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»Friedel, was machst du da?«

aus DER SPIEGEL 40/1992

Friedel Neuber hat sich kaum in den Rücksitz des Dienstwagens fallen lassen, da öffnet er den Hosengürtel. »Nee, dat is widder verrückt heute.«

Kein Termin klappte, alles dauerte länger als geplant. Eigentlich müßte der Vorstandschef der Westdeutschen Landesbank (WestLB) in diesem Moment, während das Auto gerade die Tiefgarage in Düsseldorf verläßt, schon in der Frankfurter Niederlassung sein.

Eine Ampelphase lang läßt Neuber, 57, die Arme schlaff runterhängen und atmet hörbar durch. Dann greift er sich das Autotelefon und ruft Konzernvorstände, Minister, Firmeneigentümer an: »Der macht es mir zuliebe doch nicht 500 Millionen billiger . . . dann verabreden wir ein Geheimtreffen in Köln . . . der tickt ja nicht richtig . . . wir müssen dranbleiben . . . zwei Milliarden . . . wat lüppt, dat lüppt . . .«

In schlichten Filmen werden Manager so dargestellt. Mitunter müssen sie dann noch eine Zigarre paffen. Neuber steckt sich eine Zigarette an und wählt die nächste Nummer. Er spielt keine Rolle. Er ist einer der Mächtigen im Lande.

Der 1,96 Meter große Bankchef steuert mit seiner WestLB ein gigantisches Firmenimperium. An Preussag, Hoesch und Babcock, an Horten, LTU und Cook, VEW und Asko ist die Bank beteiligt (siehe Grafik Seite 164). Wenn bei diesen Konzernen Bedeutsames geschieht, darf getrost vermutet werden, daß Neuber es eingefädelt hat. Bei einer Reihe anderer Unternehmen ist sein Einfluß nicht immer so sichtbar, spürbar ist er allemal.

Edzard Reuter, Hilmar Kopper und Wolfgang Schieren kennt man. Die Herren von Daimler-Benz, Deutscher Bank und Allianz gelten als einflußreichste Manager im Lande. Friedel Neuber hingegen entwickelte sich lange Zeit unbeachtet und unterschätzt zu einem neuen Machtzentrum der Wirtschaft. Unter seiner Führung wurde die WestLB zur drittgrößten Bank in Deutschland (230 Milliarden Mark Bilanzsumme), baute Repräsentanzen in 30 Ländern der Welt auf und schnappt der Deutschen Bank immer häufiger wichtige Geschäfte weg.

»Warum schießen die mit solchen Kanonen auf uns?« fragt Neuber einen Gesprächspartner am Telefon. Eine Antwort erhält er nicht mehr. Die Funkverbindung ist unterbrochen.

Es ärgert den Bankier ungemein, daß der niedersächsische Ministerpräsident Gerhard Schröder ihn als machtgierigen »Imperialisten« bezeichnete. Auch daß Manager der Deutschen Bank erzählen, Neuber fahre »einen höchst gefährlichen Expansionskurs«, kann ihm nicht gefallen. Und doch: Ein wenig schmeichelt ihm die Kritik zugleich. Da haben einige erkannt, mit welchem Kaliber sie es zu tun haben.

Neubers Aufstieg ist erstaunlich: Lehre bei Krupp, Buchhalter, Juso-Vorsitzender im Bezirk Niederrhein, Landtagsabgeordneter, Chef des Rheinischen Sparkassen- und Giroverbandes, Vorstandsvorsitzender der WestLB. Es ist aber auch eine typische SPD-Karriere im SPD-Land Nordrhein-Westfalen.

Wenn Neuber seinen Werdegang beschreibt, betont er: »Ich komme aus einer Arbeiterfamilie.« Er mag stolz sein auf seinen Vater, der als Eisenbahner bei Krupp schaffte, auf die Mutter, die mit ihm 1945 aus Rheinhausen evakuiert wurde. Zugleich aber fordert er mit dem Hinweis auf die Herkunft stets etwas Anerkennung ein für seinen Berufsweg, der ohne gewaltigen Arbeitseifer kaum zu erklären ist.

