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Gewerkschaften Furchtsame Missionare

Immer stärker klagen Gewerkschaftsführer über die Macht der multinationalen Konzerne. Mit ihren Versuchen, ein Gegengewicht zu den Giganten zu schaffen, hatten sie bisher jedoch nur bescheidenen Erfolg.
aus DER SPIEGEL 30/1972

Der Gewerkschaftsstratege gab seinen Kollegen die Marschrichtung an. »Wir müssen in die Konferenzräume der Aufsichtsräte gelangen«, forderte Charles Levinson, Generalsekretär der Internationalen Föderation der Chemiearbeiter, zum Kampf der Gewerkschaften gegen die multinationalen Konzerne auf, »wo die Entscheidungen getroffen werden, die das Leben von Hunderttausenden von Arbeitern überall in der Welt beeinflussen.«

Denn mit wachsender Besorgnis beobachten Nordamerikas und Westeuropas Arbeiterführer, wie durch den internationalen Konzentrationsprozeß eine immer kleinere Gruppe von Topmanagern und Tycoons in den Kommmandoständen weltumspannender Riesenkonzerne immer größere Macht erringt. Als eine unmittelbare Herausforderung sehen die Gewerkschaftsbosse diese Entwicklung vor allem insofern an, als die Entscheidungszentren der multinationalen Konzern-Polypen dem Einflußbereich nur national organisierter Gewerkschaften -- oft schon aus räumlichen Gründen -- fast völlig entzogen sind.

So gehören denn Klagen über den Machtzuwachs der Industriegiganten seit Jahren fast schon zum Ritual internationaler Gewerkschaftskongresse und -konferenzen. Und wie auf vielen kleineren Treffen in den Jahren zuvor, stimmten auch auf dem zehnten Weltkongreß des Internationalen Bundes Freier Gewerkschaften (IBFG) vergangene Woche in London die Delegierten von 115 Gewerkschaftsbünden aus 91 Ländern der westlichen Welt einhellig Resolutionen zur engeren Zusammenarbeit im Streit mit den Super-Konzernen zu.

Den Zorn der Gewerkschaften hatten sich die Konzern-Manager durch zahlreiche Versuche zugezogen, die Unterschiede zwischen den Löhnen in den verschiedenen Ländern zu nutzen und die Arbeiter bei Tarifverhandlungen gegeneinander auszuspielen.

Als schon fast klassisches Beispiel aus dem Sündenregister der Industriegiganten führen die Gewerkschaften eine offene Drohung Henry Fords vom März 1971 an. Ford erklärte, er werde in Zukunft nicht mehr in Großbritannien investieren und die Ford-Produktion so weit wie möglich in andere Länder verlagern, falls die britischen Ford-Arbeiter ihren mehrwöchigen Streik nicht schleunigst beenden würden.

Als »Arbeitsplatzausfuhr« brandmarkten vor allem die um die Jobs ihrer Mitglieder besorgten US-Gewerkschaften die bei amerikanischen Konzernen besonders beliebte Praxis. neue Produktionsstätten in Ländern mit niedrigem Lohnniveau zu bauen. So gründete der Elektro-Riese General Electric Tochtergesellschaften in Mexiko, um mit den dort erzeugten Produkten den heimischen US-Markt zu versorgen.

Rücksichtslos gingen die Trustherren oft in den Entwicklungsländern vor. Sie lehnten etwa die Gewerkschaften als Verhandlungspartei ab und nutzten die Angst der Arbeiter vor dem Verlust ihres Jobs, um aktive Gewerkschaftsmitglieder unter Druck zu setzen.

Als den Chef des englischen Automobilunternehmens British Leyland Beschwerden über Repressalien gegen Gewerkschafter in einer chilenischen Tochtergesellschaft erreichten, gab er vor, niemals zuvor von einem chilenischen British-Leyland-Betrieb gehört zu haben. Einige Tage darauf berichteten britische Zeitungen, British Leyland habe seine Investitionen in Chile erhöht.

Um die Macht der Giganten zu beschneiden, versuchten vor allem die in Genf residierenden internationalen Spitzenverbände der Metall-, Chemie- und Nahrungsmittel-Arbeiterbünde, die auf nationale Kraftproben fixierten Gewerkschaften zu internationalen Solidaritäts- und Kampfaktionen zu mobilisieren. Der Internationale Metallgewerkschaftsbund (IMB) gründete bereits 1966 in Detroit Welt-Automobilarbeiter-Ausschüsse für General Motors, Ford und Chrysler. Später folgten auch Ausschüsse für das Volkswagenwerk und Daimler-Benz sowie andere Auto-Konzerne. In anderen Industriezweigen entstanden ähnliche Kommissionen.

