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VIDEO Galoppierendes Tempo

Mit dem wachsenden Erfolg des Miniaturformats »Video-8« läuft die nächste Runde im Kampf der Videosysteme an. *
aus DER SPIEGEL 7/1986

Wie ein Zaubermeister reiste Sony-Chef Norio Ohga im August vergangenen Jahres zur Funkausstellung nach Berlin. Sein großer Auftritt auf der Bühne des Hilton-Hotels versprach eine »Weltpremiere«.

Aus einem abgewetzten Aktenköfferchen fingerte der Japaner ein unscheinbares schwarzes Kästchen von der Größe einer Zigarrenschachtel. Der »Handycam« getaufte Apparat war die neueste Videokreation der Sony-Ingenieure.

Effektvoll richtete Ohga die »kleinste Videokamera der Welt« auf seine Zuschauer. Schließlich zog er eine im Vergleich mit herkömmlichen Hüllen winzige Kassette aus der »Handycam«. Stolz verkündete der Japaner dann: »Das ist der Videostandard der Zukunft.«

Die Konkurrenz blieb von der Sony-Show ziemlich unbeeindruckt. Die »Handycam«, frotzelte der Manager einer anderen japanischen Videofirma, sei in Wahrheit Sonys »Handikap«.

Inzwischen ist der Spott weitgehend verflogen. Denn die neuen Sony-Produkte - neben der »Handycam« gibt es eine anspruchsvollere Kamera und zwei Heimrecorder - konnten erste Achtungserfolge erringen.

Die Neuheit hat Käufer vor allem unter jenen Kunden gefunden, die nicht bloß »Dallas« oder die Sportschau mitschneiden, sondern auch die eigene Familie oder den Film vom letzten Urlaub auf der Mattscheibe sehen wollen. Sie können jetzt mit einer vergleichsweise kleinen Kamera ihre Bilder einfangen.

Statt der bislang üblichen etwa zwölf Millimeter breiten Bänder laufen in den neuen Modellen Kassetten mit acht Millimeter breitem Band. Entsprechend zierlicher fallen die Geräte aus.

Seit fast einem Jahr bietet Sony inzwischen das Video-8-Format an. Auf Anhieb sicherte sich die Firma damit einen Marktanteil von fast 20 Prozent unter den Kameras mit eingebautem Recorder, den sogenannten Kamcordern. In diesem Jahr soll die Produktion vervierfacht werden.

Da wollen die Konkurrenten nicht abseits stehen. Fast täglich kündigt eine Firma ihren Einstieg in das neue System für die nächsten Monate an. Video-8, so scheint es, hat nun doch gute Chancen, zumindest im Bereich der tragbaren Kameras den Krieg der Systeme im Videomarkt neu zu beleben.

Vor einigen Monaten sah das noch ganz anders aus. Da war der Spott der Branche über den Sony-Vorstoß in ein neues System durchaus verständlich. Der Alleingang mit Video-8 ist schließlich nicht Sonys erster Versuch, ein eigenes Videosystem weltweit durchzusetzen.

Schon einmal, 1975, war Sony als erster zum »Marathonlauf« (Sony-Gründer Akio Morita) um die Gunst der Videokäufer gestartet. Doch nach wenigen Jahren lag das Betaformat von Sony weit abgeschlagen hinter dem Konkurrenzsystem VHS.

Rund 90 Prozent der etwa 35 Millionen Videorecorder, die 1985 in aller Welt produziert wurden, basierten auf der VHS-Technik des japanischen Sony-Konkurrenten JVC. Das »Video Home System ist damit praktisch zum Weltstandard avanciert.

Überflüssig schien das Acht-Millimeter-Format geworden zu sein, das 1983 von mehr als 120 Elektronik- und Photofirmen in aller Welt verabredet worden war, um dem damals herrschenden Systemwirrwarr ein Ende zu machen. Um so überraschender war die Nachricht, die Präsident Toshihiko Yamashita von Matsushita, der Muttergesellschaft des VHS-Erfinders JVC, kurz vor Weihnachten am Rande einer Pressekonferenz in Osaka verbreitete.

Sein Unternehmen, ließ Yamashita fast nebenbei wissen, werde vom Sommer 1986 an neben VHS-Geräten auch Kamcorder des Typs Video-8 unter den Konzernmarken National und Panasonic verkaufen.

Die Entscheidung Yamashitas stürzt vor allem die europäischen Lizenzpartner in große Verwirrung. Philips und Grundig haben ihre Anlagen erst vor kurzem auf die VHS-Technik umgerüstet. Die teuren Maschinen sind noch längst nicht abgeschrieben.

