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UNTERNEHMER Ganz nach Wunsch

Otto Wolff, Unternehmer und Verbandspräsident, klärte Münchner Gymnasiasten über die Probleme der deutschen Wirtschaft auf -- mit sichtlichem Erfolg.
aus DER SPIEGEL 44/1979

Der Herr im taubenblauen Tuch, der da so gekonnt leger am Experimentiertisch des Physik-Übungsraums 019 im Münchner Maximilians-Gymnasium lehnte, wäre ja lieber etwas anderes geworden -- »Sportlehrer, Journalist oder Chemiker«.

Aber der Herr hatte Pech. Er erbte einen Eisen-, Stahl- und Maschinenbau-Konzern (drei Milliarden Mark Umsatz im vergangenen Jahr, 12000 Beschäftigte) und mußte Unternehmer werden. Er wurde sogar so etwas wie ein Markenzeichen deutschen Unter nehmertums: Otto Wolff von Amerongen, 61, seit zehn Jahren der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages (DIHT).

Und da er sich als Präsident auch für das Image jenes Standes verantwortlich fühlt, in den er ungewollt versetzt wurde, nahm Otto Wolff auch die diesjährige Tagung des DIHT zum Anlaß, das Bild des Wirtschaftsführers ein wenig ins rechte Licht zu rücken. »Unternehmer unterrichten«, lautete die Parole, und 13 deutsche Manager schwärmten in Münchner Schulen aus, um der Jugend die Grundbegriffe freien Wirtschaftens zu vermitteln.

Die Noten waren verteilt, noch ehe der Unterrichtsstoff behandelt wurde. Schon vor dem Auftritt des DIHT-Präsidenten im Maximilians-Gymnastum verteilte der Wolff-Stab flotte Pressemitteilungen, in denen der Präsident seine Erfahrungen aus der kommenden Diskussion mit den Schülern kundtat: »Mehr Sachverstand als erwartet, weniger Ideologie als befürchtet.«

Die meisten Maximilians-Gymnasiasten wußten nicht einmal, welch hoher Besuch ihnen ins Haus stand. Zehn Minuten nach Beginn der Veranstaltung waren die Schiller im Physiksaal gegenüber Unternehmerfunktionären, Leibwächtern, Kameraleuten und Journalisten noch weit in der Minderheit. Dann traf, zur Erleichterung des Direktors, endlich Verstärkung aus anderen Kolleg-Kursen ein.

Die Instruktionsstunde verlief ganz nach Wunsch. Vier oder fünf wohlvorbereitete Musterschüler gaben die Stichworte. Sie fragten nach Mikroprozessoren und Arbeitsplätzen, nach Wirtschaftswachstum und Umweltschutz, nach Kapitalkonzentration und Kartellamt. Die Fragen, sachverständig und nicht unkritisch, machten der Schule, auf der einst Franz Josef Strauß seine humanistische Bildung erwarb, alle Ehre.

Doch der kritische Unterton klang zu gut einstudiert, von Engagement war wenig zu spüren. So muß man wohl fragen, damit der Befragte bequem darlegen kann, daß alles natürlich ganz anders ist.

Kein Widerspruch regte sich in diesem gut geführten Spiel. Nicht einmal wortloses Unbehagen war zu spüren. Selbst dann nicht, als der Lehrherr zum Thema Atomkraft einen harten Brocken locker hinwarf: »Was ist denn eigentlich, verdammt noch mal, in Harrisburg passiert? Nichts ist passiert -- kein einziger Toter.«

Das schien den aufmerksamen Gymnasiasten einzuleuchten. Warum denn die Industrie, wollte einer gar wissen, nicht mehr Aufklärung in dieser Richtung betreibe. Selbst der wortgewandte Manager, der »schauspielerische Fähigkeiten« für eine wichtige Berufsqualifikation hält, hatte nicht gleich die rechte Antwort auf derart Provozierendes parat. Da werde schon einiges getan, meinte er schließlich: »Nicht umsonst spricht man doch von der Atom-Lobby.«

Der Gast begriff, daß seine Zuhörer diplomatische Zurückhaltung hier nur falsch verstanden. Inzwischen saß er auf dem Experimentiertisch, schlenkerte unbeschwert mit den Beinen und freute sich über »eine so angenehme Morgenstunde mit Herbstsonne«.

Beim Thema Arbeitslosigkeit tat Wolff sich dann keinen Zwang mehr an: »Wir haben 720 000 Arbeitslose, die keine sind.« Um das vorzurechnen, brauchte er nicht einmal die Schultafel hinter seinem Rücken, auf der noch vom Vortag so unverbrüchliche Wahrheiten wie y = cos x -- sin x standen.

Die Hälfte aller Arbeitslosen nämlich, erläuterte der DIHT-Präsident, seien weibliche Halbtagskräfte, die mancher Arbeitgeber wohl ohnehin nicht für voll nimmt. Und der Rest, meinte der kundige Praktiker der Wirtschaft, benutze »das soziale Netz als Hängematte«. »Viel unangenehmer«, das weiß der Wolff als Unternehmer, »ist der Facharbeitermangel.«

Nach so trefflicher Information zeigten sich die Münchner Gymnasiasten auch am Schluß der Veranstaltung brav und beglückt. Sie hatten nur Lob für ihren Aushilfslehrer: »Es ist schon unwahrscheinlich«, sagte einer dem Wolff ins Gesicht, »so jemanden wie Sie einmal hier zu haben.« Und: »Ein Mehr an Informationen ist in eineinhalb Stunden gar nicht drin.«

Doch plötzlich, die Fernsehleute hatten schon ihre Kabel zusammengerollt, der unwahrscheinliche Gast war schon fast auf dem Weg zum abschließenden Festakt des DIHT, wurden die Schüler ungewöhnlich zudringlich. Sie wollten unbedingt noch wissen, welche Berufsaussichten sie in der Wirtschaft hätten, monierten hier allzu »globale Antworten« und entlockten Wolff schließlich eine dringende Warnung vor allen kaufmännischen Berufen.

Was für Aussichten -- artig, angepaßt und doch ohne Arbeit? »Ich sehe Zeiten voraus, wo der türkische Gastarbeiter den arbeitslosen Akademiker subventioniert«, warnte der DIHT-Präsident. Da wird es also vielen jungen Leuten ähnlich schlecht gehen wie dem Unternehmer Otto Wolff. Auch der wollte ja nicht werden, was er ist.

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