In diesen Gremien tauschten die Arbeitnehmervertreter vor allem Informationen über die Lohn- und Arbeitsbedingungen in den einzelnen Zweigwerken ihres Unternehmens aus. »Die ersten Erfahrungen zeigen«, berichtete Betriebsratsvorsitzender Rolf Knecht von der westdeutschen Honeywell GmbH über eine Gewerkschafter-Konferenz, »daß bei konkreter Diskussion unsere Kollegen verstehen lernen, welcher Unterschied zwischen dem Arbeitsleben und der Austragung eines Länderspiels im Fußball besteht.«

Durch den Informationsaustausch und die dadurch gestärkte internationale Solidarität konnten die Gewerkschaften bereits einige Erfolge gegen die Konzerne erringen. So verabredeten westdeutsche, italienische und US-amerikanische Gewerkschafter, die zufällig zur gleichen Zeit Tarifverhandlungen mit den Töchtern des französischen Glaskonzerns Saint-Gobain führten, einem Lohnangebot nur gemeinsam zuzustimmen. Vor der geschlossenen Front ihrer Arbeiter wichen die Glas-Manager zurück und erfüllten die Forderungen der Gewerkschaften.

Die Hilfe ausländischer Kollegen kam vor allem den noch recht schwachen Gewerkschaften in Entwicklungsländern zugute. Die Daimler-Benz-Vertriebsgesellschaft in Marokko stellte zum Beispiel bereits entlassene Arbeiter wieder ein, als die vom IMB alarmierte IG Metall in der Stuttgarter Konzern-Zentrale gegen die Kündigungen marokkanischer Arbeiter protestierte.

Mehrere Male -- wie etwa beim britischen Fordarbeiterstreik im Februar/ März vergangenen Jahres -- gelang es den Gewerkschaften auch, kurzfristige Produktionsverlagerungen aus bestreikten Konzern -Betrieben in ausländische Zweigwerke durch Verweigerung von Überstunden zu verhindern.

Über solch relativ bescheidene Solidaritäts-Aktionen und einen gegenseitigen Erfahrungsaustausch aber gelangten die Gewerkschaften bisher nicht hinaus. So sind Solidaritätsstreiks in vielen Ländern schon aus gesetzlichen Gründen nicht möglich. An unterschiedlichen gewerkschaftlichen Organisationsstrukturen scheiterten die Arbeitnehmerstrategen beispielsweise bislang bei der Lösung des harmlos anmutenden Problems, die Tariflaufzeiten in den Filialen eines Konzerns zu harmonisieren.

Ideologische Gegensätze zwischen den im Weltgewerkschaftsbund organisierten kommunistischen Arbeiterbünden und den unabhängigen Gewerkschaften des IBFG splittern zudem die Front der Arbeiter auf.

Gegenseitiges Mißtrauen und zu geringe Solidarität belasten darüber hinaus das Einigungswerk. Kontinentale Gewerkschafter etwa sehen dem Eintritt der militanten britischen Gewerkschaften in den Kreis der EWG-Gewerkschaften »mit der Begeisterung entgegen, die ein furchtsamer Missionar empfindet, der ein offenes haus für freundliche Kannibalen unterhält« (so die Londoner »Times"). Aus der Sicht der Briten dagegen sind die Kollegen vom Festland laut »Times« nur »ein unbegreifliches Gemisch von unterwürfigen. gutbezahlten Ja-Sagern und unorganisierten Agitatoren«.

Sorgsam achten die Gewerkschaftsbosse in allen Ländern zudem darauf, keine Machtbefugnisse an internationale Gewerkschaftsgremien zu verlieren. Lediglich Leonard Woodcock, Chef der US-Automobilarbeiter, erklärte sich im März 1971 als einziger Gewerkschaftsführer bereit, im Interesse des Kampfes gegen multinationale Unternehmen Souveränitätsrechte an internationale Arbeiter-Kommissionen zu übertragen.

Denn nur wenn internationale Gewerkschafts-Verbände auch mit gewissen Vollmachten ausgestattet sind, können Tarifverhandlungen und Kampfmaßnahmen auf internationaler Ebene erfolgreich sein. Doch »wenn man die Machtfrage stellt«, bekennt IMB-Funktionär Werner Thönnessen, »rennt man mit dem Kopf gegen die Wand«.

Forderungen nach multinationalen Verhandlungskommissionen, ja sogar nach gemeinsamem Kampf um erweiterte Mitbestimmungsrechte hält Thönnessen daher noch für »völlig unrealistisch«. Langfristig aber bleibt dem Metaller die Hoffnung, daß »der Bewußtseinsstand und der Reifegrad der gewerkschaftlichen Institutionen wächst«.

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