Füllhalterhersteller Retter der Handschrift

PC, Laptop, Blackberry - der klassische Füllfederhalter ist am Ende. Oder doch nicht? Die großen deutschen Schreibgerätehersteller haben sich erfolgreich neue Nischen gesucht: Die einen bieten bunte Kinderfüller, die anderen Prunk-Federhalter für 20.000 Euro das Stück.

Hamburg - Die Leute bei Pelikan haben lange gegrübelt, was sie tun können gegen die Digitalisierung. Dagegen, dass immer mehr Menschen mailen und simsen und nicht mehr den guten alten Füller in die Hand nehmen, den Pelikan seit Jahrzehnten herstellt und mit dem Generationen von Schülern das Schreiben lernten. Selbst an manchen Grundschulen hacken Kinder heute ihre Übungen in den Laptop, anstatt mit blau verschmierten Fingern auf dem Papier zu kritzeln.

Volker Tuchhardt legt einen Pappkasten mit vier Stiften auf den Tisch; Wachsschreiber, Bleistift, Tintenroller und Füller sind darin, alle aus schrill buntem Plastik. "Griffix" heißt dieses Schreiblernsystem. "Alleine die Namensfindung war ein komplizierter Prozess", sagt Tuchhardt, Leiter des internationalen Marketings bei dem Hannoveraner Unternehmen. "Natürlich kann ich mir selbst einen Namen ausdenken, aber er muss überall in der Welt verstanden werden, muss noch nicht durch ein anderes Produkt besetzt sein und außerdem eingängig sein." Daher, sagt Tuchhardt, habe man mehrere hunderttausend Euro an eine Agentur gezahlt, damit die einen geeigneten Namen findet. "Griffix" also.

Gemeinsam mit dem Fraunhofer Institut tüftelte das Unternehmen fast zwei Jahre lang an diesem Schreibsystem, befragte Kinder nach deren Lieblingsfarben, ließ Wissenschaftler über die Schreibhaltung forschen, entwickelte die Schreiblernhefte. Ziel war es, Kinder schon im Vorschulalter an das Schreiben von Hand heranzuführen. Schrittweise, nach dem Bestehen entsprechender Übungen, sollen sie sich vom Wachsschreiber bis zum Füllhalter hocharbeiten. "Die Kinder wollen am Ende natürlich unbedingt wie die Erwachsenen mit Füller schreiben", sagt Tuchhardt.

Jetzt auch Brillen und Schmuck

Tatsächlich hat Pelikan mit den rundlichen Dingern einen Treffer gelandet gegen den Hauptkonkurrenten im deutschen Schulfüllermarkt, die Firma Lamy aus Heidelberg, deren Schreiblernsystem "abc" aus Holz und Kunststoff seit 1987 auf dem Markt ist und bei Pelikan nur "Holzbein" heißt: Die Nachfrage ist unerwartet groß, die Produktion im niedersächsischen Vöhrum wird hochgefahren. Außerdem, so das Kalkül, wolle spätestens in der dritten oder vierten Klasse kein Kind mehr mit den babyhaft anmutenden Stiften schreiben und verlange dann nach einem traditionellen Schulfüller.

Der "Griffix" ist eine Erfolgsmeldung in einem ansonsten schwierigen Markt: In ihrer 150-jährigen Geschichte hat Pelikan die Erfindung der Schreibmaschine und des Computers überstanden, die Deindustrialisierung Hannovers überlebt. Außerdem hat die Firma den früheren Konkurrenten Geha übernommen. Mit Schulfüllern macht das Unternehmen, das inzwischen mehrheitlich einem malaysischen Großaktionär gehört, immer noch den größten Teil seines Umsatzes. Längst ist die Produktpalette aber auf Druckerzubehör, Mal- und Büroartikel ausgeweitet. "Die Kunst besteht darin, breit aufgestellt zu sein, ohne den Kern als Schreibgerätehersteller aufzugeben", sagt Tuchhardt.

Eine Kunst, in der sich nahezu alle in Deutschland übrig gebliebenen Hersteller von Füllhaltern, Kugelschreibern und Bleistiften versuchen, um zu überleben - jedoch auf ganz unterschiedliche Art. Die Hamburger Firma Montblanc, 1906 gegründet und bis in die achtziger Jahre hinein auch im Massenmarkt vertreten, konzentriert sich seither nur noch auf das lukrative Luxussegment. Damals gab der Chef die Devise aus: kein Montblanc-Füller unter 150 Mark.

Noch bis Mitte der neunziger Jahre machte das Unternehmen seinen gesamten Umsatz mit Schreibgeräten. "Inzwischen sind es etwa 50 Prozent", sagt Thomas Schnädter, Geschäftsführer von Montblanc Deutschland. Die andere Hälfte erzielt die Firma mit Schmuck, Lederartikeln, Brillen, Parfum und Uhren. "Wir sind eine Luxusmarke, die ihre Wurzeln im Schreiben hat", sagt er.

Montblanc, seit 1988 Teil des Schweizer Luxusgüterkonzerns Richemont, sieht die Uhrenindustrie als Vorbild: Auch dort wird ein Produkt hergestellt, das im Zeitalter von Mobiltelefonen mit eingebautem Wecker immer weniger benötigt wird - und schon gar nicht aufwendig produzierte mechanische Uhren, die viel teurer sind als Quarzuhren, aber trotzdem viel ungenauer ticken. Teure Uhren gelten eben immer noch als Statussymbol und als Schmuckstück.

