Führungskräfte Unternehmer - die besseren Politiker?

Deutschlands Unternehmer verzweifeln an der Entscheidungsunfähigkeit der Regierenden. Warum können Politiker nicht so konsequent handeln wie wir, die Unternehmer, wird gern gefragt. Doch taugen Unternehmen wirklich als Vorbild für die Politik?

Von Wolfgang Kaden


Kürzlich, in einer Runde höchst ehrenwerter und überaus erfolgreicher mittelständischer Unternehmer. Ganz unvermeidlich kommt die Rede auf die Große Koalition und ihr wenig ertragreiches Schaffen. Schnell war bei den Männern der Wirtschaft Konsens geschaffen: Unsere Politiker sind allesamt unfähig; sie sollten sich ein Beispiel nehmen - an uns, den Unternehmern.

Der Schluss scheint zwingend: Während die Politik still stand und steht, tun die Unternehmer alles nur Menschenmögliche , um sich am Weltmarkt durchzusetzen: Sie haben ihre Unternehmen verschlankt, haben die Firmen umorganisiert und neu aufgestellt, haben Unternehmensteile verkauft und Produktion an kostengünstigere Standort verlagert.

Warum nur können die Politiker nicht Vergleichbares leisten? Warum können sie nicht endlich jene Reformen durchsetzen, die das Land so zukunftsfähig machen wie es die Manager mit den Unternehmen geschafft haben?

Die Antwort auf diese immer wieder gestellte Frage hören Unternehmer und Manager nicht gern. Sie lautet, ganz schlicht: Weil Politik ein ungleich mühsameres Geschäft ist als Unternehmensführung.

Ich höre die Proteste: Haben wir Unternehmer uns nicht in einem Wettbewerb zu bewähren, der immer brutaler geworden ist? Sind wir nicht gezwungen, die Kosten immer tiefer zu drücken? Müssen wir nicht zunehmend komplexer gewordene Unternehmensstrukturen beherrschen?

Alles richtig, Unternehmensführung in diesen Zeiten ist gewiss kein Vergnügen. Dennoch, Politiker haben es noch schwerer, jedenfalls wenn es um die gewichtigste Tätigkeit von Führungskräften geht: um das Treffen von Entscheidungen.

Verbändegeschrei und Mediengetöse

Trotz aller Bedeutung von Teamwork, von Kooperation in den Unternehmen – letztlich ist es dort der Chef, der den Kurs bestimmt. Und wenn das Unternehmen gut geführt ist, wird dann auch umgesetzt, was ganz oben entschieden wurde.

Welcher Chef in der Politik aber kann wirklich entscheiden? Es mangelt ja gewiss nicht an den richtigen Erkenntnissen beim politischen Toppersonal. Es fehlt die Macht, das als richtig Erkannte durchzusetzen.

Unternehmer, an schnelle Entscheidungsprozesse in ihrem Umfeld gewöhnt, können sich meist kein Bild davon machen, wie windungsreich und holprig der Weg zu einer Entscheidung in der Politik ist – zumal, wenn sich, wie derzeit in Berlin, zwei gleich große Partner zusammenraufen müssen.

Das fängt an im Kabinett, in dem das Vorhaben zwischen den Ministerien abgestimmt werden muss – mühsam, selbst wenn die jeweiligen Minister der gleichen Partei angehören; noch schwieriger, wenn das nicht der Fall ist.

Dann melden sich die Präsidiumsmitglieder und Vorstände der regierenden Parteien zu Wort. Es folgt die Abstimmung in den Bundestagsfraktionen - mit Blick auf die nächsten Wahlen, unter dem Druck der Parteibasis, begleitet von Verbändegeschrei und Mediengetöse. Schließlich baut sich dann noch ein Hindernis von besonderer Mächtigkeit auf: der Bundesrat, das deutsche Nebenparlament, mit seinen eigenen, verwirrenden Ritualen.

Demokratie ist überall mühselig, besonders aber in unserem Land. Verfassungstext und Verfassungswirklichkeit haben die politische Macht in Deutschland quasi atomisiert. Jeder Unternehmer, an schnelle Entscheidungen gewöhnt, würde in diesem Umfeld scheitern. Vielleicht ahnen das die meisten, die an der Spitze von Unternehmen stehen. Vielleicht ist auch dies ein Grund, warum sich so wenige Unternehmer und Manager in die Politik wagen.



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