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KARRIEREN Freund Karli

Ein quirliger Autohändler und Strauß-Freund rückt vermutlich in den Vorstand des Luft-, Raumfahrt- und Rüstungskonzerns MBB ein. *
aus DER SPIEGEL 40/1988

Karl Dersch ist eine einzigartige Begabung. Er kann verkaufen wie kein anderer.

Vom Lehrbub hat es der heute 53jährige zum Leiter der Münchner Mercedes-Niederlassung gebracht. Mit Dersch wuchs die Filiale zur größten und feinsten im Daimler-Benz-Konzern - und das direkt vor der Haustür des schärfsten Konkurrenten BMW.

Ebensogut wie seine Autos versteht Dersch sich selbst in Szene zu setzen. Jetzt steht er vor seinem wohl größten Verkaufserfolg: Dersch hat die besten Chancen, in den Vorstand des Flugzeug- und Rüstungskonzerns MBB aufzurücken. Es ist nicht ausgeschlossen, daß er dort mal Chef wird.

Für die neue Aufgabe erfüllt Dersch zwei ganz wichtige Voraussetzungen. Nach 37 Jahren rastloser Tätigkeit für Daimler-Benz genießt er das Vertrauen von wichtigen Mitgliedern der Konzern-Führung, die mit 30 Prozent bei MBB einsteigen will und deshalb dort einen zuverlässigen Statthalter unterbringen muß. Außerdem gehört Dersch zu den ganz engen Freunden des Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß. Der Metzgersohn aus der Maxvorstadt und der im Arbeiterviertel Giesing aufgewachsene Dersch schätzen sich seit fast 30 Jahren.

Freund »Karli« war immer zur Stelle, wenn der CSU-Chef eine Stütze brauchte. Anfang der Sechziger, nach der SPIEGEL-Affäre, als die Karriere des Bayern vorzeitig beendet schien, hielt Dersch zu ihm. Als Marianne Strauß tödlich verunglückte, stand Dersch dem Witwer Strauß bei.

Seit Jahren schon fahren die beiden zusammen in Urlaub. Beide haben was davon: Strauß bekommt kostenlos von der Mercedes-Vertretung einen Geländewagen zur freien Verfügung, dafür brachte Dersch _(Mit Staatssekretär Peter Gauweiler. )

im Gefolge des Ministerpräsidenten aus Albanien einen Auftrag über 2000 Gebraucht-Lkw und 200 Busse mit.

Da nun die Herren aus Stuttgart bei MBB die Führung übernehmen wollen, möchte Strauß im Schlüsselunternehmen des deutschen Flugzeugbaus einen Vertrauten installieren, der die bayrischen Interessen gegenüber den mächtigen Schwaben wahrt.

Mit seinen 73 Jahren muß der Bayern-Chef auch für die Zeit vorsorgen, wenn er sich nicht mehr persönlich im Aufsichtsrat des High-Tech-Unternehmens MBB um die bayrischen Belange und um den Renommier-Flieger Airbus kümmern kann. Da scheint Dersch genau der richtige Mann zu sein.

Das Vorhaben stößt auf Widerstände. Zunächst ist Hanns Arnt Vogels im Wege. Der Chef von MBB hat sich dagegen verwahrt, Dersch in seine Führungsmannschaft aufzunehmen. Als Anfang des Jahres Sepp Hort aus dem Vorstand ausschied, wurde Horts Aufgabenbereich flugs auf mehrere Häupter verteilt. Ein Nachfolger, vor allem wenn er Dersch heißt, war somit überflüssig.

Vogels will keinesfalls selbst weichen, um dem Strauß-Intimus Dersch Platz zu machen. Erst kürzlich äußerte er in einem SPIEGEL-Gespräch »nicht den geringsten Zweifel«, daß er bis zum Auslaufen seines Vertrags Anfang 1991 auf seinem Posten bleiben werde.

Vogels Vorbehalte sind sachlich zu begründen. Nach seinem Aufstieg würde der gelernte Autoverkäufer Dersch statt über tausend Mercedes-Mitarbeiter über 38 000 MBB-Werker gebieten, darunter einige tausend hochqualifizierte Ingenieure; statt Autos, Busse und Lkw würde er Hubschrauber, Satelliten und Lenkwaffen verkaufen müssen.

Dersch hat überhaupt keine Bedenken, daß er dieser Aufgabe gewachsen wäre. Er baut auf seine guten Beziehungen in Stuttgart und München. Denn »das ist mein Vorteil«, rühmt er sich, daß »ich in beiden Lagern stehe«.

