markus Scholz / picture alliance/dpa

Der Luftverkehr hat in Deutschland einen schweren Stand – nicht nur rund um die Bundestagswahl. Er steht als Synonym für Umweltverschmutzung wie kaum eine andere Branche in der Wirtschaft. Immer wieder werden vor allem kurze Flugstrecken kritisiert, die Reisende doch besser mit der Bahn zurücklegen sollten.

Neue Daten zeigen, dass immer weniger Menschen Kurzstreckenflüge nutzen. Der Flughafenverband ADV hat analysiert, wohin Passagiere wirklich fliegen wollen und welche Rolle innerdeutsche Flüge spielen. Die Untersuchung endet 2019, weil danach durch die Coronavirus-Pandemie der Luftverkehr teilweise nahezu komplett zum Erliegen kam. Seit diesem Sommer verzeichnet die Branche wieder eine leichte Erholung, ist allerdings von den Passagierzahlen der Vor-Coronazeit noch weit entfernt.

Kurzstrecken spielten für die Passagiere demnach in den vergangenen Jahren eine untergeordnete und abnehmende Rolle. Zwischen 2011 und 2019 flogen 81,4 Prozent der Passagiere von deutschen Flughäfen aus ins Ausland. Insgesamt kamen jedes Jahr im Beobachtungszeitraum rund sechs Millionen Passagiere dazu – trotz der 2011 eingeführten Luftverkehrsteuer. Die Zahl der Flüge blieb jedoch mehr oder weniger konstant. Das Wachstum wurde also offenbar durch den Einsatz größerer Flugzeuge erreicht.

175.000 innerdeutsche Flugreisende blieben pro Jahr am Boden

Das Segment der innerdeutschen Flüge wurde dagegen kleiner. Zwischen 2011 und 2019 ging die Zahl der Passagiere, die innerhalb des Landes flogen, um 5,7 Prozent zurück – von 24,6 auf 23,2 Millionen. Pro Jahr nutzen im Schnitt 175.000 Flugreisende alternative Reisemöglichkeiten am Boden. Noch deutlicher rückläufig ist laut ADV-Studie die Zahl der Flüge – sie reduzierte sich um 15,7 Prozent. Hierfür macht der Lobbyverband auch ein deutlich kleineres Netzwerk als Grund aus. 2011 gab es noch 22 innerdeutsche Routen mehr als 2019. Ein Grund hierfür ist auch das Ende von Air Berlin.

Airbus A321 beim Start am Flughafen von Palma de Mallorca: Größere Flugzeuge statt mehr Frequenzen

Airbus A321 beim Start am Flughafen von Palma de Mallorca: Größere Flugzeuge statt mehr Frequenzen

Foto: Paul Hanna / REUTERS

Doch ebenso wichtig dürfte die Entkopplung von Nachfrage und Flugbewegungen sein. Mehr Passagiere bedeuten nicht zwangsläufig mehr Flüge. Vielmehr setzen Fluggesellschaften auf größere Flugzeuge, auch stieg auf vielen Strecken die Sitzplatzauslastung. Diesen Sommer setzte Lufthansa etwa nach Mallorca wegen der hohen Nachfrage einen Langstrecken-Jumbo Boeing 747-8 ein.

Die Bahn als Alternative?

Dass kurze Strecken besser mit der Bahn zurückgelegt werden sollten, hat auch die Luftfahrtbranche akzeptiert. ADV-Hauptgeschäftsführer Ralph Beisel sagt: »Die Nachfrage der Reisenden konzentriert sich auf Ziele über 400 Kilometern. Unsere Drehkreuze sind die Tore zur großen Welt. Und auf kurzen Distanzen setzen wir auf die enge Vernetzung mit der Bahn«.

Als Vorbild für die stärkere Verlagerung vom Flugzeug auf die Schiene wird gern Frankreich erwähnt, wo die Regierung im Frühjahr ein Verbot für bestimmte Inlandsflüge beschlossen hat – unter anderem auf Strecken, die mit dem Zug in 2 Stunden 30 Minuten zurückgelegt werden können. Doch würde man in Deutschland vergleichbare Kriterien wie in Frankreich anwenden, wäre von einem solchen Verbot nur die Strecke zwischen Düsseldorf und Stuttgart betroffen.

