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Fünf zu drei im WGB

aus DER SPIEGEL 6/1949

Nach dem anglo-amerikanischen Auszug aus dem Weltgewerkschaftsbund scharen sich die internationalen Gewerkschaftler getrennt um das östliche oder westliche Lagerfeuer. Auf der Sondersitzung des Exekutiv-Ausschusses des WGB in Paris demonstrierten die verbliebenen Weltgewerkschaftler Einmütigkeit.

Der Vorschlag des ausgezogenen Präsidenten Arthur Deakin (Großbritannien), den Weltgewerkschaftsbund auf ein Jahr für arbeitsunfähig zu erklären, wurde abgelehnt. Zum neuen Präsidenten avancierte der Generalsekretär des kommunistisch geleiteten italienischen Gewerkschaftsbundes Giuseppe di Vittorio.

Zur gleichen Zeit tagten in Bern die westlich orientierten Gewerkschaften der Marshallplan-Länder. Arthur Deakin und der Vorsitzende des amerikanischen Industrieverbandes CIO, James Carey, wechselten von Paris direkt in das Schweizer ERP-Lager hinüber. Offizielles Verhandlungsthema in Bern ist die Unterstützung des Marshallplans. Inoffiziell wird auch über die Bildung einer neuen antikommunistischen Gewerkschaftsinternationale gesprochen.

Die ideologische Achillesferse trägt der Weltgewerkschaftsbund schon seit seiner Geburt im Oktober 1945 mit sich herum. Die 70-Millionen-Gewerkschaft von 67 internationalen Arbeiter-Vereinigungen wurde während der Flitterwochen der ostwestlichen Zusammenarbeit nach Kriegsende in Paris gegründet.

Vertreter von 56 nationalen Organisationen unterzeichneten damals begeistert die Statuten des Verbandes: Erhaltung des Friedens, Kampf dem Faschismus, Förderung der UNO, internationales Recht der Genossenschaftsgründung und allgemeine Forderungen fortschrittlicher Lohn-, Sozial- und Arbeitsschutzpolitik. Die Denazifizierung und Entmilitarisierung Deutschlands war ein besonderer Programmpunkt.

Für das besiegte Deutschland wurde ein »harter Frieden« gefordert. Sogar die massenweise Absolvierung »einer Reparations-Dienstpflicht deutscher Arbeiter in anderen Ländern« wurde diskutiert. Die Deutschlandfrage blieb eines der wichtigsten Verhandlungsthemen. Als die Ruhrkohlenproduktion nicht den gewünschten Aufstieg zeigte, wurde von den Weltgewerkschaftlern in Paris die Einführung der Zwangsarbeit im Ruhrkohlenbergbau vorgeschlagen.

Eine internationale Kommission des Exekutivkomitees konnte 1947 nach zwei Rundreisen durch Deutschland »keinerlei Unterernährung« bei der Bevölkerung beobachten. Die Lage in Deutschland sei nicht schlechter als in anderen Ländern.

Das vereinbarte Delegiertensystem sicherte Rußland und den vorgelagerten Ländern fünf der acht Vorstandssitze im WGB. Sie vertraten rund 54 der 70 Millionen Mitglieder. In der Sowjetunion gibt es nur eine einzige Pflichtgewerkschaft. Die Verbände der westlichen Länder dagegen arbeiten nach dem Prinzip der Freiwilligkeit und sind oft nach Industriegruppen organisiert.

Diese Fachverbände fühlten sich beim Aufbau des neuen internationalen Gewerkschaftsverbandes übergangen. Es genügte ihnen nicht, nur durch Delegierte ihres Landes vertreten zu sein. 15 internationale Berufsverbände traten dem WGB nicht bei. Sie arbeiteten neben ihm weiter.

Der amerikanische Facharbeiterverband American Federation of Labor (AFL, 7,6 Millionen Mitglieder), hatte sich von vornherein ausgeschlossen. Die 15 internationalen Gewerkschafts-Mauerblümchen blickten hoffnungsvoll auf ihn.

Die östliche Stimmenmehrheit im Vorstand und Exekutivausschuß legte die Entscheidung über jeden eingebrachten Vorschlag in die Hände der russischen oder rußland-orientierten Gewerkschaftsdelegierten. Die wachsenden politischen Spannungen zwischen Ost und West führten auch bei den Verhandlungen des WGB laufend zu Kurzschlüssen.

Der Marshallplan schlug dann dem internationalen Gewerkschaftsfaß den löcherigen Boden aus. Nach seiner Verkündung beschloß das Exekutivbüro auf seiner Novembersitzung 1947, für Februar 1948 eine Konferenz einzuberufen, auf der das europäische Hilfsprogramm diskutiert werden sollte. James Carey, Vorsitzender des amerikanischen CIO (Congreß of Industrial Organisation, 6 Millionen Mitglieder), hatte das beantragt.

