Fragwürdiges Privileg Scientology ab sofort steuerfrei

Sie wird fast überall vom Verfassungsschutz beobachtet, Sektenbeauftragte warnen vor ihr. Trotzdem hat die umstrittene Scientology-Organisation nun einen Erfolg erzielt: Sie darf ihre Einnahmen in Deutschland erstmals steuerfrei verbuchen - und obendrein gezahlte Gelder zurückfordern.


Scientology-Logo: Das seit 1994 gezahlte Geld kann nun zurückgefordert werden
REUTERS

Scientology-Logo: Das seit 1994 gezahlte Geld kann nun zurückgefordert werden

Bonn - Von Kritikern wird Scientology als profitorientiertes, mit zweifelhaften Methoden arbeitendes Unternehmen angesehen. In den USA aber ist Scientology als gemeinnützige religiöse Körperschaft anerkannt - und das kommt der Organisation, die sich selbst als "Kirche" bezeichnet, nun auch in Deutschland zugute.

Am Montag nämlich erging der Bescheid vom Bundesamt für Finanzen in Bonn, der Scientology von Steuern ausnimmt. Die Befreiung basiert auf dem Steuerabkommen zwischen Deutschland und den USA. Eine direkte Anerkennung von Scientology als Religionsgemeinschaft in Deutschland ist damit nicht verbunden.

"Ausbildungsfilme" und "Info"-Material

Die Scientology-Organisation, die in allen Ländern außer Schleswig-Holstein vom Verfassungsschutz beobachtet wird, feiert den Bescheid als großen Erfolg und dürfte beträchtliche finanzielle Vorteile daraus ziehen. Die Steuerbefreiung gilt auch rückwirkend für den Zeitraum von 1994 bis 2005 und betrifft Lizenzgebühren für so genanntes Informationsmaterial und "Ausbildungsfilme". Bislang musste Scientology 25 Prozent der Gebühren an die Finanzämter abführen. Das seit 1994 gezahlte Geld kann Scientology nun laut Bescheid wieder zurückfordern.

Die Entscheidung des Bundesamts folgt einem entsprechenden rechtskräftigen Urteil des Finanzgerichts Köln vom Oktober 2002. Schon damals hatte das Gericht entschieden, dass Scientology nach dem Doppelbesteuerungsabkommen zur Steuerbefreiung qualifiziert sei, da sie in den USA als gemeinnützige religiöse Körperschaft anerkannt und dort von der Einkommensteuer befreit sei.

Studie: Jedes zweite Mitglied psychisch abhängig

Die in Los Angeles beheimatete Organisation wertete den Beschluss auch als Meilenstein auf dem Weg, "genauso wie andere Religionsgemeinschaften in Deutschland behandelt zu werden". Dies entspräche der deutschen Verfassung und internationalen Abkommen.

Scientology setzt nach einer Studie von Münchner Wissenschaftlern in hohem Maß Methoden der psychischen Beeinflussung ein. Damit steige das Risiko einer manipulativen Steuerung. Demnach konnte jeder zweite der befragten Scientology-Aussteiger als "psychisch abhängig" beurteilt werden.

Scientology wurde 1954 von dem amerikanischen Science-fiction- Autor Lafayette Ronald Hubbard (1911-1986) in den USA gegründet. Genaue Zahlen über die Mitglieder sind nicht bekannt. Nach Angaben des "Lexikons der Sekten, Sondergruppen und Weltanschauungen" sollen es weltweit zwischen acht und 25 Millionen sein. In Deutschland, wo Scientology 1970 die erste Niederlassung einrichtete, gebe es 20.000 bis 70.000 Mitglieder.



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