Neben der Qualität der Bahnverbindung zählt bei der französischen Regelung nämlich auch der Faktor, wie viele Passagiere einen Weiterflug gebucht haben. Sind die Mehrheit der Passagiere auf einer Strecke Umsteiger, darf der Flug in Frankreich weiterhin angeboten werden. Nimmt man die kurze Flugstrecke zwischen Nürnberg und München, liegt der Anteil jener Passagiere, die weiterfliegen wollen, laut Lufthansa bei 97 Prozent. Auf der Route Stuttgart-Frankfurt seien es 96 Prozent, und selbst bei Flügen von Hannover nach Frankfurt wollen 88 Prozent der Fluggäste danach umsteigen.

Vor allem fürchtet man in der Branche, dass ein Verbot von Kurzstreckenflügen die deutschen Drehkreuze schwächen könnte. Denn wer etwa von Hamburg aus in die Ferne fliegen will, muss nicht unbedingt in Frankfurt oder München umsteigen. Stattdessen bietet etwa Turkish Airlines über ihr Hub in Istanbul Flüge in alle Welt an. Im Beobachtungszeitraum wuchs das Flugangebot von Turkish Airlines von deutschen Flughäfen nach Istanbul um 56,6 Prozent. Auch Air France-KLM buhlt um deutsche Kunden und legte bei Zubringerflügen nach Amsterdam zu. Müssten nun Passagiere – statt zu fliegen – zunächst mit der Bahn zu den Flughäfen München oder Frankfurt fahren, weil es keine Flüge mehr gibt, könnte dies ein Problem für Luftverkehrsstandort Deutschland bedeuten, so die Argumentation der Branche.

Mallorca führt bei Europa-Zielen

Während die innerdeutschen Flüge abnehmen, stieg die Zahl der Reisenden auf mittellangen Strecken zwischen 400 und 1500 Kilometern deutlich um 23,3 Prozent. Europa-Flüge sind das größte Segment an den deutschen Flughäfen. Mit 9,8 Millionen Passagieren im Jahr 2019 ist Mallorca das Topziel bis 1500 Kilometer, gefolgt von London, Wien, Zürich und Amsterdam.

Auch auf manchen Europa-Strecken könnte die Bahn als Flugersatz eine Rolle spielen, wenngleich eine kleinere. Laut ADV-Studie würden Passagiere immer dann verstärkt auf Bahnverbindungen umsteigen, wenn attraktive Verbindungen zwischen Metropolen vorhanden seien. Doch das ist nur selten der Fall. Beispiel London.: Mit 502 Kilometern Luftlinie liegt Düsseldorf eigentlich nicht weit weg. Mit dem Flugzeug dauert es 1:35 Stunde, um nach London zu fliegen. Wer sich für die Bahn entscheidet, ist länger als sechs Stunden unterwegs und muss zweimal umsteigen. Auch nach Wien oder Zürich ist die Bahn von vielen Städten aus wenig konkurrenzfähig. So dauert die Zugfahrt von Hamburg nach Zürich siebeneinhalb Stunden; nach Wien gar acht Stunden und zweiundvierzig Minuten. Wenn überhaupt, könnte hier nur der Nachtzug punkten.

Langstrecken wachsen um 26,5 Prozent

Alternativlos bleibt das Flugzeug bei interkontinentalen Verbindungen. Auch hier wuchs das Passagieraufkommen zwischen 2011 und 2019 um 26,5 Prozent. Platz eins belegt mit dem ägyptischen Hurghada ein touristisches Ziel, gefolgt von Dubai und Tel Aviv. Auf Platz vier der Topinterkontinentalziele liegt Singapur, danach folgt New York.

Was die ADV-Studie nicht beantworten kann: Ob und wenn ja in welcher Form sich der Flugverkehr durch die Coronakrise langfristig verändern wird. Kaum einer in der Branche glaubt, dass es einfach so weitergeht wie zuvor. Unternehmen haben gelernt, dass manche Geschäftsreise auch durch eine Videokonferenz ersetzt werden kann. Und selbst Urlauber könnten vorerst im eigenen Land bleiben, statt durch die Welt zu fliegen.

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