Nach der kaufmännischen Lehre bei Krupp holte Neuber in Abendkursen nach, was andere auf den Gymnasien gelernt hatten, angetrieben von dem Ehrgeiz, es den Abiturienten, den Studierten zu zeigen. Besser und schneller als andere wollte Neuber stets sein. Wichtig ist ihm heute noch, daß er viele Positionen »als Jüngster« erreichte, auch in der Politik.

In die SPD trat er ein, weil der Vater es wünschte. Vom Godesberger Programm war er selbst sofort überzeugt. In seiner Zeit als Juso-Vorsitzender im Bezirk Niederrhein trat er dann brav für die Formel ein »soviel Staat wie nötig, soviel freie Wirtschaft wie möglich«.

Ein Systemveränderer war Neuber nie. Eher einer, der sich perfekt in den Systemen bewegt, in der Wirtschaft, in der Partei: ausgestattet mit genügend Machtwillen, um sich durchzusetzen; ausgestattet aber auch mit Gespür für Taktik.

Diese Eigenschaften waren es wohl auch, die vor elf Jahren Ministerpräsident Johannes Rau darauf brachten, Neuber mit einem besonders heiklen Posten zu betrauen, dem Vorstandsvorsitz in der WestLB.

Die Landesbank war unter dem weltmännischen Ludwig Poullain zwar gewaltig gewachsen, aber auch ins Zwielicht geraten. Nun sollte Ruhe einkehren, und dafür, so glaubte Rau, war der Präsident des Sparkassenverbandes der richtige Mann: »Friedel, du machst das schon.«

Außer Rau gab es nur wenige, die davon überzeugt waren. »Na, ob der Trinkbruder das packt?« fragte sich Gerhard Czerwensky, der in seinem Info-Dienst mitfühlend das Geschehen in der Bankenwelt begleitet. Geschichten über Neuber, das Bier und den Underberg machten damals die Runde. Für einen Bankenchef nicht gerade die beste Empfehlung.

Zweifel hegte auch die Bankenaufsicht. Sparkassenverbandspräsidenten galten als Funktionäre, die kaum die nötigen Kenntnisse für den Bankenvorstand mitbringen. Auf Amrum, wo die Aufseherin Inge-Lore Bähre gerade Urlaub machte (Neuber: »Eine knallharte Dame"), konnte der Kandidat die Bedenken mühsam ausräumen.

Die Zweifel der anderen hatten sich aber auf Neuber übertragen. Er war selbst unsicher, ob er die Aufgabe lösen könnte. Die Bank war in einer bedrohlichen Schieflage. Allein vier Milliarden Mark riskanter Kredite für Staaten in Lateinamerika standen in den Büchern. Das wußte Neuber. Wie er die Probleme lösen sollte, wußte er noch nicht.

Bevor er sein Büro bezog, ließ er es zuerst einmal neu möblieren. Ein 400 Jahre alter Eichentisch, ein Bauernschrank, Stoff- und Messinglampen zogen ein. Das Selbstporträt von Max Beckmann, das der frühere WestLB-Chef Ludwig Poullain an der Wand hatte, wurde in den Flur verbannt. Neuber ließ historische Landkarten aufhängen und ein Ölgemälde mit Fasan.

Hier fühlt der passionierte Jäger Neuber sich wohl. Die Büroausstattung entspricht seinem Naturell, ein wenig aber auch nüchternem Kalkül. Einen mächtigen Macher, der an den ganz langen Fäden zieht, vermutet in diesem Ambiente wohl niemand.

Seine ersten beiden Jahre in der Bank verbrachte Neuber noch mit »brutaler Knochenarbeit«. Er mußte Beteiligungen verkaufen, um die größten Löcher in der Bilanz zu stopfen. Kaum war eines abgedichtet, entdeckte Neuber ein neues.

