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GEWERKSCHAFTEN Ganz flexibel

Das Flugpersonal fühlt sich zu schlecht bezahlt - bei der Lufthansa droht Streik. *
aus DER SPIEGEL 34/1984

Die monatelangen Streiks in der Metall- und Druckindustrie sind fast vergessen, das Schlimmste, so hoffen die Bundesbürger, sei überstanden. Doch die Hoffnung ist trügerisch.

Schon in dieser Woche kann es zu einem neuen harten Arbeitskampf kommen, diesmal bei der Lufthansa und ihrer Charter-Tochter Condor. Vergangene Woche lehnten fast 80 Prozent der in der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft (DAG) organisierten Piloten, Stewardessen und Stewards einen Kompromißvorschlag des ehemaligen Bundesministers Karl Schiller ab.

Vom Dienstag an müssen Lufthansa-Kunden mit Verspätungen rechnen. Zwölf Uhr mittags läuft ein Ultimatum der DAG ab: Wenn dann noch kein neuer Termin für Tarifverhandlungen feststeht, wird über Kampfmaßnahmen beraten.

Schon ein Dienst nach Vorschrift könnte Starts und Landungen erheblich verzögern, Bummelstreiks würden den Flugverkehr in der Bundesrepublik weitgehend lahmlegen. Träten auch die Condor-Besatzungen in den Ausstand, blieben Scharen von Urlaubern, die für diese Tage den Heimflug gebucht haben, in den Feriengebieten sitzen.

»Ganz flexibel« will die Gewerkschaft den Arbeitskampf angehen, kündigte das für die Luftfahrt zuständige DAG-Vorstandsmitglied Rudolf Weingärtner an. Wie mit möglichst geringem Aufwand der größte Effekt erzielt wird, hätten im Frühsommer Metaller und Drucker wunderschön vorgeführt.

Aber nicht nur für die Passagiere, auch für das Lufthansa-Management unter Heinz Ruhnau wäre der Arbeitskampf ein harter Schlag. Zum ersten Mal seit 1979 hatte das Unternehmen im vergangenen Jahr im reinen Fluggeschäft wieder einen Gewinn erzielt. Ein Streik könnte den Aufwärtstrend schnell wieder brechen.

Dabei geht es nicht ums Prinzip, wie bei Druckern und Metallern, sondern allein ums Geld. Piloten und Kabinenpersonal fühlen sich zurückgesetzt, weil das Bodenpersonal diesmal besser bedacht werden soll.

So hat die Konkurrenz-Gewerkschaft ÖTV für die Lufthansa-Leute am Boden außer Lohnerhöhungen auch noch eine Arbeitszeitverkürzung auf 38,5 Stunden von April nächsten Jahres an herausgeholt. Die hauptsächlich bei der DAG organisierten Flugzeugbesatzungen dagegen sollen erst 1987 weniger arbeiten.

Als die DAG-Tarifkommission Mitte Juli Karl Schillers Schlichterspruch auf seinen Gehalt untersuchte, fand sie bald noch weitere Nachteile. So glaubten die DAG-Unterhändler zum Beispiel, sie hätten erreicht, daß die Lufthansa im nächsten Frühjahr auf einen Schlag 60 neu ausgebildete Piloten übernehmen würde. Im Tarifvertrag steht jedoch nur, daß die Jungpiloten von April an erst nach und nach eingestellt werden können.

Die Mitglieder der DAG-Tarifkommission fühlten sich hereingelegt. Aus Trotz stimmte dann die Mehrheit gegen die Annahme des Schlichterspruchs.

Die DAG will nun nachbessern und die Konkurrenten von der ÖTV ausstechen. Sie verlangt einen Gehaltszuschlag von durchgehend 3,3 Prozent rückwirkend vom Februar dieses Jahres an. Das Bodenpersonal dagegen erhält einmalig 800 Mark bis zum Juni, dann 3,3 Prozent bis März 1985 und schließlich zwei Prozent vom April nächsten Jahres an.

Dabei kam das Flugpersonal bislang gut zurecht. Mit Jahresgehältern zwischen 130 000 Mark für Kopiloten und einer Viertelmillion für Jumbokapitäne gehören die Flugzeugführer bereits zu den Großverdienern.

Eine wöchentliche Arbeitszeit von 38,5 Stunden brächte ihnen gar nichts. Viele haben ohnehin Mühe, auf 30 Wochenstunden zu kommen, denn die Piloten sind bei weitem nicht ausgelastet.

Im Schnitt bringt es ein deutscher Arbeitnehmer auf 1800 Stunden an 220 Arbeitstagen im Jahr. Die Mannschaften in den Jets dagegen sind an 160 bis 170 Tagen im Dienst, Schulungen und ähnliches eingerechnet. Im Cockpit sitzt ein Pilot allenfalls 550 Stunden jährlich.

Dennoch scheint ein Streik inzwischen fast unvermeidlich. Lufthansa-Arbeitsdirektor

Gerhard Frühe nämlich hat bereits erklärt, er werde sich auf keine neuen Verhandlungen einlassen, und die DAG kann kaum noch zurück.

Für die Gewerkschaft geht es jetzt auch um ihr Selbstverständnis. »Wir können nicht die Lippen spitzen und dann das Pfeifen vergessen«, meint Vorstandsmitglied Weingärtner.

So ärgerlich, wie ein Streik bei der Lufthansa für Urlauber und Geschäftsreisende auch wäre - es kann noch schlimmer kommen. Der Arbeitskampf könnte der Auftakt für einen weitaus härteren Konflikt im gesamten öffentlichen Dienst sein.

Ende August nämlich laufen die Lohntarife für die Bediensteten bei Bund, Ländern und Gemeinden aus. Die Arbeitgeber, allen voran Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann, wollen diesmal eine Lohnpause durchsetzen und auf die Gewerkschaftsforderungen nach kürzeren Arbeitszeiten gar nicht erst eingehen.

Gibt keiner nach, streiken in wenigen Wochen Hunderttausende Müllmänner, Busfahrer und Angestellte der kommunalen Versorgungsunternehmen.

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