Neotrader, Hedgefonds und Short-Positionen Darum geht es beim GameStop-Hype

Die Geschichte klingt verrückt: Um Hedgefonds zu ärgern, treiben Privatanleger den Aktienkurs einer kleinen US-Firma in fantastische Höhen. Was steckt dahinter? Und welche Rolle spielen neue Trading-Plattformen?
GameStop-Laden in New York: Spielehändler im Zentrum eines virtuellen Flashmobs

GameStop-Laden in New York: Spielehändler im Zentrum eines virtuellen Flashmobs

Foto: NICK ZIEMINSKI / REUTERS

Dass eine strauchelnde amerikanische Videospielhändler-Kette in Deutschland Schlagzeilen macht, kommt nicht alle Tage vor – doch das Chaos rund um die Aktien von GameStop beschäftigt längst nicht mehr nur Finanzprofis: Als sich eine Gruppe risikofreudiger Aktionäre am Finanzmarkt mit mächtigen Hedgefonds anlegte, wurden sogar die Händler von der Nachfrage überrannt – und beschränkten den Handel mit den GameStop-Aktien. Seit Tagen trendet #GameStop auf Twitter, Donnerstagabend streamte die amerikanische Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez eine Diskussion zu dem Thema. Aber was genau ist da eigentlich passiert? Die wichtigsten Fragen und Antworten zum GameStop-Hype:

Worum geht es bei der ganzen Sache eigentlich?

Stopp! Erst einmal ist interessant, worum es nicht geht: GameStop, eine zuletzt strauchelnde Einzelhandelskette für Videospiele und Equipment, wurde zu einem Spielball am Finanzmarkt. Dabei hat sich bei GameStop selbst wenig getan, das Geschäft läuft seit Jahren mehr schlecht als recht. Trotzdem wurden die Aktien der Firma an der Börse plötzlich mit 24 Milliarden Dollar bewertet.

Wie konnte das passieren?

Gleich zwei Akteure am Finanzmarkt hatten die Aktie für sich entdeckt: Einerseits große Hedgefonds, die Milliarden verwalten und auf einen Absturz der GameStop-Aktie gewettet hatten. Diese Deals mussten die Fonds zum Teil öffentlich machen. Das bekamen risikofreudige Trader mit – darunter offenbar viele Privatleute. Sie riefen dazu auf, die GameStop-Aktie oder Optionen zu kaufen. Zu Hause sind diese Trader auf den sozialen Netzwerken, allen voran im Forum r/wallstreetbets bei Reddit.

Dort posten sie selbst gebaute Memes, bezeichnen sich gegenseitig als »Retards« und »Autisten«, schreiben aber auch ellenlange Aufsätze darüber, warum eine bestimmte Aktie unter- oder überbewertet sei und welcher Investmentstrategie sie folgen. Eine Mischung aus echter Expertise, gefährlichem Halbwissen, Lust am Chaos und einer Prise Überheblichkeit, die nun echte Marktmacht entwickelte. Die GameStop-Aktie schoss in astronomische Höhen.

GameStop-Kurs

Und GameStop ist nicht mehr der einzige Fall: Auch die Anteile der Kinokette AMC sowie des kanadischen Software- und Smartphoneherstellers Blackberry wurden zum Ziel der Reddit-Investoren und verbuchten massive Kursanstiege. In Deutschland wunderten sich Anleger über Kursbewegungen beim Batteriehersteller Varta und der Biotechnologiefirma Evotech.

Welche Rolle spielen die Hedgefonds in dieser Geschichte?

Hedgefonds sammeln bei Investoren Kapital ein und investieren es am Finanzmarkt. Die Fonds kaufen dabei nicht nur Aktien oder Anleihen, sondern setzen mitunter auch auf riskantere Anlageformen. Bei GameStop hatten mehrere Hedgefonds mit sogenannten Leerverkäufen auf fallende Kurse gewettet. Dabei leihen sich die Fonds eine Aktie und verkaufen sie sofort wieder. Das Kalkül: Wenn der Kurs der Papiere fällt, können die Leerverkäufer die Aktien für weniger Geld wieder zurückkaufen – und machen so einen Gewinn.

