Wirtschaft Fürsorgliche Belagerung
Wilhelm Schelsky war bei Siemens lange Zeit ein wichtiger Mann - nicht nur, weil er die offenbar von der Konzernspitze heimlich mitfinanzierte Gewerkschaft AUB leitete. Schelsky kümmerte sich auch darum, der Konzernspitze Prominenz aus Sport und Politik als »Berater« zuzuführen.
Zwei Fälle sind nun aktenkundig: Thomas Bach, Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), und der Ex-Europa-Kommissar Martin Bangemann (FDP). Hinzu kommt noch ein pikantes Politikum: Schelskys Spenden für den Bundestagsabgeordneten Ulrich Adam (CDU).
Gemäß des zentralen Berichts der Nürnberger Ermittlungskommission »Amigo«, briefte Schelsky am 12. September 1999 sogar Siemens-Vorstand Volker Jung mit einer Mail für ein Essen mit Bach: »Seit Jahren konnte ich beobachten, dass er glänzenden Zugang zu fast allen Regierungen dieser Welt hat, da Besuche immer eine Mischung aus ehrenamtlicher Tätigkeit (IOC) und Interessenvertretung sind.«
Die Kuppelei war erfolgreich: Ein Entwurf vom 30. November 1999, den Fahnder bei Schelsky sicherstellten, sah ein Jahreshonorar von 400 000 Mark vor. Bach selbst bestätigt, dass sein Vertrag »unbeanstandet und unverändert weiter« bestehe. Zugleich legt der Wirtschaftsanwalt Wert auf die Feststellung, »strikt zwischen meinen geschäftlichen Tätigkeiten und meinen ehrenamtlichen Funktionen im Sport« zu trennen. Außerdem habe der Vertrag »nicht die Vermittlung von Aufträgen zum Gegenstand«. Inzwischen wird der Vertrag jedoch Siemens-intern überprüft.
Die fürsorgliche Belagerung durch den Konzern begann mitunter früh. Als der Ex-Wirtschaftsminister Martin Bangemann als Kommissar bei der EU gelandet war, setzte sich Schelsky 1993 Siemens-intern dafür ein, dass Bangemanns angehende Schwiegertochter im Konzern untergebracht wird. In einem sichergestellten Schreiben Schelskys ist zu lesen: »Da ich mich seit einiger Zeit um einen engeren Kontakt zwischen dem EG-Kommissar und führenden Herren unseres Hauses bemühe, wäre eine erfolgreiche Bewerbung nicht nachteilig.«
Später hielt er auch fest, was man Bangemann selbst anbieten müsse, falls er aus der Politik aussteige: 16 000 Mark Monatsgehalt netto, Sekretärin, Fahrer, Auto sowie den Titel eines Chefberaters für den Zentralvorstand. Dafür dürfe man dann aber auch allerhand erwarten: Bangemann könne Kontakte »im Besonderen zu Regierungsstellen nahezu aller Länder« herstellen. Ob es tatsächlich jemals zu einer Zusammenarbeit kam, lässt sich bei Siemens angeblich nicht feststellen. Bangemann selbst äußerte sich auf Anfrage nicht.
Mit Geld versorgt hat Siemens-Werber Schelsky aber wohl den Greifswalder Bundestagsabgeordneten Ulrich Adam. Laut »Amigo«-Bericht hat er ihm mit von der Siemens AG erhaltenen Mitteln »in erheblichem Umfang Kosten des Wahlkampfs« bezahlt. Die Spenden seien verdeckt gezahlt worden, ohne Spendenbescheinigung. Vermutlich habe dies bei Schelsky, der in Greifswald wohnte und heute in U-Haft sitzt, allerdings einen privaten Hintergrund gehabt. Adam verteidigt sich, er sei bisher »weder vom bayerischen Landeskriminalamt noch von anderen Ermittlern angesprochen worden«. Die Vorwürfe selbst möchte er »zum jetzigen Zeitpunkt nicht kommentieren«.
Der Politiker sitzt als Vize-Vorsitzender im Beirat für Kernenergiefragen des Landes Mecklenburg-Vorpommern und als Mitglied im Beirat für Telekommunikation und Post. Vor allem aber hat er laut Parteifreunden jederzeit das Ohr der Kanzlerin, gilt als Weggefährte seit der Frühzeit ihrer politischen Karriere. Schelskys Anwalt lehnte eine Stellungnahme ab.