Bei den Japanern hatte die Nachricht die erwartete Signalwirkung. Plötzlich war Video-8 gesellschaftsfähig. Inzwischen bekundeten Konzerne wie Hitachi, Sanyo und Toshiba sowie eine Reihe kleinerer Firmen, ebenfalls das Einheitssystem mit der Babykassette in ihr Sortiment aufzunehmen.

Der Grund für den überraschenden Schwenk der VHS-Leitfirma und ihrer Mitstreiter ist offenkundig: Die Boomzeiten der achtziger Jahre sind vorbei. In Europa und Japan ließen sich die Absatzmengen 1985 kaum noch steigern. In den USA stieg der Verkauf zwar noch einmal um schöne 45 Prozent. Doch die ursprünglichen Prognosen lagen weit höher.

Zudem macht sich inzwischen der Preisdruck der nachrückenden Videoproduzenten _(Von links: Video-8, VHS, Beta. )

aus Südkorea bemerkbar. Die Koreaner stören vor allem in den USA die Kreise der Japaner. Mit gut zweieinhalb Millionen Recordern produzierten Korea-Firmen wie Goldstar, Daewoo oder Samsung 1985 schon fast doppelt so viele Geräte wie Grundig und Philips zusammen.

Um das lahmende Geschäft zu beleben und um dem renditezehrenden Preisdruck der Koreaner zu entgehen, setzen die japanischen Videoriesen nun verstärkt auf einen Markt, der noch Zuwachsraten verspricht. Mit kleinen, unkomplizierten Kamerarecordern, so die Überlegung, müßten Millionen von passiven Videonutzern zu aktiven Amateurfilmern gemacht werden können.

Bislang war das Geschäft mit tragbaren Videoanlagen eher unbedeutend. Zwar gelang es den Japanern, mit Video weitgehend die herkömmlichen Schmalfilmkameras zu verdrängen. Dennoch blieb das Geschäft mit den Magnetband-Kameras im Vergleich zum Gesamtmarkt verschwindend klein.

Das lag zu Beginn des Videozeitalters gewiß auch am Gewicht. Vor acht Jahren mußten die Videofilmer noch gut 13 Kilogramm mit sich herumschleppen. Seither hat sich das Gewicht von Kamera und Recorder alle zwei Jahre nahezu halbiert.

Sonys »Handycam« wiegt nun nur noch etwa ein Kilogramm und ist zudem »so simpel zu bedienen wie eine Kliccklack-Kamera« (Sony-Sprecher Peter Hoenisch). Nur der Preis ist noch nicht amateurgemäß. Der Winzling kostet immerhin noch knapp 3000 Mark.

Das wird sich bald ändern. Mit höheren Produktionszahlen fallen erfahrungsgemäß auch die Preise. Und dieser Trend könnte sich noch beschleunigen durch die Doppelstrategie des Matsushita-Konzerns.

Die Tochterfirma JVC setzt nämlich nach wie vor auf das von ihr entwickelte VHS-System. Dabei bedient sie sich einer verkleinerten Kassette (VHS-Compact), die aber über einen Adapter auf jedem VHS-Recorder abgespielt werden kann. Durch diesen Trick können die JVC-Kameras, die auch unter deutschen Marken wie ITT, Saba oder Telefunken verkauft werden, genauso klein und leicht werden wie die Video-8-Modelle.

Einziger Nachteil: Die Spielzeit ist bisher auf 30 Minuten begrenzt, sie soll im Frühjahr auf eine Stunde verdoppelt werden. Video-8 bietet dagegen schon jetzt drei Stunden Spielzeit; demnächst sollen sogar vier Stunden drin sein.

Der dadurch wieder entfachte Systemstreit bei den Kamcordern dürfte die Kunden, die mit dem galoppierenden Entwicklungstempo der Elektronikindustrie ohnehin kaum mithalten können, erneut verunsichern. Und schon jetzt ist sicher: Weder Video-8 noch VHS werden dauerhaft Bestand haben.

Die Ingenieure der Elektronikfirmen tüfteln längst an neuen Aufnahmetechniken. In zehn Jahren vielleicht wird es Videorecorder geben, die ganz ohne mechanische Teile funktionieren.

Das Band wird durch eine Reihe von Mikrochips verdrängt werden - Chips, die dann nicht Zahlen der Lohnbuchhaltung oder Platzreservierungen bei der Lufthansa speichern, sondern Fußball-Länderspiele oder die Geburtstagsfeiern der Jüngsten.

Von links: Video-8, VHS, Beta.

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