Während dieser Zeit erwies der Bankenchef sich jedoch als ein echter Profi der Macht. Neuber hat im Laufe der Jahre ein in Nordrhein-Westfalen wohl einmaliges Netz an Beziehungen und Freundschaften geknüpft.

Eingebunden darin ist fast jeder, dessen Stimme in diesem Bundesland Gewicht hat. Politiker sind darunter, gleichgültig ob sie nun in der SPD, der CDU oder FDP aktiv sind, und Manager wie Metro-Chef Erwin Conradi, den Neuber seit über 20 Jahren kennt, oder Krupp-Verweser Berthold Beitz.

So verfügt Neuber über ein riesiges Frühwarnsystem, das rechtzeitig signalisiert, wenn etwas gegen ihn geplant ist. Neuber zögert dann nicht lange. Er greift an, bevor er angegriffen wird.

Als nach dem Einstieg der Bank beim Reiseveranstalter LTU einige kritische Berichte erschienen, ortete Neuber einen Manager der LTU als Informanten. Um dessen Entlassung wollte der Vorstandsvorsitzende der WestLB sich am liebsten persönlich kümmern. Nur mühsam hielten ihn wohlmeinende Berater davon ab.

Der Machtmensch Neuber kann brutal sein. Er kann aber auch kumpelig und lausbubenhaft sein. Gern erzählt er von den Streichen, die er als 50jähriger noch mit Freunden spielte, von Kartoffelfuhren, die nachts vor der Haustür eines Sparkassendirektors ausgeschüttet wurden.

Nach ein paar Jahren an der Spitze der WestLB hatte Neuber seine Macht in der Bank und im Lande abgesichert. Nach ein paar Jahren war auch die Sanierungsarbeit erledigt, und Neuber hatte erkannt, daß er wohl zuwenig Zeit für seine beiden Söhne gehabt hatte.

Viel geholfen hat ihm die Erkenntnis nicht. Neuber ist nicht der Typ, der mal einen Gang zurückschalten kann. Der Bankchef will, wie einst der Lehrling Neuber, stets noch besser und schneller sein als andere. Es treibt ihn vorwärts, und er treibt die Bank voran, in immer neue und mitunter auch mal riskante Geschäfte.

Ausgangspunkt so mancher Firmenübernahme, bei der Milliarden bewegt werden, ist dabei ein kleines Jagdhaus in der Eifel. Neuber hat es gekauft, um sich dort am Wochenende mit seiner Frau Ilse erholen zu können. Seine Gemahlin besitzt inzwischen zwar ebenfalls den Jagdschein. Aber zur Jagd kommen die beiden selten. Es ist wohl auch besser, wenn sie sich um Gäste kümmern.

Die Besuche im Jagdhaus enden für die Gäste nicht immer erfreulich. Am Himmelfahrtstag im vergangenen Jahr war das Ehepaar Neukirchen geladen. Kajo Neukirchen, damals designierter Chef bei Hoesch, bat den Bankier um einen Gefallen. Irgendein unbekanntes Unternehmen kaufe heimlich Hoesch-Aktien auf. Die WestLB möge doch ein Aktienpaket von Hoesch erwerben, um eine feindliche Übernahme zu verhindern.

Neuber beruhigte seinen Gast, die WestLB kaufte einen 10-Prozent-Anteil von Hoesch. Die feindliche Übernahme allerdings verhinderte sie nicht. Neuber steht dem heimlichen Aufkäufer, es war Krupp, nämlich sehr nahe. Er sitzt im Aufsichtsrat des Konzerns, und sein Berater Manfred Lennings führt das Kontrollgremium an. Vom Kruppschen Übernahmeversuch aber, beteuert Neuber, habe er »nun ehrlich nichts gewußt«.

Das klingt unglaubwürdig, und das ist es wohl auch.

Neuber wäre ein schlechter Bankier, könnte er nicht gute Gründe dafür anführen, daß die Staatsbank WestLB auch im großen Monopoly mit Industrieunternehmen mitspielt.