Doch bei GameStop sieht es derzeit so aus, als hätten sich die Fonds kräftig verzockt. Denn weil andere Aktionäre den Kurs der GameStop-Aktien gezielt nach oben trieben, gerieten die Hedgefonds in Schwierigkeiten. So musste der amerikanische Fonds Melvin Capital, der auf einen Absturz der GameStop-Papiere gewettet hatte, etwa mit fast drei Milliarden Dollar von anderen Investoren unterstützt werden. Auch die Fonds Point72 und Citadel verbrannten sich die Finger. Privatanleger, die rechtzeitig ihre GameStop-Aktien verkauften, konnten sich dagegen über satte Kursgewinne freuen. Doch die Geschichte ist noch nicht zu Ende: Der Kurs der GameStop-Aktien kann schnell wieder fallen, dann drohen Kleinanlegern heftige Verluste.

Und was haben Neotrader wie Robinhood und Trade Republic damit zu tun?

Die Neotrader sind wie gemacht für Social-Media-Investoren: Sie ermöglichen einfachen Zugang zum Aktienmarkt, der Handel ist bei ihnen günstig, und alles, was man braucht, ist ein Smartphone und ein bisschen verfügbares Geld. »Unsere Mission ist es, Finanzen für alle zu demokratisieren«, schreibt die Neotrader-Plattform Robinhood auf ihrer Website. Wie die neue Generation von Investoren stehen die Finanz-Apps für eine neue Kultur, in der Aktienhandel Spaß macht, Finanznews »snackable«, also schnell konsumierbar sind und per Newsletter, Podcast oder Twitter-Feed verteilt werden. Das scheint zu funktionieren: Im vergangenen April sprach der deutsche Neobroker Trade Republic noch von 150.000 Nutzern, heute sollen es nach Schätzungen 600.000 sein.

Dass die neuen Handelsplattformen so einfach zu bedienen sind, soll aber nicht täuschen: Nicht alle ihrer Nutzer sind unerfahren oder haben kein Verständnis vom Finanzsystem. Gerade auf WallStreetBets finden sich oft ausführliche Analysen von Marktbewegungen. Dass viele, die sich dort tummeln, auch die Neotrader nutzen, wurde deutlich, als die Apps den Kauf von GameStop-Aktien plötzlich untersagten. Sofort häuften sich auf Reddit Screenshots und wütende Kommentare. Das schien andere Nutzer jedoch nicht davon abzuhalten mitzumachen: Am Freitag war Robinhood die am häufigsten heruntergeladene App in den Stores von Apple und Google.

Wie funktioniert das Geschäftsmodell der Neotrader?

Das Geschäftsmodell von Neotradern wie Robinhood oder Trade Republic ist simpel: Für jede Kundenorder, die sie an einen Handelsplatz weiterreichen, streichen sie eine Provision ein. Bis zu drei Euro pro Trade können dabei laut Geschäftsbedingungen zusammenkommen. Die Firmen verdienen also mehr, je mehr ihre Kunden handeln.

Die Handelsplätze wiederum verdienen Geld, indem sie bei einer Order eine Spanne zwischen An- und Verkaufspreis einer Aktie einstreichen. Gerade bei eher kleinen Aktien, die nicht so oft gehandelt werden, kommt dabei oft deutlich mehr zustande als die bis zu drei Euro pro Order, die sie an Trade Republic überweisen.

Anders als bei herkömmlichen Onlinebanken haben Kunden bei Trade Republic nicht die Wahl zwischen verschiedenen Handelsplätzen. So sollen Einstiegshürden gesenkt und Unerfahrene nicht überfordert werden. Denn nur erfahrene Anleger dürften wissen, ob es besser ist, eine Aktie bei Tradegate, Lang & Schwarz oder bei der Börse Stuttgart zu kaufen.

Die radikale Vereinfachung ist das Erfolgsrezept der Apps. Den drei Klicks, bis die Aktie im Trade-Republic-Depot liegt, stehen bei herkömmlichen Brokern im Schnitt zwölf Schritte gegenüber – damit hat jedenfalls die Trade-Republic-Geldgeberin Project A Ventures geworben .

