Formel 1 in Abu Dhabi Weißes Raumschiff in der Wüste

Das Premium-Emirat Abu Dhabi eröffnet seinen Formel-1-Kurs - und rührt plötzlich die Werbetrommel wie der stets lärmende Nachbar Dubai. Die Rennsportfans sind angetan. Schade nur, dass die Saison längst entschieden ist und es bei der Premiere um nichts mehr geht.

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Von , Abu Dhabi


Die Sonne geht schnell auf und unter am Persischen Golf, die Dämmerung dauert nicht lange so nahe am Äquator. Um 17.30 Uhr am Abend, da ist es fast noch taghell, brennt eine erste rosarote Leucht-Diode auf dem Dach des Yas-Hotels, das wie ein weißes Raumschiff in der Wüste steht. Eine halbe Stunde später ist es stockfinster, und das ganze Netzdach strahlt lila in die Nacht hinaus. Und unter dem Hotel rast mit infernalischem Gedröhne der McLaren-Mercedes von Lewis Hamilton hindurch, der gerade das Qualifying für sich entschieden hat. Pech für die Scheichs von Abu Dhabi, dass das nur mehr Kosmetik ist.

Schön war es nicht für sie, dass der Brite Jenson Button schon vor zwei Wochen in São Paulo Formel-1-Weltmeister wurde. Doch es weht einen Hauch von Gerechtigkeit und Realismus in die surreale Welt am Golf. Auch den Glückspilzen von Abu Dhabi, die ein geologischer Zufall so reich gemacht hat, dass die Weltwirtschaftskrise wie ein lauer Herbstwind an ihnen vorüberzog, fällt nicht alles in den Schoß.

Käme es erst heute beim letzten Grand Prix der Saison - und dem ersten in Abu Dhabi - zur Entscheidung, das Emirat müsste sich um weltweite Aufmerksamkeit nicht sorgen. So aber geht es sportlich um nichts mehr, und die Scheichs von Abu Dhabi müssen tun, was sie von ihren Nachbarn in Dubai gelernt haben: Werbung machen.

Das empfanden sie bislang immer als ein bisschen unter ihrer Würde. Abu Dhabi, das größte und wohlhabendste der sieben Vereinigten Arabischen Emirate, konnte sich Understatement leisten. Während Dubai jedes seiner Projekte vom ersten Geistesblitz des Herrschers bis zur Fertigstellung (oder kleinlauten Beerdigung) mit einem Werbe-Feuerwerk begleitete, gab Abu Dhabi selbst spektakuläre Deals wie seinen Einstieg bei Ferrari, bei Daimler oder der Weltraumflug-Agentur Virgin Galactic immer erst nach Vertragsunterzeichnung öffentlich bekannt. Mit Ölreserven von knapp 100 Milliarden Barrel gesegnet - etwa so viel, wie Russland und Libyen zusammen haben - hatte es das Fürstenhaus der Al Nahyan nicht nötig, sich mit den Angebern aus Dubai zu messen.

Gradmesser und Geldbringer

Das hat sich jetzt, wo mit dem Yas Marina Circuit das erste Tourismus-Projekt dieser Größenordnung in Betrieb geht, erledigt. Zeitweise mehr als 40.000 Bauarbeiter haben in drei Jahren die Rennstrecke betoniert, acht Hotels errichtet und daneben ein riesiges, Seerochen-förmiges rotes Bauwerk: einen "Ferrari"-Themenpark, der 2010 eröffnet werden soll. "Ihr habt das Wort gesprochen. Wir haben es gehalten", steht - pathetisch, wie sich die Werbeleute am Golf gerne ausdrücken - an der Autobahnbrücke, die vom Festland zur Formel-1-Insel hinüberführt.

Die Rennstrecke ist ein Gradmesser dafür, was Abu Dhabi wirklich kann. Denn während Dubai in den vergangenen zwölf Monaten einen neuen Flughafen-Terminal, das Atlantis-Hotel auf der Palmen-Insel und im September die erste Metro am Golf eingeweiht hat, sind die beiden ikonischen Projekte von Abu Dhabi noch im Bau: Masdar City, die emissionsfreie Öko-Stadt, die der britische Architekt Sir Norman Foster entworfen hat, und Sadiyat Island, eine Kultur-Insel, auf der ein Guggenheim-Museum und eine Zweigstelle des Louvre errichtet werden sollen.

Hätte diese Verzögerung vor ein paar Jahren in Dubai noch Schadenfreude ausgelöst, ist davon heute nichts mehr übrig. Das von der Krise deutlich schwerer gebeutelte Nachbar-Emirat ist still und dankbar für die Milliarden, mit denen Abu Dhabi es in den vergangenen Monaten unterstützt hat - eine Art Länder-Finanzausgleich, der am Ende beiden hilft.

Es geht um nichts als Abu Dhabi

Denn so weit die Konkurrenz der beiden Emirate gehen mag, so eng sind sie familiär und wirtschaftlich verknüpft. Unter einem Absturz von Dubai würden in Abu Dhabi viele leiden, und von den Erfolgen Abu Dhabis kann Dubai nur profitieren - auch wenn sie langsamer kommen. Dafür sind sie dann in der Regel solider finanziert.

Als einen sehr soliden Formel-1-Kurs loben die meisten Fans den Yas Marina Circuit. Das Publikum, wie immer am Golf, ist international. Fernando und Elisabeth sind aus Luanda in Angola angereist, weil, wie sie finden, "wir in Afrika so etwas noch lange nicht sehen werden". Rene Matthe, ein deutscher Formel-1-Aficionado, der Rennen in Hockenheim, Suzuka und Kuala Lumpur gesehen hat, schwärmt von der Nähe der Tribünen zur Strecke und den guten Perspektiven. Tristana, ein Model aus Kasachstan, ist mit ihrem britischen Freund da, der Abu Dhabi besser findet als Silverstone - und sich über die Pole-Position seines Landsmannes Lewis Hamilton freut.

Nur dass es diesmal - außer um Abu Dhabi - um nichts geht.



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