Fünf Millionen Arbeitslose Kalt erwischt

Der Schock sitzt tief - denn niemand hatte erneut mit über fünf Millionen Arbeitslosen gerechnet. "Der Trend bleibt positiv", übt sich Bundesagentur-Chef Weise in Optimismus. Ökonomen glauben erklären zu können, warum die Zahl so schrecklich hoch ist.


Hamburg - Es sah alles so gut aus: Von Oktober auf November waren die Arbeitslosenzahlen gesunken, obwohl das für den Herbst vollkommen ungewöhnlich ist. Im Dezember nahm der Pulk der Arbeitslosen nur um rund 75.000 auf 4,606 Millionen zu, auch das ein überraschend gutes Ergebnis. Kein Wunder, dass der Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA), Frank-Jürgen Weise, heute wie ein gescholtener Schuljunge vor den Journalisten in Nürnberg saß - die Schultern leicht hochgezogen, die Hände unter dem Tisch. Schon wieder über fünf Millionen registrierte Arbeitslose, 5,012 Millionen um genau zu sein, eine Quote von 12,1 Prozent.

Arbeitsagenturchef Weise: Ökonomen machen Hoffnung
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Arbeitsagenturchef Weise: Ökonomen machen Hoffnung

Der Schock saß tief, denn damit hatte niemand gerechnet. "Wir haben Ende Dezember drei Szenarien durchgerechnet und sind dabei unter der Fünf-Millionen-Grenze geblieben", erklärte Weise später gegenüber SPIEGEL ONLINE. Prognosen seien eben immer schwierig.

Trotzdem scheint der starke Anstieg vor allem durch temporäre Effekte erklärbar. So führte die ungewöhnlich heftige Kältewelle nach den beiden überraschend milden Vormonaten zu einem besonders starken Jobverlust etwa im Baugewerbe - das glaubt auch Ulrich Kater, Chefsvolkswirt der DekaBank: "Das Wetter hat eine wichtige Rolle gespielt."

Darüber hinaus greifen ab Februar die neuen Regeln für das Arbeitslosengeld I: Dann bekommen Arbeitslose, die älter sind als 55, nur noch höchstens 18 Monate ausbezahlt statt wie bisher 32. "Das hat sicherlich dazu geführt, dass viele Arbeitnehmer vorzeitig entlassen wurde, damit sie noch die alten Bezugszeiten in Anspruch nehmen können", sagt Kater. Diese Vorzieheffekte seien viel größer gewesen als erwartet, erklärte auch BA-Chef Weise.

"Der Trend, den wir in den letzten Monaten festgestellt haben, bleibt weiter positiv", beharrte er deshalb fast trotzig. Und auch Konjunkturexperte Kater will nicht vom großen Einbruch auf dem Arbeitsmarkt sprechen. Die erfreuliche Entwicklung der letzten Monate sei konjunkturell bedingt und breche deshalb durch den unerwartet starken Anstieg im Januar nicht plötzlich ab. "Wir leben in einer Zeit des Aufschwungs, und das hat ja auch jedermann inzwischen mitbekommen", sagt der Volkswirt.

Schließlich prognostizierten inzwischen sämtliche Ökonomen, dass das Wachstum 2006 ordentlich anziehen wird, gibt Kater zu bedenken. Diese Erholung sei nachhaltig: Jahrelang hätten die Unternehmen in Folge des Bebens am Aktienmarkts 2000 vor allem Geld gehortet, "dieser Börseneinbruch war schließlich schlimmer als 1929. Aber inzwischen denken auch deutsche Unternehmer wieder an Expansion", glaubt Kater. "Und positives Investitionsverhalten schlägt sich auch am Arbeitsmarkt nieder - auch in sozialversicherungspflichtigen Jobs."

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Ähnlich sieht das auch Wolfgang Leim, Volkswirt bei der Dresdner Bank. "Man sollte nicht von schlechten Zahlen im Januar auf den ganzen Rest des Jahres schließen," sagte er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Und vor allem solle man trotz der niederschmetternden Gesamtzahl positive Signale nicht außer Acht lassen: "Die Zahl der offenen Stellen beispielsweise ist von 394.000 auf 414.000 gestiegen."