Louis Saillant, der kommunistische Generalsekretär des Bundes, erklärte, die Russen seien viel zu beschäftigt, als daß sie an einer Marshallplan-Diskussion teilnehmen würden. Saillant verschickte trotz der Anweisung des WGB-Präsidenten Arthur Deakin (britische Trade Unions, 7,8 Millionen Mitglieder) keine Einladungen.

Deakin antwortete mit einem Ultimatum: Wenn nicht innerhalb von zwei Wochen die Konferenz einberufen sei, werde er die Unterstützung des Marshallplanes von der gewerkschaftlichen Seite her organisieren. Während Saillant noch überlegte, berief Deakin alle nichtkommunistischen Gewerkschaften zu einer ERP-Diskussion nach London.

Die Vertreter von 26 Staaten stiegen am 9. März 1948 die ausgetretenen Treppenstufen des Londoner Transporthauses empor. Auch drei Westdeutsche stiegen mit; begleitet von den Pfui-Rufen ihrer zurückgebliebenen Kollegen aus der Ostzone.

Die Londoner Konferenz billigte einstimmig eine Erklärung, die das ERP akzeptierte und einen ständigen Gewerkschaftsbeirat für den Marshallplan einsetzte.

Am 1. Mai veröffentlichte der Leiter der Informationsabteilung im WGB, Michael Filjene (Sowjetbürger) ein aggressives Manifest. Darin wird der Marshallplan als »kapitalistischer Imperialismus« verurteilt und »Aufrüstungsplan gegen die Sowjetunion.« tituliert.

Saillant hatte den Aufruf verfaßt. Deakin und alle anderen Mitglieder des Vorstandes lasen ihn zum erstenmal in den Zeitungen. Der große Riß war da.

Auf den nächsten Sitzungen des Bundes konnte er nur künstlich wieder verklebt werden. Saillant mußte seinen Posten als Vorstandsmitglied der französischen kommunistischen Gewerkschaft CGT niederlegen, trotz seines Widerstandes.

Louis Saillant ist Spezialist für Widerstände. Der heute 37jährige leitete während der Besetzung Nordfrankreichs durch die Deutschen eine Widerstandsgruppe und gab die illegale Zeitung »Liberation« heraus. 1944 wurde er Präsident des französischen Widerstandsrates.

Noch im Mai 1944 entging er nur durch Zufall seiner Verhaftung. Als er verspätet zu einer Sitzung von Widerstandsfunktionären in einen Pariser Vorort fuhr, sah er gerade noch rechtzeitig die Autos der Gestapo vorfahren.

Ferner liefen

Während der Widerstandsjahre wechselte er sechsmal seinen Namen. Er vergaß nie, die Anfangsbuchstaben L. S. zu wählen. Dadurch konnte ihm kein Vergleich mit dem Monogramm in seiner Wäsche gefährlich werden. Saillant ist seit seinem 19. Lebensjahr Gewerkschaftler.

Der Führer der sowjetischen Delegation, Wassily Kuznetsow, versicherte nach Saillants Rücktritt aus dem CGT-Vorstand, jeder habe das Recht, an die segensreichen Auswirkungen des Marshallplanes zu glauben. Der sowjetische Zentralrat der Gewerkschaften teile diese Illusion allerdings nicht. Nach sowjetischer Ansicht dürfe die Gewährung wirtschaftlicher Hilfe nicht »mit politischen Bedingungen verknüpft« sein.

Die westlichen Gewerkschaftler blieben mißtrauisch. Sie registrierten die Streikunruhen in Frankreich und Italien als Versuche der Kominform, das ERP durch die kommunistischen Gewerkschaften zu torpedieren. Hinter gegenseitigen Loyalitätsbeteuerungen wuchs der Zwist im Pariser Weltgewerkschaftsbund. Zu praktischer gewerkschaftlicher Arbeit kam es kaum noch.

Die englischen Trade Unions, die noch während des Krieges den Aufbau einer neuen Gewerkschafts-Internationale an Stelle des früheren »Amsterdamer Gewerkschaftsbundes"*) eingeleitet hatten, übernahmen jetzt auch die Führung des Rückzugs der westlichen Gewerkschaften aus dem »Propagandaladen des Kreml«.

