Folge des Terrors Fluggesellschaften am Boden

Den Fluglinien droht eine ernste Krise. Passagiere stornieren massenhaft ihre Flüge. Nun reagieren auch die europäischen Airlines - sie entlassen Personal und streichen Verbindungen.


Der Flughafen Newark am 12. September
AFP

Der Flughafen Newark am 12. September

Frankfurt am Main - Analysten waren ohnehin von einem schwierigen Jahr für die Fluggesellschaften ausgegangen. Nach den Terroranschlägen in den USA geht es für kleinere Fluglinien aber mittlerweile um das wirtschaftliche Überleben. "Wir hatten bereits einen Branchenverlust von zwei Milliarden Dollar erwartet", sagte die Luftfahrt-Analystin Helen Becker dem "Wall Street Journal", "nun könnten es auch bis zu sieben Milliarden Dollar werden." Francesco Frangialli, Generalsekretär der Welttourismus-Organisation (WTO), sprach von einem schrecklichen Schlag für die Branche.

Allein in der vergangenen Woche machten die Fluglinien einen Verlust von einer Milliarde Dollar. Die Aktienkurse der großen Airlines brachen in den vergangenen Tagen drastisch ein. Die Papiere der amerikanischen Carrier verloren bis zu 50 Prozent ihre Wertes.

Nachdem am Montag die Fluglinie Continental massive Stellenkürzungen bekannt gegeben hatte und US Airways 11.000 Arbeitsplätze einsparen will, bereiten sich nun die europäischen Airlines auf das schwierige Marktumfeld vor. Europaweit reduzieren die Unternehmen angesichts drastischer Buchungsrückgänge den Flugverkehr in die USA und kündigen Stellenstreichungen an.

Die Lufthansa Chart zeigen stellt ihre Direktverbindung zwischen Berlin und Washington nach einem halben Jahr wieder ein. Der Gewinn der Fluglinie wird nach Informationen der "Börsen-Zeitung" infolge der Terroranschläge in den USA deutlich einbrechen.

Die britische Fluggesellschaft Virgin Atlantic verringert die Zahl der Flüge über den Atlantik und will darüber hinaus 1200 Stellen streichen.

Die niederländische Fluggesellschaft KLMChart zeigen erwartet wegen der Anschläge in den USA und der Konjunkturflaute einen Betriebsverlust für das laufende Jahr.

Die angeschlagene belgische Fluggesellschaft Sabena steht nach den Anschlägen in den USA nach eigenen Angaben kurz vor dem wirtschaftlichen Aus.

Eine Woche nach den Anschlägen ist der Flugverkehr weiter stark beeinträchtigt. Die Schließung des afghanischen Flugraumes zwingt täglich bis zu 110 Flüge in Richtung Asien eine andere Route zu nehmen, was die Reisezeit erhöht und zusätzliche Kosten verursacht.

Verschärfte Sicherheitskontrollen führen auf den Flughäfen zu stundenlange Verspätungen. Die erhöhten Sicherheitsvorkehrungen auf den Flughäfen könnten langfristige Zusatzkosten von bis zu zehn Milliarden Dollar zur Folge haben, schätzen Branchenexperten.

Das internationale Reservierungssystem Amadeus meldete bereits einen Rückgang der Buchungen nach dem Terroranschlag um 28 Prozent. Einige Fluggesellschaften teilten mit, ihre Verbindungen um 20 Prozent zu kürzen.

Die US-Regierung kündigte bereits an, eine finanzielle Unterstützung der amerikanischen Luftlinien in die Wege zu leiten.

Auch die Europäische Union überlegt nun, den betroffenen Airlines Hilfe zukommen zu lassen. Der belgische Finanzminister Didier Reynders sagte, "wenn es in den USA die Notwendigkeit zur staatlichen Hilfe gibt, wird dies in der EU auch notwendig sein".

Frankreichs Verkehrsminister Jean-Claude Gayssot sprach sich ebenfalls dafür aus, die europäischen Airlines zu unterstützen. Noch in dieser Woche werde er sich deswegen zunächst mit den Chefs der größten französischen Fluggesellschaften beraten, kündigte Gayssot am Dienstag im Privatsender LCI an.

Der Ruf nach staatlicher Unterstützung für die nach den Anschlägen in den USA gebeutelten Fluggesellschaften stößt bei Experten auf Zustimmung. "Ohne diese Hilfe könnten einige Anbieter in den USA, aber auch in Europa vom Markt verschwinden", sagte der für Luftfahrtgesellschaften zuständige Strategieanalyst von Delbrück Asset Management, Mathias Christmann.

"Dies könnte eine ernsthafte Beeinträchtigung des Wettbewerbes zur Folge haben", warnte er. Eine Unterstützung der Branche sei daher schon aus wettbewerbsrechtlichen Gesichtspunkten "sinnvoll".

Christmann befürwortet eine einheitliche Regelung zwischen den USA und der Europäischen Union, etwa durch Fonds oder staatlich begünstigte Kredite. "Wenn ein Land allein anfängt, wird es einen Aufschrei in den anderen geben." Solche Subventionen seien schließlich nicht erlaubt.



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