Fritz Pleitgen "Ein Riesenschaden für das Publikum"

Der Vorsitzende der ARD weist Kritik an seiner Unnachgiebigkeit in den Verhandlungen mit Leo Kirch in Sachen Fußball-WM zurück. Gegenüber SPIEGEL ONLINE spricht er von weiteren Kröten, die bei den Verhandlungen zu schlucken waren.


SPIEGEL ONLINE:

ZDF-Intendant Dieter Stolte spricht von einem "respektablen Verhandlungsergebnis", das man aber ohne Not abgelehnt und dadurch ein "verheerendes strategisches Signal ausgesandt hätte. Stimmen Sie ihm zu?

Fritz Pleitgen: "Das ist nicht sehr appetitlich"
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Fritz Pleitgen: "Das ist nicht sehr appetitlich"

Fritz Pleitgen: Mit Herrn Stolte waren wir stets auf einer Linie, der hat alles mitgetragen. Wir liefen Gefahr zu einem falschen Ergebnis zu kommen: Wir hätten für die Rechte an der WM 2002 sehr viel bezahlen müssen, die letzte Sicherheit für 2006 aber wollte man uns nicht geben. Warum wohl nicht?

SPIEGEL ONLINE: Weil Kirch den Preis hochtreiben will?

Pleitgen: Eben. Wir hätten für 2002 das gezahlt, was andere nicht bereit waren zu zahlen, und wären so zu den Toren der Nation geworden.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem klingt das, was Herr Stolte sagt, kaum nach "einer Linie".

Pleitgen: Gut, auch ich empfinde es als schmerzlichen Verlust, die Weltmeisterschaften 2002 und auch 2006 vielleicht nicht übertragen zu können. Wir wären aber bei einem solchen Vertragsabschluss in größte Schwierigkeiten gekommen, und ich weiß auch nicht, ob ich das überhaupt durch meine Gremien bekommen hätte.

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht auch deshalb nicht, weil es bei einigen ARD-Intendanten ideologische Bedenken geben soll, wie man bei Kirch vermutet?

Pleitgen: Das ist absoluter Tinnef. Einzig und allein unser Verantwortungsgefühl hat den Ausschlag gegeben. Die ARD ist nun mal ein kompliziertes Gebilde, und darüber bin ich sogar sehr froh. Ich habe unseren Partnern bei Kirch immer wieder gesagt "Lassen Sie uns bitte nicht kurz vor Toresschluss die Nerven verlieren, geben Sie uns die Sicherheit für 2006". Das ist nicht geschehen.

SPIEGEL ONLINE: "Die ARD-Anstalten erhalten keine Akkreditierung" hat Kirch-Vize Hahn gesagt und meint damit auch das Radio; wie hoch ist der Imageschaden, der der ARD nun entsteht?

Pleitgen: Ich sehe in erster Linie einen Riesenschaden für das Publikum, denn die Hörfunk-Berichterstattung der ARD genießt einen enormen Stellenwert. Das alles soll nun vorenthalten werden. Schöne Verhältnisse! Ich bin nicht beleidigt, ich bin eher empört, wie man hier mit einem Gut wie freier Berichterstattung umspringt.

SPIEGEL ONLINE: Die ARD wollte mit der KirchGruppe auch bei der Entwicklung des Digital-Fernsehens zusammenarbeiten.

Pleitgen: In der Tat sind wir sehr daran interessiert, einen allgemeinen Standard zu entwickeln. Ich habe nichts gegen die D-Box, wenn sie alle Auflagen erfüllt, das heißt, wenn Kirch seine Box und seine Programme auch anderen Systemen zugänglich macht. Auch in dieser Hinsicht gab es bei den WM-Verhandlungen einige Kröten zu schlucken und klein zu kauen. Das ist nicht sehr appetitlich.

SPIEGEL ONLINE: "Wir haben richtig verhandelt, nun ist die Party vorbei", haben Sie gesagt. Ist in der Tat das letzte Wort gefallen ist oder gibt es doch noch eine Möglichkeit für ARD / ZDF die TV-Rechte für 2002 zu bekommen?

Pleitgen: Das Leben schlägt oft seltsame Wege ein, warum sollte also alles vorbei sein? Warten wir ab, was auf der Kirch-Seite passiert; die werden jetzt erst mal ihr Dream-Team zusammenstellen. Dass wir jedenfalls richtig verhandelt haben, steht für mich außer Zweifel.

SPIEGEL ONLINE:Das Tischtuch ist also noch nicht endgültig zerschnitten?

Pleitgen: Nein, wir sind schließlich keine Kinder, die sich schmollend zurückziehen. Wir werden ganz sicher auch beim Wettbewerb um die Rechte 2006 wieder antreten. Mit welchen Chancen, vermag ich heute allerdings nicht zu sagen. Am Steuer befindet sich Herr Kirch, überfahren aber wir lassen uns ganz bestimmt nicht.

Das Interview führte Andreas Kötter



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