Der Neotrader Robinhood hat aber noch eine andere Erlösquelle, die in sozialen Netzwerken heftig kritisiert wird: »Massiver Interessenkonflikt zwischen Robinhood und Citadel«, schreibt ein Nutzer und weist darauf hin, dass der Hedgefonds zu einem der wichtigsten zahlenden Kunden des Neotraders gehört: Citadel zahlt nämlich für Daten zu den Orderflows, also den Transaktionen, von Robinhoods Nutzern. In einem CNN-Interview vom Donnerstag bestreitet Robinhood-Chef Vlad Tenev jedoch einen Zusammenhang.

Wieso haben die Neotrader den Handel mit GameStop-Aktien einfach ausgesetzt?

Das ist noch nicht ganz klar: Fest steht, dass manche Handelsplattformen unter dem Ansturm der Privatanleger zeitweise zusammenbrachen. Bei Robinhood in den USA und Trade Republic in Deutschland kam es am Donnerstag zu Systemausfällen. So richtigen Ärger bekamen die Anbieter dann aber, weil sie den Handel mit GameStop und anderen umkämpften Aktien überraschend beschränkten. So konnten Kunden von Trade Republic ihre GameStop-Titel am Donnerstagnachmittag zwar verkaufen, aber keine neuen GameStop-Aktien mehr erwerben – die Beschränkung wurde am Freitag aufgehoben.

Die Handelsbeschränkungen führten zu einem Shitstorm im Internet. Kunden vergaben reihenweise schlechte Bewertungen in den App-Stores und drohten mit juristischen Schritten. Manche Anleger warfen den Brokern vor, mit Hedgefonds gemeinsame Sache zu machen. Denn der Kursanstieg der GameStop-Aktien wurde durch die Maßnahmen gebremst, was Druck von den Leerverkäufern nahm. Zeitweise verloren die Papiere drastisch an Wert – und damit auch die Anlagen der Kleinaktionäre.

Sind die Plattformen vor dem Druck der Hedgefonds eingeknickt?

Trade-Republik-Gründer Christian Hecker wies das am Donnerstag entschieden zurück: »Wir haben uns nicht auf die Seite der Hedgefonds geschlagen, sondern wollen unsere Kunden schützen«, sagte Hecker. Womöglich gerieten Neobroker durch den Run auf die GameStop-Aktien aber auch von anderer Seite unter Druck. So verlangten amerikanische Clearinghäuser von Robinhood die Hinterlegung höherer Sicherheiten. Die Clearinghäuser sorgen im Hintergrund für die Abwicklung von Wertpapiergeschäften – und schauen dabei genau auf die möglichen Risiken, falls eine Partei ausfällt. In den USA sammelte Robinhood am Donnerstag bei Banken laut Medienberichten rund eine halbe Milliarde Dollar ein, um sie als Sicherheit zu hinterlegen. In Deutschland wollte sich eine Trade-Republic-Sprecherin nicht dazu äußern, inwiefern das Clearing bei den Handelsbeschränkungen eine Rolle spielte. Trade Republic habe aber kein zusätzliches Eigenkapital und keine weiteren Kredite aufgenommen.

Auch die Finanzaufsicht Bafin könnte eine Rolle bei der Entscheidung gespielt haben, den Handel wieder aufzunehmen. Denn in den vergangenen Tagen hatte sich eine Reihe von Anlegern wegen der Störungen bei Trade Republic beschwert. Diesen Beschwerden gehe man bereits nach, sagte ein Bafin-Sprecher. Man habe Trade Republic »mit Nachdruck darauf hingewiesen, die aufsichtsrechtlichen Anforderungen einzuhalten und Kunden sämtliche Dienstleistungen dem Aufsichtsrecht entsprechend und störungsfrei zur Verfügung zu stellen.« Bei Trade Republic heißt es, es habe keinen Druck von der Bafin gegeben. Es sei stets das Ziel gewesen, den Handel mit den Aktien wieder für alle Nutzer möglich zu machen.