Als Landesbank hat die WestLB kaum Spareinlagen von Privatkunden, mit denen die Großbanken so einträglich arbeiten können. Mit dem Kauf und Verkauf von Unternehmensanteilen will Neuber deshalb »erst einmal Geld verdienen«. Zugleich aber kümmere er sich natürlich »um die Interessen des Landes Nordrhein-Westfalen«.

Nun ist dieses Bundesland groß, und Neuber entdeckt viele Interessen. Als Horten zum Verkauf stand, sah Neuber die Gefahr, daß dieses Unternehmen von einem anderen Aufkäufer zerschlagen werde. Also stieg die WestLB ein. Als es Gerüchte gab, LTU wolle den Firmensitz von Nordrhein-Westfalen nach München verlagern, stieg die WestLB ein.

Johannes Rau läßt seinen Parteifreund Neuber gewähren. Nur wenn die Deutsche Bank sich in einem Brief beim Ministerpräsidenten über das Gebaren der Landesbank beschwert, greift Rau zum Telefon: »Friedel, was machst du denn da schon wieder?«

Die Heftigkeit, mit der Privatbanken die WestLB in jüngster Zeit kritisieren, offenbart etwas vom verletzten Stolz der Herren in Frankfurt. Die Staatsbank stört ihre Geschäfte.

Berechtigt ist die Kritik gleichwohl. Mit ihren Industriebeteiligungen kann die WestLB nicht nur Geld verdienen. Sie geht auch gewaltige Risiken ein. Bezahlen müssen dafür, wenn etwas schiefgeht, die Eigentümer - vor allem das Land Nordrhein-Westfalen.

In seinem Ehrgeiz, der Neuber nach allen Unternehmen schnappen läßt, die sich anbieten, greift der Bankenchef bisweilen auch daneben. Der Einstieg bei LTU, der rund 600 Millionen Mark kostete, könnte sich zu einem fatalen Fehlkauf entwickeln.

Das Reisegeschäft läuft schlecht. Neuber kann die LTU-Anteile nicht, wie geplant, mit Gewinn weiterverkaufen. Nun erwirbt er neue Firmen, will aus LTU, der Reisebürokette Thomas Cook und TUI einen Tourismuskonzern basteln. Aus einem kleinen Fehler kann so schnell ein großer werden, der die Bank arg in Turbulenzen bringt.

Die größte Gefahr für Friedel Neuber ist dabei Friedel Neuber. Der Erfolg, den er bislang hatte, wirkt auf ihn wie eine Droge. Neuber braucht eine höhere Dosis in immer kürzerer Zeit.

In der WestLB wagt kaum einer offenen Widerspruch. Nachdenkliche Manager hoffen, daß die Bankenaufsicht den Chef bremst. Die Behörde prüft derzeit, ob die Bank vier Milliarden Mark höheres Eigenkapital ausweisen kann, weil das Land ihr die Wohnungsbauförderungsanstalt übertragen hat. Genehmigen die Berliner diesen Deal, hat Neuber zusätzlichen Spielraum für Kredite und Firmenbeteiligungen im Wert von fast 50 Milliarden Mark.

Neuber spürt wohl, daß er an einem gefährlichen Punkt angekommen ist. Die Zeit der schnellen Erfolge ist vorbei. Nun steckt er hin und wieder auch herbe Niederlagen ein.

Von einer solchen Schlappe erfährt er, als der Dienstwagen Frankfurt endlich erreicht hat. »Das geht wohl in die Hose«, gesteht Neuber einem Gesprächspartner am Telefon. Für einen Moment scheint er nachdenklich, doch dann fängt er sich wieder: »Die werden sich noch wundern.«

[Grafiktext]

_164_ Wichtige Beteiligungen der Westdeutschen Landesbank:

_____ / Umsätze und Beschäftigte 1991

[GrafiktextEnde]

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