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WIRTSCHAFTS-KOMMENTAR Freudentänze auf dünnem Eis

Von Dieter Kampe *
aus DER SPIEGEL 7/1986

Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert. Manchmal auch mit zuviel Optimismus. Allensbach berichtet, daß 61 Prozent der Bundesbürger optimistisch ins neue Jahr gehen. Weniger Schwarzseher hat es seit 1959 nicht gegeben, so viele Hoffnungsfrohe schon lange nicht mehr.

Den Bonner Wahlkämpfern auf der Regierungsbank kommt das Stimmungshoch zupaß. Dem Volk geht es gut, und alles ist sicher und stabil, verkünden sie bei jeder Gelegenheit. Die Wirtschaftslage bestätigt den regierungsoffiziellen Optimismus: niedrige Inflationsrate, volle Auftragsbücher, wachsende Konsumlust und eine boomende Börse. Alles klar auf der »Andrea Doria«?

Allen Beschwörungen zum Trotz ist das Vertrauen in die wirtschaftliche Stärke nicht groß genug, beständig wiederkehrende Angstanfälle abzuwehren. Als Mitte Januar die Kurse an der Wall Street deutlich nachgaben, raste die Baisse-Stimmung binnen Stunden um den ganzen Erdball. Vergleiche mit der Situation von 1929 wurden bemüht. So abwegig dies war: Der Schwarze Freitag erschien erstaunlich vielen Beobachtern kein fernes Schreckgespenst, sondern eine reale Möglichkeit - die sie mühelos hätten erklären können, wäre es denn so gekommen.

Die Gratwanderungen, die Tänze auf dem Vulkan sind alltäglich geworden. Das Umkippen einer Situation würde niemanden mehr überraschen - nur noch der Zeitpunkt. Aber es ist nicht chic, sich mit den ungelösten Aufgaben und krisenerzeugenden Konstellationen auseinanderzusetzen. Angesagt ist alltägliche Freude. Der lächelnde Blick geht hart vorbei an der Realität.

Als der Frankfurter Oberbürgermeister Walter Wallmann von Gewerkschaftsmitgliedern, die gegen die Änderung des Paragraphen 116 protestieren wollten, etwas heftiger als gewöhnlich bedrängt wurde, zeigte sich, daß es auf den sozialen Frieden, der so verläßlich und sicher schien wie die Tiefausläufer vom Atlantik, keine Verfassungsgarantie gibt. Wen hat das überrascht?

Wie lebt es sich mit soviel falscher Hoffnung, mit verdrängtem Wissen und heimlichen Ängsten? Für den einzelnen hat es die Psychologie erforscht: Affektstau, selektive Realitätssicht bis hin zur Realitätsflucht und Unsicherheit, die durch autoritäres Auftreten oder Bindung an starke Persönlichkeiten kaschiert wird. Und eine Gesellschaft, die eine komplexe, widersprüchliche und unsichere Wirklichkeit nicht mehr verstehen kann oder will? Die sich mehrheitlich orientiert an dem Schlagertext: »Schau doch einfach auf die Sonnenseiten des Lebens«?

Die Pathologie des sozialen Verhaltens ist heute überdeutlich: Die Mehrheit schwankt zwischen manischem Konsumrausch und depressivem Krisengejammere, zeigt aggressive Unwilligkeit, die Kehrseite der goldenen Medaille zur Kenntnis zu nehmen. Sie ergötzt sich an Autoritäten, die zwar nicht stark genug sind, die Probleme zu lösen, aber stark genug, die Rolle des Verkünders einer problemfreien Lage schauspielerisch überzeugend darzubieten.

Das Zeitalter der Staatsmänner scheint abgelaufen zu sein. Die wichtigste Aufgabe des politischen Zeremonienmeisters an der Spitze besteht heute darin, Optimismus zu predigen, die Bedeutung des Vertrauens für das wirtschaftliche Wohlergehen herauszustellen und ebendieses auch zu fordern. Der Verdrängungsmechanismus muß in Schwung gehalten werden, notfalls durch Eigenlob und Schönfärberei. Wie schön, wenn man dann auch noch Wirtschaftswissenschaftler zur Hand hat, die es für das beste halten, alles dem freien Spiel der Marktkräfte zu überlassen. Das Dolcefarniente legitimiert durch ökonomische Theorie.

Wo aber bleiben die Energien, rationale Lösungen für die zwar verdrängten, aber immer noch drängenden Probleme zu suchen? Schuldenkrise, Rentendesaster, Arbeitslosigkeit, Umweltvergiftung - es gäbe wahrlich genug zu tun. Doch Verantwortungsgefühl und Reflexion sind nicht gefragt.

Wir leisten uns ein weiteres Jahr lang Theater: erst Karneval, dann Wahlkampf.

Dieter Kampe
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