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GEWERKSCHAFTEN Ganz gefährlich

Im nächsten Jahr kämpft die IG Metall erneut um die 35-Stunden-Woche. Kommt es wieder, wie 1984, zu einer harten Konfrontation? *
aus DER SPIEGEL 46/1986

In der IG Metall gibt es Jobs, da »will keiner so recht ran«, sagt Klaus Zwickel. Eine dieser ungeliebten Aufgaben ist Zwickel am Montag vergangener Woche vom Vorstand seiner Gewerkschaft übertragen worden.

Der 47jährige Funktionär, bislang Leiter der Stuttgarter IG Metall, ist auf dem Hamburger Gewerkschaftstag im Oktober

in den geschaftsführenden Vorstand der größten deutschen Gewerkschaft gewählt worden. Eigentlich sollte der neue Mann sich um die Vertrauensleute in den Betrieben kümmern. Aber dann nahm überraschend der Tarifexperte Hans Janßen seine Wahl nicht an. Da mußte Zwickel für ihn einspringen.

Die Tarifpolitik ist zwar ein überaus ehrenvolles, aber auch ein mühseliges Geschäft - besonders in den kommenden Monaten. Die IG Metall will neben höheren Löhnen mal wieder für die 35-Stunden-Woche kämpfen.

Zum Jahresende läuft der entsprechende Tarifvertrag aus, die ersten Verhandlungen finden schon im Dezember statt.

Die letzte Arbeitszeit-Runde ist noch in schlechter Erinnerung: Die Kontrahenten hatten sich so ineinander verbissen, daß sie erst nach sieben Wochen Arbeitskampf den Kompromiß über die 38,5-Stunden-Woche erzielten. Es war der bisher größte Streik der Metaller.

Auch diesmal sehen die Arbeitgeber zunächst einmal überhaupt keinen Grund, weshalb sie sich auf weitere Arbeitszeitverkürzungen einlassen sollten. Eine »ganz, ganz harte Tarifrunde« steht nach Ansicht ihres Präsidenten Werner Stumpfe bevor.

Allerdings, das Pulver aus der letzten Schlacht um die 35-Stunden-Woche zündet nicht mehr recht. Im Frühjahr 1984 wehrten sich die Metall-Industriellen gegen die Verkürzung der Wochenarbeitszeit unter 40 Stunden mit dem Argument, dies gefährde die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Wirtschaft. »Die 35-Stunden-Woche«, so die Arbeitgeber-Parole, »schafft Arbeitsplätze in Asien.«

Es kam anders. In der deutschen Metallindustrie sind seit dem Arbeitskampf

über 200000 neue Arbeitsplätze entstanden. Ein Teil dieser zusätzlichen Jobs ist gewiß der günstigen Konjunktur zuzuschreiben. Doch unzweifelhaft, das räumen inzwischen viele Unternehmer ein, hat auch die Arbeitszeitverkürzung mitgeholfen, weitere Arbeitsplätze zu schaffen.

Der Widerstand der Unternehmen gegen eine weitere Arbeitszeitverkürzung könnte sich deshalb diesmal leichter überwinden lassen als vor zwei Jahren. Denn anders als damals zeigen die Gewerkschaften von vornherein die Bereitschaft, über flexible Arbeitszeiten mit sich reden zu lassen.

Den Arbeitgebern liegt daran, mit beweglich einsetzbarem Personal Nachfrageschwankungen auszugleichen, Urlaubs- und Fehlzeiten zu überbrücken oder durch längere Laufzeiten die Maschinen besser auszulasten.

IG-Metall-Chef Franz Steinkühler verschließt sich dem nicht. Die Metaller, so meinte er auf dem Hamburger Gewerkschaftstag, hätten immer für den Acht-Stunden-Tag der Menschen und nicht für den der Maschinen gekämpft. Das seien »zwei Paar Stiefel«.

Durch längere Maschinenlaufzeiten könnten die Unternehmen ihre Kapitalkosten senken. »Haben wir da unbedingt was dagegen?« fragt der oberste Metaller.

Die Anführer der IG Metall haben nichts mehr dagegen. Sie haben gelernt, daß sie die weitere Automation der Betriebe nicht verhindern können. So mühen sie sich, ihrer Klientel möglichst viel von dem anfallenden Produktivitätsgewinn zu sichern. Und da steckt einiges drin.

In der Großen Tarifkommission rechnete Männe Meier aus der Verwaltungsstelle Heidenheim seinen Kollegen vor, was es bringt, wenn die Maschinen rattern während die Menschen ruhen. Schon die Überbrückung der Arbeitspausen verlängert die Nutzungszeit der Maschinen um 85 Minuten täglich oder um 19,3 Prozent. Diesen Vorteil sollen die Arbeitgeber der Belegschaft bezahlen, eben mit kürzerer Arbeitszeit bei gleichem Lohn.

In etlichen Betrieben ist die Entwicklung schon viel weiter. Da laufen die Maschinen nachts ganz automatisch. Bei Schuler in Göppingen stellen zum Beispiel drei Automaten Teile für Pressen her. Nur der Pförtner schaut auf seinem Rundgang gelegentlich nach dem Rechten.

Die Gewerkschaftsführung bemüht sich inzwischen, an der Basis für die Kombination von Arbeitszeitverkürzung und beweglichen Arbeitszeiten zu werben. Der »Feierabend nach eigner Wahl« wäre möglich. Die Beschäftigten könnten zum Beispiel in der Woche fünf Stunden ansparen und »ins Grüne fahren, wenn die Sonne scheint«, oder mit

der Familie ins Hallenbad, wenn »man Lust hat«.