Auch Unternehmer hätten sich in mehreren Umfragen hinsichtlich der Beschäftigungsentwicklung positiv geäußert. Leim rechnet deshalb sogar damit, dass dieses Jahr rund 300.000 neue Stellen geschaffen werden und die saisonbereinigte Arbeitslosigkeit von durchschnittlich rund 4,86 Millionen auf 4,6 Millionen Erwerbslose gedrückt werden kann.

IfW-Chef Snower rät: Ganz von vorne anfangen

Nicht halb so rosig will Dennis Snower, Chef vom Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel, die Lage sehen. Zwar hält auch er die hohe Arbeitslosenzahl vom Januar nicht für außergewöhnlich dramatisch: "Wenn man die saisonbereinigten Zahlen betrachtet, hat sich nicht so viel verändert", sagt er.

Dennoch zweifelt er daran, dass sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt nachhaltig verbessern könnte. "Selbst wenn es einen Aufschwung gibt - unter den jetzigen wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen wird es Jahre dauern, bis sich das in niedrigeren Arbeitslosenzahlen niederschlägt", sagt der Arbeitmarktexperte zu SPIEGEL ONLINE. "So war es auch in den achtziger Jahren: Die Rezession, die die Zahl der Erwerbslosen enorm hat anwachsen lassen, war schon 1982 vorbei. Die Lage auf dem Arbeitsmarkt hat sich aber erst 1986 wieder einigermaßen stabilisiert."

Der Arbeitsmarkt sei zu starr geordnet, findet Snower. Arbeitslose hätten zu wenig Anreize, eine Arbeit aufzunehmen, Arbeitgeber zu wenig Motivation, Stellen zu schaffen, so der Institutschef. "Der Kündigungsschutz bewirkt, dass weniger Leute entlassen, aber auch weniger Leute eingestellt werden."

Es sei außerdem falsch, sich zu sehr auf die aktuellen Wachstumsprognosen zu verlassen, sagt Snower. Denn die spiegelten lediglich wider, was passiert, wenn alle äußeren Faktoren so bleiben wie bisher. "Die Weltwirtschaft steht aber auf sehr wackeligen Beinen und die deutsche Wirtschaft ist durch ihre Exporte sehr von der Weltwirtschaft abhängig." Das sei auch Unternehmern bewusst: "So erklärt sich, dass sich die konjunkturelle Erholung nicht so schnell in neuen Stellen niederschlagen wird."

2007 werde außerdem die angekündigte Mehrwertsteuererhöhung auf 19 Prozent der zarten deutschen Konjunktur wieder einen kräftigen Dämpfer verpassen, wie alle Studien durch die Bank weg prophezeien. "Dann ist auf dem Arbeitsmarkt auch nichts mehr zu holen", glaubt auch DekaBank-Chefvolkswirt Kater.

Sollte die Große Koalition den bisher eingeschlagenen Weg weitergehen, sieht IfW-Chef Snower außerdem auch langfristig wenig Chancen auf Besserung: "Eins müssen wir uns klar machen: Abwarten hilft nicht. Die Hartz-Reformen brauchen nicht einfach nur mehr Zeit, um ihre Wirkung zu entfalten. Sie setzen zu wenig Anreize und werden deshalb keine grundlegenden Verbesserungen nach sich ziehen." Alles was die Koalition jetzt tun könne, sei, "sich mit einem frischen Blatt Papier hinzusetzen und ganz neu zu überlegen, was sie jetzt tun will".

Auch in der Bundesagentur sieht man deshalb nach den kurzen Verschnaufpausen im November und Dezember den künftigen Monatsveröffentlichungen offenbar schon mit Grauen entgegen. Im Februar werde die Zahl der Erwerbslosen - weil das in diesem Monat einfach immer so sei - voraussichtlich noch einmal steigen, erklärte man heute.

Auf die Frage nach den langfristigen Perspektiven erklärte Bundesagenturchef Weise außerdem: "Was das Jahr 2007 angeht, wage ich keine Prognose. Wir haben Anzeichen, dass die Konjunktur durch die Erhöhung der Mehrwertsteuer belastet wird. Was das für den Arbeitsmarkt bedeutet, kann Ihnen heute niemand seriös vorhersagen."



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