G-8-Gipfel Wieso Bush für Biosprit kämpft

Für die USA sind Biokraftstoffe nicht verantwortlich für die Explosion der Lebensmittelpreise - ganz im Gegensatz zur Weltbank, die dem Öko-Sprit fast die alleinige Schuld gibt. Tatsächlich hat der Unterschied einen einfachen Grund: Präsident Bush verfolgt eine eigene Agenda bei dem Thema.

Von Corinna Kreiler


Hamburg - Die drastische Teuerung bei Lebensmitteln ist eines der wichtigsten Themen beim G-8-Gipfel in Japan in der kommenden Woche. Eine Studie der Weltbank provoziert schon im Vorhinein Debatten: Auf die Frage, wer schuld an der Preisexplosion ist, fand die Bank eine klare Antwort: Biosprit ist Preistreiber Nummer eins. Um bis zu 75 Prozent sind Nahrungsmittel demzufolge teurer geworden, weil Bauern ihre Felder nicht mehr für Menschen, sondern für deren Autos bestellten.

Getreide für Biosprit: Heiße Debatten auf dem G8-Gipfel
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Getreide für Biosprit: Heiße Debatten auf dem G8-Gipfel

Vor allem in den USA dürfte dieses Ergebnis auf erhebliche Skepsis stoßen. US-Präsident Bush behauptete bislang hartnäckig, dass der Wohlstand in Indien und China und die gestiegene Nachfrage dort die Preise treibe. Der amerikanische Standpunkt: Biosprit soll nur für drei Prozent des Preisanstiegs verantwortlich sein.

Dass Bush den Natur-Treibstoff in Schutz nimmt, verwundert nicht: Auf rund einem Drittel der Äcker werden in den USA Pflanzen zur Herstellung von Bioethanol angebaut. "Das sind riesige Flächen", sagt Umweltexperte Manuel Frondel vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung Essen (RWI). "Und die Agrar-Lobby, die dahinter steht, ist stark". Frondel hält die Produktion der USA für übermäßig und die Argumente Klimaschutz und Energiesicherheit, mit der Bush den Biosprit stets verteidigt, für Ausreden: In Wahrheit, sagt der Experte, gehe es um die Förderung der heimischen Landwirtschaft. Schließlich sei der Biosprit staatlich subventioniert.

Den Verfassern der Weltbank-Studie war wohl klar, dass sie einen Konflikt heraufbeschwören werden: Eigentlich war die Analyse bereits im April fertig. Wohl aus Rücksicht auf Präsident Bush wurde sie zurückgehalten. "Sie hätte die Weltbank in die politische Schusslinie des Weißen Hauses gebracht", sagt ein Entwicklungspolitiker.

Auf dem G8-Gipfel in Japan steht nun ein eine harte Auseinandersetzung bevor, zumal die Debatte um teure Nahrungsmittel dort eines der Kernthemen sein wird. Allein Japan will 50 Millionen Dollar an Lebensmittelhilfen für die Entwicklungsländer bereitstellen. Bush dürfte mit seiner Biosprit-Politik dabei den Unmut der anderen Gipfelteilnehmer auf sich ziehen. Denn statt für Treibstoff könnten die USA ihre Ackerfläche für den Anbau von Lebensmitteln nutzen, die Produktionsmenge wäre höher und die Preise niedriger. Entsprechend kritisieren Beobachter die einseitige Energiepolitik in Washington. "Statt auf Biosprit zu setzen, hätten die USA ihr Benzin hoch besteuern sollen", sagt Frondel.

In Europa ist die Biosprit-Begeisterung mittlerweile wieder stark zurückgegangen - mehrere Studien belegen, dass Treibstoff aus Pflanzen dem Klima mehr schadet als nützt und vor allem Nahrungsmittel verteuert. "Die Förderung von Biosprit ist ein wesentlicher Preistreiber für Lebensmittel", sagt auch Frondel. Erst vor wenigen Tagen kam eine Analyse für das Bundeswirtschaftsministerium zu einem ähnlichen Ergebnis.



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