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Automobile Form aus dem Computer

Italiens Autokonzerne präsentierten kurz nacheinander zwei Mittelklasse-Modelle: Fiat 132 und Alfa Romeo Alfetta.
aus DER SPIEGEL 22/1972

Mit einem neuen Automobil will die Mailänder Nobelfirma Alfa Romeo einen alten Namen aus dem Renn-Sport aktivieren: Die Alfetta kommt wieder auf die Straße.

Noch 1951 hatte der Argentinier Juan Manuel Fangio mit einem Vorkriegs-Rennwagen gleichen Namens, dessen Flanke das traditionelle Kleeblatt schmückte, die Weltmeisterschaft für Formel-1-Rennwagen gewonnen. Neuer Träger dieses Namens wird nun das jüngste Mittelklassemodell der Mailänder -- als Nachfolger des Alfa Romeo 1750 Berlina.

Der benachbarte piemontesische Superkonzern Fiat rollt gleich mit zwei neuen Modellen auf die automobilisierte Mittelklasse zu: Beinahe-Zwillinge, die unter der gemeinsamen Typen-Nummer 132 auf den Turiner Reißbrettern heranreiften und vom Herbst an auch zwischen der Nordsee und den Alpen erhältlich sein sollen.

Die passende Marktnische für ihre jüngsten Sprosse schufen sich die Turiner Serienbauer dabei selbst. Als vor kurzem internationale Autotester die mit 1,6- und 1,8-Liter-Motoren bestückten Testwagen im Ligurischen Appenin erprobten, war über den Vorgänger der neuen Fiat-Gattung bereits das letzte Wort gesprochen: Der seit 1967 in über 600 000 Exemplaren gefertigte, 90 PS starke Fiat 125, so verkündete in Turin freimütig Chefkonstrukteur Ettore Cordiano, ist bereits von den Fließbändern genommen worden.

Von ihm übernahmen die oberitalienischen Autobauer freilich nur den als besonders robust bekannten, mit zwei Nockenwellen versehenen Motor -- wenn auch in zwei verfeinerten Versionen. So leistet das 1,6-Liter-Modell 98 PS, das 1,8-Liter-Modell gar 105 PS (voraussichtliche Preise: 9500 Mark für das 1,6 Liter-Modell und 11 500 Mark für den 1,8 Liter-Wagen).

Daß sich die Fiat-Konstrukteure trotz dieser beachtlichen PS-Zusammenballung mit einer Höchstgeschwindigkeit von 170 km/h (für die 1,8-Liter-Ausgabe) begnügten -- Cordiano: »Mehr war leicht möglich« -, entspricht der immer spürbarer werdenden Sicherheitsphilosophie im internationalen Automobilgeschäft. Die stärkeren Motoren bewegen mehr Sicherheit und erzeugen außerdem giftärmere Abgase als ihre Vorgänger.

Als »monolithischen Körper« betrachtet denn auch Cordiano die Passagierzelle des »132«. Eine »seitliche Sicherheitsarmierung« aus Stahlstützen soll die Insassen bei Unfällen zusätzlich abschirmen.

Den Designern ist zwar eine »klassische Silhouette« (so Fiat) für die 132er eingefallen. Gleichwohl unterliefen ihnen einige Fehlleistungen, die sich als Mängel im Detail offenbarten. Neben nachgerade schwindsüchtig anmutenden Armaturen fehlt es beim Rückwärts-Einparken an ausreichenden Orientierungshilfen. Die einstmals geradlinige. nun aber sanft abfallende Heckkante rückte aus dem Fahrerblickfeld.

Ungleich feiner und aufwendiger. freilich auch teurer (voraussichtlicher Preis: knapp unter 13 000 Mark) geriet Alfa Romeo die neue Alfetta, die ebenfalls zum Herbst auf den deutschen Markt kommen soll. Zum erstenmal bei einem Massenautomobil trennten die Alfa-Ingenieure Kupplung und Getriebe vom Motorblock -- und erreichten dadurch eine nahezu ideale Gewichtsverteilung zwischen Vorder- und Hinterachse (siehe Schaubild).

Während bei herkömmlichen Automobilen das Gewicht von Motor und Getriebe einseitig Vorder- oder Hinterachse belastet, drückt bei der Alfetta der vorn liegende Motor und das in Höhe der Hinterräder placierte Getriebe etwa gleichmäßig (Alfa-Chefkonstrukteur Orazio Satta: »Unser Prinzip war fiftyfifty") auf die beiden Achsen.

Ähnlich ausgeglichene und das Fahrverhalten verbessernde Achslasten hatte es bisher nur bei Automobilen der sogenannten Mittelmotor-Bauweise (VW. Porsche 914, Matra 530 LX) gegeben.

Aber anders als bei den Mittelmotor-Mobilen, wo Fahrer und Beifahrer den Platz zwischen den Achsen mit der röhrenden Technik teilen müssen, bleibt bei der Alfa-Anordnung ausreichend Raum für Fahrer. Koffer und vier Passagiere. Dank der günstigen Gewichtsverteilung und einer aufwendig gebauten neuen Hinterachse (Prinzip: De Dion) übertrifft die Straßenlage des sportlichen Familienautos das Fahrverhalten selbst mancher Sportzweisitzer.

Als Antrieb dient der 1,8-Liter-Motor des aufgegebenen 1 750-Berlina-Modells: dank höherer Verdichtung leistet das früher 113 PS starke Aggregat jetzt 121 PS und beschleunigt das Fahrzeug auf über 180 Stundenkilometer.

Der hohen Spitzengeschwindigkeit opferten die Manager des Mailänder Staatskonzerns sogar die Form. Um die bei solchem Tempo auftretenden bremsenden Luftwirbel zu vermeiden, setzten die Aerodynamiker gegenüber den Stylisten eine ungewöhnlich hohe und abgestumpfte Heckpartie durch. Konstrukteur Satta: »Bei der Form hat uns der Computer geholfen«. Gleichwohl wirkt das sonst rassig anmutende Auto von hinten eher gewöhnlich: wie ein zum Opel-Kadett hochstilisierter Toyota.

Schwerer wiegt freilich ein anderer Mangel des hohen Stumpf-Hecks: Wie der Fiat 132 ist die Alfetta beim Rangieren rückwärts schwer überschaubar.

Dem Fahrerblick verborgen bleibt auch ein weiteres Detail: die beiden wichtigsten Armaturen. Drehzahlmesser und Tachometer, werden durch das modische Holzlenkrad verdeckt.

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