Die neue Beweglichkeit hat allerdings für die Metall-Gewerkschaft ihre Grenzen. Das Wochenende soll ohne Arbeit bleiben. Das sei eine »ganz zentrale Frage«, glaubt Karl Feuerstein, eine Frage der »Glaubwürdigkeit unserer Organisation«.

Bei den Mitgliedern der IG Metall hätten der freie Samstag und Sonntag einen »unwahrscheinlich hohen Stellenwert«, meint der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende des Daimler-Benz-Werks in Mannheim. Der baden-württembergische Bezirksleiter Ernst Eisenmann will deshalb ganz hart bleiben - sonst, so warnt er, wird die »Familie zum Schichtbetrieb«.

Ob diese Position wirklich zu halten ist, erscheint zweifelhaft. In vielen Branchen wird schließlich immer schon sonntags gearbeitet, in Stahlwerken etwa, in der Mineralölindustrie oder im Gastgewerbe - neuerdings auch in Betrieben mit typischen Zukunftstechniken. Bei Valvo in Hamburg zum Beispiel werden Computerchips auch am Sonntag produziert, ebenso bei Siemens in Regensburg.

Unter den zwei Millionen Arbeitslosen finden sich genug, die froh sind, wenn sie wenigstens am Wochenende arbeiten können. Deshalb bleibt den Gewerkschaftsführern gar nichts anderes, als mit ihren Tarifpartnern darüber zu reden. Sonst läuft die Entwicklung mal wieder an ihnen vorbei.

Anders als bei der letzten Arbeitszeitrunde, als beide Parteien unbeirrbar auf die Konfrontation zusteuerten, können die Unterhändler diesmal eigentlich über alles reden. Die Unternehmen haben Gewinne eingefahren wie lange nicht mehr; die sinkenden Preise haben den Arbeitnehmern die höchsten Zuwächse beim Reallohn seit vielen Jahren beschert (siehe Graphik). Zum Streit gibt es also keinen Grund, schon gar nicht zum Streik.

Die 35-Stunden-Woche allerdings wird die IG Metall auch diesmal nicht erreichen. Ihre Anführer wären schon froh, wenn sie irgendwann im April nächsten Jahres ihre Unterschrift unter einen Stufenplan setzen könnten, der in zwei oder drei Schritten zum Ziel führt.

Auf eine festgeschriebene Annäherung an die U-Stunden-Woche wollen sich die Arbeitgeber jedoch auf keinen Fall einlassen. Mit Stufenplänen haben sie schlechte Erfahrungen gemacht. Während der Laufzeit eines solchen mehrjährigen Plans finden mehrere Lohnrunden statt. Die teuren Zwischenschritte zur 35-Stunden-Woche aber werden nur bei der ersten Tarifverhandlung auf den Lohn angerechnet; bei den folgenden Runden gelten sie als konsumiert.

Der Kompromiß könnte so aussehen: Die IG Metall gibt sich erst einmal mit einer Arbeitszeitverkürzung um eine weitere Stunde auf 37,5 Stunden pro Woche zufrieden; sie nimmt dafür längere Laufzeiten für die Produktionsanlagen in Kauf und hält sich bei ihren Lohnforderungen zurück.

Den Frieden könnten nur die Hitzköpfe in den eigenen Reihen, bei Arbeitgebern wie Gewerkschaftsführern, stören. Die Falken im Arbeitgeberlager, vor allem die Mittelständler, lassen ungern eine Gelegenheit aus, eine Schwäche der Gewerkschaft auszunutzen. Das Elend mit der Neuen Heimat und der immer wahrscheinlichere CDU-Triumph bei der Bundestagswahl im Januar könnte manchen Unternehmer dazu verführen, den Gewerkschaften mit einem erneuten Krach um die Arbeitszeitverkürzung für lange Zeit den Rest geben zu wollen.

Auf der anderen Seite, bei der IG Metall, meinen etliche Linke, sie hätten mit der sogenannten Koalition aus Kabinett und Kapital noch eine alte Rechnung zu begleichen. Allzugern würden sie beweisen, daß die IG Metall, die stärkste Kraft im Gewerkschaftslager, immer noch einen anständigen Arbeitskampf aufziehen kann, trotz Änderung des Streikparagraphen 116.

Halten die Arbeitgeber bei der kommenden Tarifrunde die Metaller zu lange hin, könnten die Heißsporne schnell die Oberhand gewinnen. Steinkühler, keineswegs auf Krachkurs, müßte schon kurz nach seiner Wahl einen schweren Streik durchstehen.

Sollte es zum Äußersten kommen, sähe die Metaller-Führung sich vor einer völlig ungewohnten Situation. Früher hatte der IG-Metall-Vorstand schon mal Mühe, einen streikwilligen Bezirk zu finden. Diesmal würden alle zehn Bezirksleiter versuchen, in den Streik zu ziehen - eine Folge des neuen Streikparagraphen 116 im Arbeitsförderungsgesetz. Denn mittelbar von einem Arbeitskampf betroffene Metaller bekommen zukünftig kein Kurzarbeitergeld mehr.

Die IG Metall käme in eine »ganz gefährliche Situation«, warnt der neue Tarifverantwortliche Zwickel. Wenn alle Gewerkschafter Anspruch auf Streikunterstützung anmelden, wären die Kassen der IG Metall nach wenigen Tagen erschöpft und die Gewerkschaft am Ende.

[Grafiktext]

LOHNENDES 1986 Monatliche Tarifverdienste in der Bundesrepublik; Veränderungen gegenüber dem Vorjahr in Prozent Inflationsrate Veränderungen des Preisindex für die Lebenshaltung aller privaten Haushalte gegenüber dem Vorjahr in Prozent

[GrafiktextEnde]

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