Auf dem britischen Gewerkschaftskongreß in Margate im September 1948 wurde

*) 1888 fand in London der erste internationale Gewerkschaftskongreß statt. 25 Jahre später wurde der Internationale Gewerkschaftsbund gegründet (meist sozialisttsche Gewerkschaften). Nach dem 1. Weltkrieg verlegte er seinen Sitz nach Amsterdam und erhielt den Namen »Amsterdamer Internationale«. Russische Gewerkschaften waren darin nicht vertreten. beschlossen, den Weltgewerkschaftsbund auf ein Jahr für arbeitsunfähig zu erklären. Deakin verkündete, er habe zuverlässige Nachrichten über eine bevorstehende Aktion der kommunistischen Gewerkschaftler erhalten. Die britische KP plane eine umfassende Streikoffensive gegen die Wiedererholung der britischen Wirtschaft im Rahmen des ERP.

Deakin ist heute 58Jahre alt. Sein Vater war Schuhflicker in Warwickshire. Mit 13 Jahren mußte Arthur an die Werkbank. 1919 wurde er Gewerkschaftsfunktionär. Als Bevin 1940 in Churchills Koalition eintrat, übernahm Deakin den Posten als Chef des englischen Transportarbeiterverbandes.

Im November 1946 wurde Deakin an Stelle von Lord Walter Citrine (der den verstaatlichten englischen Bergbau übernahm) an die Spitze des Präsidiums im WGB berufen. Deakin ist ein Bevin-Mann. Ueber seinem Schreibtisch hängt eine große Fotografie des britischen Rechtsaußen.

»Wenn die Dinge einmal so weit gekommen sind, daß der Weltgewerkschaftsbund nur noch eine politische Körperschaft ist, die sich nur mit Fragen befaßt, die der Sowjetunion genehm sind, dann wissen wir, was die Uhr geschlagen hat«, erklärte Arthur Deakin in Margate.

Als die Vertreter der russischen, französischen, italienischen und chinesischen Gewerkschaften auf der Januar-Sitzung 1949 in Paris den Margate-Vorschlag ablehnten, glaubte Deakin diesen Glockenschlag zu hören. Er verließ den Sitzungsraum. Sein amerikanischer und holländischer Kollege folgten ihm auf dem Fuße. Wieder fiel zwischen Ost und West eine Tür ins Schloß.

»Der alte Weltgewerkschaftsbund ist tot«, das ist die Meinung Irving Browns, des Privatbotschafters der AFL in Europa. Der junge amerikanische Gewerkschaftler mit dem blonden Lockenschopf richtete sich nach dem Anlaufen des Marshallplans in Brüssel sein europäisches Hauptquartier ein.

Von hier aus bereist er ganz Westeuropa, um Stimmung für einen neuen antikommunistischen internationalen Gewerkschaftsbund zu machen. Ab und zu besucht er in Hamburg seinen alten Freund Max Brauer, der während seiner Emigration auch einmal Sekretär im AFL war.

Die Mitglieder der amerikanischen Arbeiterföderation lehnten den Weltgewerkschaftsbund von Anfang an ab. Sie spielten im Amsterdamer Gewerkschaftsbund (dem die Russen nicht angehörten) eine führende Rolle. Im WGB konnten sie das nicht. Außerdem mochten sie den Geruch des roten russischen Juchtenleders nicht, der die Büros der Exekutive in Paris erfüllte.

Die amerikanischen Organisationen AFL und CIO würden in einem neuen westlich orientierten Gewerkschaftsbund die gleiche Majorität besitzen wie die sowjetischen Gewerkschaften im alten WGB. Viele Gewerkschaftsführer Westeuropas fürchten sich vor einer neuen Internationale, die ein reiner »Marshallplan-Gewerkschaftsbund« sein könnte.

Irving Brown nimmt ihnen den Oppositionswind mit dem Vorschlag aus den Segeln, die westeuropäischen Gewerkschaften nach dem Muster des panamerikanischen Gewerkschaftskongresses zu einer losen Dachorganisation zusammenzufassen. Die Hauptsache: antikommunistisch.

Der britische Deutschland-Gouverneur Sir Brian Robertson kritisierte auf einer Pressekonferenz den überhöhten Benzinverbrauch in der Bizone. Die Frankfurter Verwaltung für Finanzen machte darauf den Vorschlag, die westdeutschen Autofahrer mit einer neuen Benzinsteuer (20 Pfennig je Liter) abzubremsen. Die letzte statistische Bestandsaufnahme zeigt, daß die Bizone mit einem zugelassenen Pkw. auf zweihundert Einwohner ganz am Ende der internationalen Autokurve fährt.

WELT-KRAFTFAHRZEUGBESTAND 1948

USA: 37.88 MILL.

ÜBRIGE WELT: 15.23 MILL.

KRAFTFAHRZEUGE JE 200 EINWOHNER
19481939
USA5148
ENGLAND1110
FRANUR.811
DEUTSCHLAND1 (BIZONE)6
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