Die Grundlagen hat Dersch in den fünfziger Jahren gelegt, als aufstrebender Autoverkäufer. Damals begann er zielstrebig bei Parteipolitikern Kontakte zu knüpfen. Überaus großzügig gewährte Dersch Rabatte bis zu 50 Prozent. Bald gab es in München nur noch wenige Prominente, die nicht einen Werkswagen von »Karli« Dersch in ihrer Garage stehen hatten. Sie trugen alle das Kennzeichen M-WW; WW stand für Werkswagen. Für Urlaubsfahrten war der Mann von Mercedes auch gern mit kostenlosen Leihwagen gefällig.

Wählerische Klienten wie Holger Pfahls, der frühere Strauß-Referent und spätere Präsident des Bundesverfassungsschutzes, kamen so je nach Saison zum passenden Modell, im Winter mit Allradantrieb, im sommer mit aufklappbarem Verdeck.

Besondere Anstrengungen werden einem Mercedes-Mann in München auch abverlangt. Wo BMW Autos und MAN Lastwagen und Omnibusse produzieren, hat es ein Mercedes-Vertreter nicht leicht. Als erstmals ein Münchner Bürgermeister dienstlich einem Auto aus Stuttgart entstieg, löste der Vorfall erregte Debatten im Stadtrat aus.

Aber das Eis war gebrochen, und später schaffte Dersch es sogar, den Verkehrsbetrieben Mercedes-Busse zu verkaufen. Als der damalige Oberbürgermeister Erich Kiesl den gesamten Stadtrat durch die Münchner Ortsteile kutschieren lassen wollte, war Dersch sofort zu Diensten. Ein Luxus-Bus mit Bar und Bedienung überzeugte die Lokalpolitiker von den Vorzügen der Marke Mercedes.

Wenn Dersch die neuesten Mercedes-Modelle vorstellte oder eine weitere Verkaufsniederlassung eröffnete, war das beinahe wie ein Staatsempfang. Nicht nur die lokale Prominenz unter führung des Oberbürgermeisters fand sich ein, auch nahezu die gesamte bayrische Staatsregierung kam.

Ob Gerold Tandler, Edmund Stoiber oder Karl Hillermeier - sie alle bezogen ihre Limousinen bei Dersch. Am folgenden Tag berichteten die Boulevardzeitungen über den grandiosen Auftrieb - und mittendrin »Karli«, mit Strauß oder der Schauspielerin Barbara Valentin.

Das kostet Geld. Seinen schwäbischen Vorgesetzten fielen, wie einer berichtete, die »sagenhaft hohen Repräsentationskosten« des Münchner Regenten und dessen »fürstliche Geschenke« auf. Aber der Erfolg spricht für ihn: Mit über 1,3 Milliarden Mark Umsatz hat Dersch 1987 alle anderen 38 Niederlassungsleiter weit hinter sich gelassen.

Aber Dersch spürt, daß sein unaufhaltsamer Aufstieg ins Stocken geraten könnte. Die öffentliche Debatte über einen Wechsel zu MBB empfindet er jedenfalls als »viel zu verfrüht«. Sie durchkreuze seine Pläne.

Auf den Schutzherrn Strauß ist auch kein hundertprozentiger Verlaß mehr. Sein Einfluß auf MBB ist im Schwinden. Hinter Straußens Rücken ist es dem MBB-Aufsichtsratsvorsitzenden Max Streibl gelungen, den blassen CSU-Landtagsabgeordneten Manfred Dumann zum MBB-Angestellten und -Lobbyisten zu befördern. An dieser Entscheidung habe er »nicht mitgewirkt«, klagt der CSU-Vorsitzende, er sei auch nicht über diese Pläne unterrichtet worden. Strauß: »Hätte man mich gefragt, hätte ich dringend abgeraten.«

Die Entscheidung über einen Wechsel von Dersch zu MBB fällt deshalb zuallererst in Stuttgart. Hier erfreut sich der begnadete Autoverkäufer allerhöchster Wertschätzung. Ein so quirliger Vertreter wie Dersch wäre eine »ungeheure Belebung« für den MBB-Vorstand, meint einer von Derschs Vorgesetzten.

Selbst Daimler-Benz-Chef Edzard Reuter hat, anders als in öffentlichen Verlautbarungen, nichts dagegen, Dersch an MBB loszuwerden. Dem asketischen Reuter liegt das fürstliche Gepränge seines Münchner Statthalters schon lange nicht mehr. Dersch, so Reuter kürzlich im kleinen Kreis, passe nicht »zur Philosophie und Ausstrahlung unseres Hauses«.

Mit Staatssekretär Peter Gauweiler.

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