Flugzeugmesse in Le Bourget Boeing-Marketingchef Tinseth gönnt Airbus die Super-Show

Die Luftfahrtmesse in Le Bourget geriet zur Airbus-Show: Der Flugzeugbauer trumpfte mit Aufträgen auf wie nie. Konkurrent Boeing sah alt aus. Boeing-Marketingchef Tinseth erklärt im SPIEGEL-ONLINE-Interview, warum ihm das so egal ist - und wie er trotzdem mit Airbus-Managern befreundet sein kann.


SPIEGEL ONLINE: Herr Tinseth, Sie müssen enttäuscht sein: Alle Welt hatte erwartet, Airbus würde hier auf der Messe sehr schlecht dastehen - Jetzt wurden Hunderte von Aufträgen bekannt gegeben. Dagegen sehen Sie ein bisschen alt aus.

Randy Tinseth: Bei den Airbus-Aufträgen gab es für uns keine Überraschungen. Wir haben damit gerechnet, dass Airbus hart arbeiten würde, um diese Bestätigung der Kunden zu bekommen - vor allem für den neuen Langstreckenflieger A350. Und sie sind da ein Stück weiter gekommen. Aber der Erfolg des Fliegers ist damit noch lange nicht bewiesen, und das erste Flugzeug ist noch lange nicht ausgeliefert. Mir ist außerdem der Fokus auf diese eine Woche zu eng. Wir ziehen es vor, die Auftragsentwicklung etwas langfristiger zu beobachten. Deshalb präsentieren wir wöchentlich die eingegangenen Aufträge auf unserer Webseite.

Boeing-Marketing-Chef Tinseth: Hat auf der Messe mit niemandem von Airbus gesprochen
AP

Boeing-Marketing-Chef Tinseth: Hat auf der Messe mit niemandem von Airbus gesprochen

SPIEGEL ONLINE: …während Airbus traditionell Aufträge sammelt, um sie in Le Bourget geballt zu präsentieren. Am Ende des Jahres werden Sie also als Gewinner dastehen? Wie viele Aufträge wollen Sie denn an Land ziehen? Airbus rechnet ja mit etwa 900 Festbestellungen, wie Chefverkäufer John Leahy jetzt erklärt hat.

Tinseth: Wir machen keine Vorhersagen zur Anzahl der Aufträge.

SPIEGEL ONLINE: Airbus hat vor der Messe auch noch viel Lob für die Ankündigung eingeheimst, die Emissionen der Flugzeuge bis 2020 um 50 Prozent zu senken. Warum machen Sie solche klaren Versprechen nicht?

Tinseth: Ich weiß nicht, auf welche Ausgangsbasis sich Airbus bezieht. Die Berechnung, ob sie ihr Versprechen eingelöst haben, wird sehr kompliziert. Ich weiß nicht, wie sie das machen wollen. Wir lassen lieber Taten sprechen. Wir werden 75 Prozent unserer technologischen Entwicklungsgelder dazu einsetzen, die Umwelteigenschaften unserer Flugzeuge zu verbessern. Zusammen mit Virgin Atlantic arbeiten wir bereits an der Entwicklung eines Biotreibstoffs. Ende des nächsten Jahres soll es schon die erste Boeing 747 geben, die mit einer Mischung aus normalem und Bio-Kerosin fliegt. Wir sind sehr aktiv in diesem Bereich.

SPIEGEL ONLINE: Übertreibt es Airbus auf der Messe mit der Imagepflege?

Tinseth: Ach wissen Sie, ich weiß es nicht. Ich habe hier auch noch mit niemandem von Airbus gesprochen. Außer mit einem Freund, den ich getroffen habe.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Freunde bei Airbus?

Tinseth: Natürlich. Wir sind vielleicht Konkurrenten, aber uns verbindet die Liebe zu Flugzeugen. Man hat Freunde auf beiden Seiten des Camps.

SPIEGEL ONLINE: Egal, wo man auf der Messe hinschaut - man sieht nur strahlende Gesichter. Der Flugzeugindustrie scheint es besser zu gehen als jemals - und kein Ende ist in Sicht.

Tinseth: Das stimmt, und der Geschäftsverlauf ist sehr ungewöhnlich. Normalerweise läuft das Geschäft ja in Wellen von etwa sieben bis zehn Jahren. Aber dieser Zyklus, der immerhin schon 2000 begann, ist höchst ungewöhnlich: Es ist immer noch viel Bedarf in Europa und Nordamerika, viele Airlines müssen in den nächsten Jahren ganze Flotten von alten Flugzeugen durch neue ersetzen. Der künftige Bedarf geht nicht wie sonst vor allem von den USA und Europa aus, sondern kommt auch aus dem Asien-Pazifik-Raum, aus Indien und Russland. Es lässt sich überhaupt nicht absehen, wann dieser Aufschwung endet.

SPIEGEL ONLINE: Ihr neues Langstreckenflugzeug Dreamliner, das noch nicht einmal den Jungfernflug absolviert hat, ist schon ausverkauft bis weit nach 2013. Trotzdem sind Sie sehr vorsichtig, wenn es um eine zweite Fertigungsstätte für den Dreamliner geht. Wird die denn nun kommen?

Tinseth: Wir müssen darauf achten, dass unsere Kapazitäten so sind, dass wir damit umgehen können, und dass unsere Zulieferer den Bedarf befriedigen können.

SPIEGEL ONLINE: Mit denen hatten Sie ja in den letzten Wochen einige Probleme. Es wurde sogar ein Notfallteam zu einem Unternehmen nach Japan geschickt - ist der Ausliefertermin für den ersten Dreamliner im Mai nächstes Jahr in Gefahr?

Tinseth: Wir haben sehr viel Erfahrung darin, Zulieferer zu koordinieren. Wir haben in den letzten 30 Jahren 23 neue Flugzeug-Modelle ausgeliefert. 22 davon pünktlich. Nur die 747-400 kam verspätet - drei Monate. Der Dreamliner wird pünktlich kommen, das können Sie mir glauben.

Das Interview führte Anne Seith



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