Ganztägiger Streik Lokführer sprechen von Erfolg - Bahn wiegelt ab

Millionen Pendler kehren der Bahn den Rücken - und es funktioniert. Die streikenden Lokführer haben zwar den Nahverkehr lahmgelegt, doch die Reisenden sind einfach auf Auto, Busse oder U-Bahn umgestiegen. Das befürchtete Chaos blieb aus.


Hamburg - Nach einem Streik gibt es immer zwei Meinungen. Die Streikenden selbst sprechen von einem großen Erfolg, die Arbeitgeber versuchen, den entstandenen Schaden kleinzureden. Die Devise: Nur nicht nachgeben im Interessenpoker.

Genauso verlief es gestern beim ersten ganztägigen Streik der Lokführer. Manfred Schell, der Chef der Gewerkschaft GDL, bezifferte die Ausfallquote auf 85 Prozent. Soll heißen: Von hundert regulären Zügen im Nah- und Regionalverkehr fuhren nur 15.

Ganz andere Zahlen nennt das betroffene Unternehmen. Nach Angaben der Bahn fielen deutschlandweit nur rund ein Drittel der Regionalzüge und S-Bahnen aus. Demnach sind zwei Drittel der Züge also gefahren.

Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo in der Mitte. Fest steht nur so viel: Das erwartete Chaos an den Bahnhöfen blieb aus. Trotz der kurzfristigen Ankündigung haben sich Millionen Pendler auf den Streik eingestellt - und kehrten der Bahn gleich ganz den Rücken. Auf den Bahnhöfen hielten sich deutlich weniger Menschen auf als sonst.

Wer auf die Bahn angewiesen war, musste zwar Verspätungen in Kauf nehmen. Ans gewünschte Ziel kam aber doch irgendwie jeder. Entweder nahm man einen Zug später - der dann von einem verbeamteten Lokführer gesteuert wurde, der nicht streiken darf. Oder man wechselte gleich ganz das Verkehrsmittel.

Viele Reisende stiegen aufs Auto, auf Busse oder U-Bahnen um. Auch Taxifahrer freuten sich über lukrative Geschäfte, ebenso wie Mitfahrzentralen. Ewas Zeit musste man allerdings mitbringen: Auf den Zufahrtsstraßen in viele Großstädte kam es teils zu langen Staus.

Besonders stark traf es den Osten Deutschlands. Nach Angaben von Bahn-Vorstand Karl-Friedrich Rausch sind in Mecklenburg-Vorpommern 80 Prozent der Züge nicht gefahren. In Bayern waren dagegen 60 und in Baden-Württemberg 70 Prozent der Züge im Einsatz. In ländlichen Regionen habe die Bahn versucht, mit dem Einsatz von 250 Bussen einen Ersatzverkehr zu organisieren. Fernzüge hätten bundesweit 160 zusätzliche Stopps eingelegt, um Fahrgäste mitzunehmen, die vom Ausfall der Nahverkehrszüge betroffen waren.

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Das starke Ost-West-Gefälle erklärte Rausch mit dem im Osten höheren Organisationsgrad der GDL. Außerdem gebe es in den neuen Bundesländern kaum verbeamtete Lokführer, die nicht streiken dürfen. Schwerpunkt im Osten war die Region Leipzig/Halle, im Westen war vor allem der S-Bahn-Verkehr in München und Stuttgart betroffen. Seit heute früh um zwei Uhr sind die Lokführer im Ausstand, er soll noch bis Mitternacht andauern.

Schwierig wird eine Einigung auch dadurch, dass sich die Kontrahenten erneut juristisch bekämpfen. So hat die GDL heute versucht, eine einstweilige Verfügung gegen die Bahn durchzusetzen. Dabei geht es um die Notdienste, zu denen die Bahn nach eigenen Angaben etwa 90 Lokführer verpflichtet hat. Laut GDL wird das Streikrecht dadurch "konterkariert". Das Arbeitsgericht in Berlin sah das jedoch anders. Es wies den Antrag der GDL ab. Die Gewerkschaft will nun in Berufung gehen.

Möglicherweise nähern sich die Tarifparteien jetzt in der kommenden Woche an. Am Montag will die Bahn ein neues Angebot vorlegen - ob das aber den Vorstellungen der GDL entspricht, ist fraglich.

So zeigte Bahn-Personalvorstand Margret Suckale heute erneut Härte: "Wir werden ein neues Angebot vorlegen, aber weiterhin die Lohngerechtigkeit in unserem Konzern mit 240.000 Beschäftigten wahren", sagte sie der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Und ergänzte: "Wir sind nicht nur 8.000 streikwilligen Lokführern verpflichtet."

Die GDL hatte angekündigt, bis Ende Oktober auf Streiks zu verzichten, wenn die Bahn am Montag ein tragfähiges Angebot vorlege, über das verhandelt werden könne.

Sollte dies nicht erfolgen, wären neue Streiks schon am Mittwoch möglich. Montag und Dienstag will die Gewerkschaft aber definitiv nicht streiken.

wal/phw/AP/AFP/dpa/dpa-AFX



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