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05. August 2002, 18:46 Uhr

Fünf-Prozent-Verlust

Was vom Dax übrig blieb

Wieder einmal gibt es in Frankfurt kein Halten mehr. Nach weiteren Hiobsbotschaften aus den USA wenden sich selbst standhafte Anleger ab. Zu allem Überfluss äußern nun Experten auch noch Zweifel an der Verlässlichkeit der amerikanischen Konjunkturstatistik.

Börse in Frankfurt: "Noch Luft nach unten"
AP

Börse in Frankfurt: "Noch Luft nach unten"

Frankfurt am Main - Der Deutsche Aktienindex Dax verlor bis zum Abend 5,5 Prozent auf 3338 Punkte, während der Nemax 50 um 6,7 Prozent auf ein Allzeittief bei 483 Punkten nachgab. Der MDax der mittelgroßen Aktiengesellschaften fiel um 2,8 Prozent auf 3306 Punkte.

"Es fehlt jeglicher Impuls, Aktien zu kaufen", sagte ein Wertpapierhändler in Frankfurt. Zudem sei eine Reihe von Dax-Werten charttechnisch angeschlagen. "Da ist noch viel Luft nach unten." Auf den Verkaufslisten standen Aktien von Epcos und Fresenius Medical Care ganz oben. Die Titel fielen auf mehrjährige Tiefstände. Neben der Gewinnwarnung in der vergangenen Woche geriet die Fresenius-Aktie Händlern zufolge unter Druck, nachdem Anleger über den Rauswurf aus dem Dax spekuliert hatten.

Begrenzte Fluchtmöglichkeiten

Auch hart gesottene Privatanleger, die bisher noch nicht verkauft haben, wollen offenbar schnellstens raus aus dem Markt. Große Fonds verzeichnen seit Wochen enorm hohe Mittelabflüsse, weil Investoren reihenweise ihre Anteile verkaufen. Doch nicht nur die Krise am Aktienmarkt hat bei Anlegern zu einer tiefen Verunsicherung geführt. Auch andere bisher sicher geglaubte Anlageformen wie die gute alte Lebensversicherung gelten neuerdings als Wackelkandidaten.

"Den Versicherern geht es so schlecht wie nie zuvor", beschreibt Manfred Poweleit vom Rating-Spezialisten map-report die Situation. Konnten die Unternehmen während des Aktienbooms noch mit hohen Renditen locken, wird jetzt kräftig zurückgerudert: "Wir müssen und davon verabschieden, dass eine Lebensversicherung immer risikolose 7,5 Prozent bringt", meint Reiner Will vom Branchenbeobachter Assekurata. Für realistisch halten Experten einen Wert um die fünf Prozent. Das entspräche ungefähr dem aktuellen Zinssatz für langfristige festverzinsliche Anleihen. Letztere halten viele Experten neben Geldmarktkonten für eine der wenigen Anlageformen, die wenigsten ein paar Prozent sichere Rendite garantiert.

Lesen Sie im zweiten Teil, warum die US-Wirtschaft erneut am Abgrund steht und weshalb Experten den offiziellen amerikanischen Wachstumsstatistiken nicht mehr trauen.

Dunkle Wolken über Amerika

Ökonom Roach: Die USA stehen am Abgrund
AFP

Ökonom Roach: Die USA stehen am Abgrund

Nach weiteren schwachen US-Konjunkturdaten hat die Wall Street die zunächst geringen Verluste ausgebaut. Der Einkaufsmanagerindex ISM für den Dienstleistungssektor war im Juli stärker als von den Volkswirten erwartet gefallen. Der Dow Jones baute seine Verluste auf 2,1 Prozent bei 8141 Punkten aus. Nach einem Abschlag um weitere 2,9 Prozent wurde der Nasdaq-100-Index mit 866 Zählern berechnet.

Experten wie Stephen Roach, Chefökonom der Investmentbank Morgan Stanley, halten einen so genannten double dip - ein erneutes Abrutschen der US-Wirtschaft in die Rezession - für wahrscheinlicher als noch vor einigen Wochen. Roach sagte dem "Handelsblatt", die USA stünden "am Abgrund eines neuen Abschwungs".

Börse zweifelt an US-Statistiken

Nach den jüngsten Bilanzmanipulationen bei US-Konzernen werden auch die Konjunkturzahlen der weltgrößten Volkswirtschaft von Experten zunehmend in Zweifel gezogen. Anlass für die Spekulationen um die Glaubwürdigkeit der US-Statistik sind die jüngsten Zahlen zum Bruttoinlandsprodukt, die am vergangenen Mittwoch deutlich für das vergangene Jahr und das erste Quartal 2002 nach unten revidiert wurden. Auch bei den am Freitag zu Veröffentlichung anstehenden Zahlen zur Produktivität im zweiten Quartal sind nach Einschätzungen von Volkswirten wieder Revisionen zu erwarten.

So korrigierte die US-Statistikbehörde das Wirtschaftswachstum für das Jahr 2001 von 1,2 Prozent auf 0,3 Prozent nach unten. Auch das Wachstum für das erste Quartal 2002 wurde von 6,1 Prozent auf fünf Prozent nach unten revidiert. Zudem war nicht nur das reale Wirtschaftswachstum im Jahr 2001, sondern auch das nominale Wachstum betroffen. Es wurde also nicht nur der so genannte BIP-Deflator nach unten revidiert, sondern auch die gesamtwirtschaftliche Leistung der USA war geringer als bisher angenommen.

Zahlen mit Geschmäckle

"Ich halte die US-Konjunkturzahlen nicht für vertrauenswürdig", sagte Folker Hellmeyer von der Bremer Landesbank. Es sei auffällig, dass die wesentlichen US-Wirtschaftsindikatoren im Nachhinein massiven Revisionen unterliegen, die ein sehr viel nüchterneres Bild der US-Wirtschaft zeichnen als die aktuell veröffentlichten Daten.

Diese Entwicklung sei seit 24 Monaten sehr ausgeprägt. Bereits bei der "Benchmark Revision" des vergangenen Jahres seien die Wachstumsdaten für die Jahre 1997 bis 2000 deutlich revidiert worden. Insgesamt erinnere die Revision der makroökonomische Daten sehr stark an das Problem der Unternehmensdaten in den USA. Ein fader Beigeschmack sei bei dieser Informationspolitik gegeben, sagte Hellmeyer. Sie könne nicht gerade als vertrauensfördernd bezeichnet werden.

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