Gas-Konferenz in Berlin Russische Gas-Bosse wettern gegen EU-Kommission

"Untätig, unprofessionell und dumm": Beim Branchentreff der "Russischen Gasgesellschaft" im noblen Berliner Adlon teilt die Elite der russischen Gas-Branche heftig gegen die EU-Kommission aus - weil ihr Brüssels Umgang mit der Ukraine nicht passt.

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Berlin - Russland setzt im Erdgasbereich auf Europa und Deutschland. Das ist die Botschaft des fünften Energiedialogs in Berlin, einer hochkarätig besetzten Tagung "europäischer und russischer Gasunternehmen". Vor dem Ballsaal des noblen Berliner Hotels Adlon prangt ein Banner der "Russischen Gasgesellschaft" (RGO) - weniger Branchenverband als Interessenvertretung des Branchenriesen Gazprom.

Gazprom Vize Medwedew (links) und Lobbyist Jasew im Berliner Adlon-Hotel: Deutschland als Sprachrohr in Europa
DPA

Gazprom Vize Medwedew (links) und Lobbyist Jasew im Berliner Adlon-Hotel: Deutschland als Sprachrohr in Europa

Das Berliner Forum gilt als Lobbyveranstaltung der Gasbranche, als begehrte Plattform, um Kontakte zu knüpfen. In Berlin buhlt Russlands Gaselite um den westlichen Markt, stimmen europäische Energieunternehmen das Loblied auf die Verlässlichkeit des russischen Partners an, so auch in diesem Jahr.

"Berlin hat sich als sehr gute Verhandlungsplattform erwiesen", rühmt Waleri Jasew, Präsident der RGO die Konferenz in Berlin gegenüber SPIEGEL ONLINE. Vor allem aber adelt die Anwesenheit von Gazprom-Lenker Alexander Medwedew die Konferenz in Berlin. Medwedew ist Stellvertreter des mächtigen Gazprom-Chefs und Putin-Vertrauten Alexej Miller.

Deutsche Politik zeigt Nicht-Interesse

"Wir haben mit Deutschland sehr enge Beziehungen im Energiebereich, mit Deutschland finden wir leichter eine gemeinsame Sprache. Die Deutschen", jubelt RGO-Chef Jasew "sind unser Sprachrohr in Europa." Die Komplimente an die Adresse der deutschen Partner haben noch einen anderen Hintergrund: Die russische Gaslobby erhofft sich Berliner Fürsprache in Europa, ist man doch auf die Europäische Union gar nicht gut zu sprechen.

Doch die deutsche Politik zeigt demonstratives Nicht-Interesse an der Gaskonferenz, die nur wenige hundert Meter von Bundestag und Kanzleramt entfernt stattfindet. Weder Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, noch der ebenso geladene Umweltminister Sigmar Gabriel sind ins Adlon gekommen - und auch keine hohen Ministerialbeamten. Nur ein leicht zerzauster Otto Schily, einst Innenminister unter Kanzler Gerhard Schröder, huscht über die schweren Teppiche der Nobelherberge.

"Unprofessionell, ich würde sogar sagen dumm"

Und so gerät der Gasdialog bald zum russischen Selbstgespräch: Konzernlenker Medwedew poltert vom Podium, die Untätigkeit der europäischen Kommission im russisch-ukrainischen Gasstreit im Januar "sei unentschuldbar". Aus seinen Worten klingt der verletzte Stolz eines russischen Patrioten: Noch immer betrachte die Union Russland nicht als gleichberechtigten Partner "auf Augenhöhe". Stattdessen betone Brüssel gebetsmühlenartig, man wolle die Abhängigkeit vom Gas aus dem Osten senken.

Medwedew wehrt sich gegen eine vermeintliche Dämonisierung seines Landes - Russland sei nicht einmal im Kalten Krieg so verteufelt worden wie heute. Chef-Lobbyist Jasew assistiert im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE: Das Verhalten der EU-Kommission im Gasstreit mit der Ukraine im Januar sei "unprofessionell, ich würde sogar sagen dumm." Russland bediene lediglich 25 Prozent des europäischen Gasverbrauchs, von Abhängigkeit könne also gar keine Rede sein.

Gravierender sei die Abhängigkeit von der Ukraine, über deren Terrain gut vier Fünftel der russischen Gasexporte nach Europa geleitet werden, meint Jasew. "Wir wollen den Gastransit durch die Ukraine zwar nicht einstellen. Wir gehen aber sehr wohl davon aus, dass die Ukraine uns nicht mehr erpressen wird, wenn uns andere Korridore zur Verfügung stehen."

Wichtige Erfolge im Wettrennen der Großprojekte

Alternative Routen: Als neue Transportwege nach Europa treibt Russland zwei Pipeline-Projekte voran: Zum einen "South Stream" durch das Schwarze Meer auf den Balkan und nach Südeuropa. Zum andern "Nord Stream", eine Leitung durch die Ostsee nach Deutschland. South Stream gilt als Konkurrenzprojekt zur europäischen Nabucco-Pipeline, die Erdgas aus dem kaspischen Raum und Zentralasien nach Europa transportieren soll - und die EU unabgängiger vom russischen Gas machen soll.

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Doch Moskau verzeichnet im Wettrennen der Großprojekte wichtige Erfolge. Erst am vergangenen Freitag vereinbarten Paolo Scaroni, Chef des italienischen ENI-Konzerns, und Gazprom-Chef Alexej Miller im Schwarzmeerort Sotschi, dass die Kapazität der Pipeline auf mehr als 60 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr erhöht werden soll. Das ist glatt doppelt soviel, wie bislang geplant.

Russlands starker Mann, Premier Wladimir Putin, hatte deshalb kürzlich für Europas Nabucco-Pipeline nur Hohn übrig: Bevor die Europäer "das Geld im Boden versenken, sollten sie wissen, woher denn das Gas für diese Pipeline kommen soll", spottete Putin. Tatsächlich haben die Europäer große Schwierigkeiten, verlässliche Lieferzusagen für ihr Projekt zu bekommen.

Ganz anders Gazprom: Zügig treibt der Konzern den Bau der Ostsee-Pipeline voran. "Wir sind mit Nord Stream weiter im Plan", verkündete Rainer Seele, Chef von Wingas, einer Tochter von Gaprom und dem deutschen Chemieunternehmen BASF. Seit an Seit mit Medwedew und Jasew preist er auf dem Podium der Berliner Konferenz die Verlässlichkeit der russischen Lieferanten, wirbt für mehr Kooperation, weniger Konfrontation und "Sicherheit durch Partnerschaft".

"Wissen Sie," sagt auch Gas-Lobbyist Jasew, "der böse russische Bär, der eines schönen Tages einfach den Gashahn abdreht, das ist doch nur ein Mythos. Damit soll der europäischen Bevölkerung Angst eingejagt werden." Russland habe langfristige Lieferverträge mit Europa, zum Teil bis zum Jahr 2040, die man erfüllen werde. Und danach? Europa wolle doch unbedingt unabhängig vom Gas aus dem Osten werden, sagt Jasew süffisant. "Russland hat jedenfalls keine heilige Mission, Gas nur nach Europa zu liefern."



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