Gaspreis Gasprom-Chef sagt neuen massiven Preisschub voraus

Gaskunden in Europa müssen sich auf weitere massive Preiserhöhungen einstellen: Der Chef des russischen Gasprom-Konzerns Alexej Miller schätzt, dass schon zum Jahresende die Marke von 500 Dollar überschritten sein könnte - im kommenden Jahr sind sogar noch stärkere Preisschübe möglich.


Baku/Moskau - Schon zum Ende des vergangenen Jahres erregte der hohe Gaspreis die Gemüter. Doch gegen die Entwicklung in den kommenden Monaten könnte sich die letzte Preiswelle als harmloser Vorläufer entpuppen. Damals hatte Russland sein Gas Expertenschätzungen zufolge noch für etwa 250 Dollar je 1000 Kubikmeter an die europäischen Energieversorger verkauft.

Gasprom-Zentrale in Moskau: Kampf um jeden Kubikmeter Gas
REUTERS

Gasprom-Zentrale in Moskau: Kampf um jeden Kubikmeter Gas

Im März hatte Miller noch von durchschnittlichen Gaspreisen von bis zu 400 Dollar im Verlauf des Jahres 2008 gesprochen.

Sollte Millers Prognose am Donnerstag am Rande eines Besuchs von Präsident Dmitri Medwedew in Aserbaidschan am Kaspischen Meer zutreffen, dann hätten Industrie und Verbraucher zum Jahreswechsel ein Preisaufschlag von 100 Prozent zu verkraften. Und die Hoffung, dass sich die Preisspirale wieder langsamer drehen könnte, ist gering: Für den Fall, dass der Ölpreis 2009 auf 250 Dollar je Barrel steigt, sagt Miller schon einen Gaspreis von 1000 Dollar je 1000 Kubikmeter voraus.

Miller bereist derzeit zusammen mit Medwedew die ehemaligen Sowjetrepubliken, die über große Energievorkommen verfügen, um neue Handelsabkommen zu schließen. In Baku kündigte er an, aserbaidschanisches Gas zu Marktpreisen aufkaufen zu wollen. "Wir brauchen von Aserbaidschan und von anderen Ländern die größtmögliche Menge Gas", sagte Miller. Denn die Fördermenge in Russland werde auch im kommenden Jahr stagnieren. Auf dem Terminplan stehen ebenfalls Kasachstan und Turkmenistan in Zentralasien.

Aserbaidschan gilt derzeit als wichtiges Lieferland für die von der Europäischen Union geplante Nabucco-Gaspipeline, mit deren Hilfe die Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen verringert werden soll. Experten bezweifeln, dass Aserbaidschan über genügend erschlossene Gasfelder verfügt, um alle Wünsche erfüllen zu können.

Derweil steigt der Ölpreis ungebremst weiter: Im elektronischen Handel in New York kostete am Donnerstag ein Barrel (159 Liter) Leichtöl mit Auslieferungstermin im August zeitweise 145,85 Dollar. Später gab der Preis auf 144,08 Dollar nach. Nordseeöl der Sorte Brent verteuerte sich in London in der Spitze auf 146,69 Dollar je Barrel - ebenfalls ein Rekordwert.

Für die Autofahrer in Deutschland lagen die Spritpreise über den Durchschnittswerten des Rekordmonats Juni: Superbenzin kostete nach Angaben aus der Mineralölbranche durchschnittlich 1,552 Euro pro Liter, Diesel 1,506 Euro.

Experten führten den neuerlichen Preisschub bei Rohöl unter anderem auf einen unerwartet starken Rückgang der Lagerbestände in den USA und die Sorge über einen Konflikt mit dem Iran zurück. Preistreibende Wirkung dürften auch Äußerungen des saudi-arabischen Ölministers Ali Naimi haben, sein Land plane im Moment keine Ausweitung der Förderung. Naimi sagte beim Welt-Erdöl-Kongress in Madrid, es gebe derzeit keine Nachfrage nach mehr Öl. Sollte sich das ändern, wäre sein Land bereit, die Produktion zu erhöhen.

Derweil hält Bundesfinanzminister Peer Steinbrück Hilfen für Bedürftige wegen der gestiegenen Energiepreise inzwischen durchaus für möglich. "Ob mit Blick auf die wirklich sehr Bedrüftigen Sozialkomponenten entwickelt werden müssen, will ich nicht ausschließen", sagte er im Interview mit dem "Handelsblatt". Gleichzeitig verwies er auf das Wohngeld, das die Koalition mit Blick auf höhere Heizkosten gerade erhöht hat.

Breite steuerliche Entlastungen lehnte der Finanzminsiter allerdings weiterhin ab. "Ich halte es für falsch zu glauben, man könnte sich weltweiten Nachfrageentwicklungen national entgegenstellen. Das wird urferlos. Das zerreißt mir den Haushalt", sagte er. Ebenso trat er Überlegungen von SPD-Umweltpolitikern entgegen, eine Atomsteuer oder Sonderabgaben für Energiekonzerne einzuführen, um damit Entlastungen zu subventionieren. Daraus würden sich Strompreissteigerungen ergeben, die Bürger und die Wirtschaft zusätzlich belasten würden, sagte er.

Die sehr Bedürftigen, etwa Hartz IV-Empfänger, bekommen allerdings bereits heute das Existenzminimum bezahlt. Dazu zählen auch Heizkosten. Um eine Anhebung dieser Ausgaben wird die Große Koalition daher vermutlich ohnehin nach Vorlage des neuen Existenzminimumberichts im Herbst nicht herumkommen.

mik/dpa-AFX/AP/dpa

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