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DEUTSCHE BAHN Frontaler Zusammenstoß

Verkehrsminister Bodewig muss seinen Plan für mehr Wettbewerb auf der Schiene zurückstellen - Bahnchef Mehdorn war stärker.
Von Petra Bornhöft und Frank Hornig
aus DER SPIEGEL 12/2001

Strahlend, entschlossen und tatendurstig ließ sich Verkehrsminister Kurt Bodewig vorvergangenes Wochenende im Rampenlicht feiern. Doch der Ruhm als großer Bahnreformer währte nur wenige Tage. Vergangenen Mittwoch im Bundestag verteidigte der junge Sozialdemokrat sein Programm, ohne dass ein Kabinettskollege ihm auf der Regierungsbank Beistand geleistet hätte. Statt Lob hagelte es Spott satt von allen Seiten.

Der vermeintliche Adler im Kabinett, höhnen nun Bodewigs Gegner von der Bahn, habe sich als Suppenhuhn erwiesen.

Tatsächlich wurde der erst seit November amtierende Bodewig, 45, bei seinem ersten politischen Vorstoß hart ausgebremst. Er wolle das Monopol der Deutschen Bahn (DB) brechen und das Schienennetz aus dem Staatskonzern lösen, hatte der Minister am vorvergangenen Samstag im SPIEGEL (11/2001) und auf dem Stuttgarter Parteitag der Grünen angekündigt. Es gehe »jetzt nicht mehr um das Ob, sondern lediglich um das Wie«.

Doch die Stärke des Widerspruchs hatte der Nachwuchsminister aus Nordrhein-Westfalen unterschätzt: Mit aller Macht stemmte sich eine Koalition aus Bahn, Gewerkschaft und Wirtschaftsministerium gegen die geplante Trennung von Netz und Betrieb.

Wie meistens in der Politik ging es dabei nicht nur um das eigentliche politische Problem. Persönliche Leidenschaften, verletzte Eitelkeit, Ehrgeiz und das Streben nach Gesichtswahrung führten Regie. Da prallte ein ambitionierter junger Minister auf der Suche nach seinem ersten Medienerfolg frontal auf einen hoch emotionalen DB-Chef, der seine Schienen verteidigt, als wolle jemand die Reifen seines Autos klauen.

Stundenlang hatte Bahnchef Hartmut Mehdorn mit seinen Vorständen am vergangenen Montag bis ein Uhr nachts die Lage diskutiert. Am nächsten Tag, beim Treffen Mehdorns mit seinem designierten Aufsichtsratsvorsitzenden Michael Frenzel, stand die Front: Der Bahnchef schmeißt hin, Frenzel tritt gar nicht erst an, falls Bodewig bei seiner Haltung bleibt.

Dem in die DB-Zentrale geeilten Minister blieb nichts anderes übrig, als eine neue, gemeinsame Sprachregelung zu akzeptieren: »Ergebnisoffen« werde fortan die Zukunft eines »unabhängigen Schienennetzes« diskutiert. Schon tags zuvor hatte Bodewig aus dem Kanzleramt die Order erhalten, sich mit Mehdorn zu vertragen.

Bodewig musste lernen, dass sein Versuch, den Vorstoß als Geheimoperation vorzubereiten, ein Fehler gewesen war. Das kleine Kollektiv junger Berater um Bodewig, mit Verkehrsstaatssekretär Ralf Nagel an der Spitze, hatte sich seit Jahresende streng abgeschottet. Papiere wurden nach den Sitzungen eingesammelt und vernichtet. Nicht einmal die Staatssekretäre aus dem Wirtschafts- und dem Finanzministerium, die neben Nagel im Aufsichtsrat der Bahn den Bund als Eigentümer vertreten, waren eingeweiht.

Die Idee, mit einer Rede auf dem Grünen-Parteitag die Botschaft zu überbringen, Bahnpolitik sei bei der SPD in besten Händen, hatte Gerhard Schröder vor Wochen noch gefallen. Allerdings kam im Kanzleramt wohl nicht so deutlich an, dass Bodewig einen Knaller inszenieren wollte - den Konflikt mit Mehdorn inklusive.

Ein kapitaler Fehler des Ministers, denn der agile Bahnchef und Schröder schätzen einander. Wenn Mehdorn mit Rücktritt drohte, bekam er bislang noch immer, was er wollte. Beim Gespräch im Kanzleramt, gleich nach der DB-Aufsichtsratssitzung am vergangenen Mittwoch, nahm sich Schröder die Zeit, den Hitzkopf endlich zu beruhigen: Die Sanierung der Bahn habe Vorrang, und die Politik werde ihn darin unterstützen.

Dass Bodewig zuvor im Kabinett vortrug, natürlich werde Mehdorn an der Bahnreform mitwirken, hörten manche mit Genugtuung. Wie bei allen Aktiengesellschaften, belehrte Wirtschaftsminister Werner Müller den Kollegen, dürften die Eigentümer auch bei der DB grundlegende Veränderungen nicht an Vorstand und Aufsichtsrat vorbei entscheiden.

Bei so viel Widerstand nutzt es Bodewig wenig, dass Wirtschaftsverbände, Forschungsinstitute und Öffentlichkeit seinen Vorstoß fast einhellig begrüßten. »Die Eisenbahntrassen gehören in die Hand des Staates«, hatte etwa Hans-Werner Sinn im »Handelsblatt« gefordert: Auf keinen Fall wäre es sinnvoll, so der Präsident des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, »das in 150 Jahren aufgebaute Volksvermögen, das in Form der Eisenbahntrassen bis in die feinsten Innenstadtlagen hineinreicht, an der Börse zu verhökern und es dann den privaten Eignern zum Zweck der Gewinnmaximierung zu überlassen«.

Eigentlich wollte Bodewig mit einer hausinternen Task-Force nun zügig die Details seiner Reform diskutieren. Wenn die Runde an diesem Dienstag erstmals zusammentritt, sitzen mehrere neue Teilnehmer, Mehdorn an der Spitze, nur dabei, um die Pläne zu hintertreiben.

PETRA BORNHÖFT, FRANK HORNIG

* Mit Lufthansa-Vorstand Jürgen Weber (M.) am vergangenenMontag in Berlin.

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