"Ein Füller ist ein Schmuckstück, mit dem man zufällig schreiben kann", sagt Schnädter und zückt einen Füllhalter mit Goldringen aus seiner Jackeninnentasche, einen schwarzen Brummer aus Plastik, das die Marketingleute aber lieber Kunstharz nennen. Das "Meisterstück 149" gehört zu den Lieblingsobjekten chinesischer Produktpiraten.

Rund 50 Kilogramm Gold verarbeitet Montblanc pro Monat alleine für die Federn. Begehrlichkeit sollen auch limitierte Editionen wecken: Schreibgeräte, die berühmten Schriftstellern oder anderen historischen Persönlichkeiten gewidmet sind, erläutert Schnädter und öffnet in einem gesicherten Raum im Hamburger Werk eine Schublade mit Füllhaltern im Wert von Tausenden von Euro. So mancher Liebhaber, sagt er, würde ein solches Schreibgerät niemals benutzen, sondern in den Safe legen und auf eine Wertsteigerung hoffen. Damit allerdings ist das so eine Sache - da fast jeder Hersteller eine limitierte Auflage auf den Markt gibt, sind Wertsteigerungen ungewiss.

Ein Hamburger Füllermacher stellt nur rund 250 Schreibgeräte im Jahr her

Manchen Kunden ist das aber ganz egal - Geld spielt für sie keine Rolle. "Ab einem sechsstelligen Betrag erfüllen wir auch Sonderwünsche, zum Beispiel mit Edelsteinen besetzte Füller", sagt er und zeigt auf eine Werkbank, über der Kameras angebracht sind. "Diese Kunden können die Produktion online live verfolgen."

Das Luxussegment hat sich auch das ehemalige DDR-Unternehmen VEB Cleo Bad Wilsnack Schreibgeräte-Werkzeugbau ausgesucht. Heute gilt die Firma Cleo Skribent als Geheimtipp: Rund hundert Mitarbeiter produzieren im nordbrandenburgischen Bad Wilsnack Schreibgeräte auch für andere namhafte Hersteller. Junior-Geschäftsführer Mathias Weiß, Sohn des geschäftsführenden Gesellschafters Wolfgang Weiß, mag zwar keine Namen nennen - aber in der Branche ist es ein offenes Geheimnis, dass auch Montblanc und Pelikan hier fertigen lassen, zusätzlich zur eigenen Produktion. Schulfüller zu produzieren, sagt er, könne er sich nicht vorstellen. "Edle Schreibgeräte sind unser Spezialgebiet."

Als weitere Nische haben sich die Brandenburger die Herstellung von aufwendig gefrästen Kappen und Hülsen gesucht - so erfolgreich, dass Hersteller aus aller Welt hier bestellen. "So ein Füller kostet dann schon mal bis zu 20.000 Euro", sagt Weiß und zeigt einen verzierten Stift aus Gold, der aussieht wie ein Stück aus dem Orient. Auch das Rhodinieren von Schreibfedern ist eine Spezialität: Die Federn aus Gelbgold werden kunstvoll mit Rhodium verziert, mit Mustern, Schriftzügen der diversen Marken oder Wappen. "Die Federn wiederum bekommen wir von den Schreibgeräteherstellern selbst oder kaufen sie bei reinen Federherstellern ein", sagt Weiß.

Anfragen von Liebhabern aus aller Welt

Auch Stefan Fink kauft die Federn für seine Füllhalter ein. Fink, Drechsler und Designer in Hamburg, stellt in Handarbeit Schreibgeräte aus Holz her, aus Grenadill, Olivenbaum oder Palisander. Vorsichtig nimmt er in seiner Hamburger Werkstatt ein schwarzes, glattes Stück Holz in die Hand. Er streicht darüber, betrachtet die Maserung und legt es wieder zurück in die Kiste zu den anderen Stücken in derselben Farbe. "Das ist 4000 Jahre alte Mooreiche", sagt er. "Lag lange im Wasser. Jetzt wurden zwei Stämme aus der Elbe gezogen." Fink hörte davon und bestellte sofort 250 Kilogramm von dem Holz. "Das reicht wahrscheinlich für den Rest meines Lebens."

Aus den verschiedenen Holzarten entstehen jedes Jahr etwa 250 Schreibgeräte, davon die Hälfte Füllfederhalter, ansonsten Kugelschreiber und Druckbleistifte. Der 49-Jährige, der ursprünglich Möbel und Holzschmuck herstellte, ist per Zufall zum Schreibgerätemacher geworden: Als er sich einen Skizzenstift machte, weil ihm die handelsüblichen viel zu dünn waren. Seither ist die Nachfrage nach seinen Produkten rasant gestiegen. Bei einer Ausstellung in Japan verkaufte Fink kürzlich alle 104 Stücke. Seitdem das Kreditkartenunternehmen American Express in seiner Zeitschrift "Centurion" für besonders kaufkräftige Kunden einen Artikel über Fink veröffentlichte, trudeln Bestellungen aus aller Welt bei ihm ein. Vor ein paar Tagen erst meldete sich ein pakistanischer Millionär.

Aber Kunden müssten bei ihm lange warten, schließlich lagert das Holz ein paar Jahre, und nachdem Fink den Korpus gedrechselt hat, muss es noch einmal einige Zeit lagern, bevor das Stück geölt wird. 900 bis 2500 Euro verlangt Fink für einen Stift. Er sagt, er wolle keine Schmuck- und Ausstellungsstücke machen, sondern Geräte, die genutzt werden. "Dass ein Stück von mir in der Pinakothek der Moderne in München ausgestellt ist, ehrt mich. Aber eigentlich möchte ich, dass die Menschen meine Instrumente jeden Tag in die Hand nehmen und damit schreiben."

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