Gastkommentar Europas Sturz in die Drittklassigkeit

Europa fällt wirtschaftlich hinter Asien und Amerika zurück. Das Problem ist erkannt - getan wird aber zu wenig.

Von Christoph Keese, Davos


Wirtschaftsschaltstelle EZB: Radikale Innovationen sind den Europäern fremd
DDP

Wirtschaftsschaltstelle EZB: Radikale Innovationen sind den Europäern fremd

Vom diesjährigen Weltwirtschaftsforum lässt sich eine Schlussfolgerung mitnehmen: Nie und nimmer wird Europa bis zum Jahr 2010 die wettbewerbsfähigste Region der Welt sein. Als die Europäische Union bei ihrem Gipfel in Lissabon dieses Ziel beschloss, bewies sie einen ausgeprägten Sinn für Humor. Frankreichs Wirtschafts- und Finanzminister Francis Mer antwortete in Davos denn auch ganz offen auf die Frage, was er von den Lissabonner Beschlüssen heute hält: "Ich konnte mir schon damals ein breites Schmunzeln nicht verkneifen."

Nicht nur Mer denkt so, auch andere Europäer halten das Ziel für illusorisch. Roberto Testore, Chef des italienischen Technologiekonzerns Finmeccanica, sagt: "Dass unser Wachstum in 20 Jahren über dem der USA liegt, kann ich nur hoffen, glauben tue ich es nicht." Asien und Amerika laufen den Europäern davon. China wächst mit acht Prozent pro Jahr, die USA schaffen nachhaltig etwa vier Prozent. Japan taucht aus der Depression auf und legte im vergangenen Jahr um 2,5 Prozent zu. Nur Europa kommt nicht voran.

Mutige Ziele sind zwar wichtig, und selbst wenn Europa 2010 nicht an der Spitze steht, wird es mit Hilfe der ehrgeizigen Idee weiter gekommen sein als ohne. Trotzdem müssen die Europäer analysieren, warum sie an ihren eigenen Zielen scheitern. Nur so können sie aus den Fehlern lernen und sie künftig vermeiden. Vier Hauptgründe stechen aus den Debatten in Davos hervor.

Gebremste Produktivität

Erstens: Europa bremst die Entwicklung zu höherer Produktivität, statt sie zu unterstützen. Es stellt sich nicht schnell genug auf Wandel ein. Änderungen, die vor kurzem noch Jahre dauerten, vollziehen sich heute innerhalb weniger Monate. Der Netzwerkhersteller Cisco zum Beispiel brachte es vor vier Jahren auf ein Drittel des Umsatzes, den seine elf wichtigsten Wettbewerb gemeinsam erwirtschafteten. Heute ist Cisco mehr als dreimal so groß wie alle elf Wettbewerber zusammen. Länder, die auf derart rapiden Wandel langsam reagieren, werden an den Rand gedrängt.

Zwischen Produktivität und Wirtschaftswachstum besteht eine fast vollständige Korrelation. Die Wertschöpfung schreitet also im gleichen Tempo voran wie die Produktivität. Trotzdem versucht Europa traditionell, seine Bürger vor höherer Produktivität zu bewahren, in dem Irrglauben, damit könne man das Erreichte besser hüten. Carly Fiorina, Chefin des Hightech-Konzern Hewlett-Packard (HP) hat Recht, wenn sie sagt: "Die Politik darf die Menschen nicht vor der Zukunft schützen, sondern muss sie darauf vorbereiten."

Zweitens: Europa zögert zu lange bei der Umsetzung von Erfindungen. Innovation ist der Motor für Produktivitäts- und damit Wirtschaftswachstum. Vor drei Jahre meldete HP noch drei Patente pro Tag an, heute sind es schon elf. Mit ständiger Entwicklung drängt der Konzern nach vorn, zum Beispiel mit dem ehrgeizigen Plan, einen guten Fotodrucker zum Heimgebrauch für 49 Dollar anzubieten. Im vergangenen Jahr stellte HP auf einen Schlag 159 neue Produkte vor, die heute zwei Drittel des Umsatzes in der Sparte Verbraucherelektronik einbringen. Aggressive Innovation liegt den Europäern fern. Sie ähneln eher Kodak als HP - zu lange an alter Technik festzuhalten und das Neue nicht zu erschließen führt direkt in den Abgrund.

Mangel an fremden Einflüssen

Drittens: Die zögerliche Immigrationspolitik und die vergleichsweise lahmen Hochschulen der Europäer locken zu wenige Talente aus dem Ausland an. Einige der erfolgreichsten jungen US-Firmen wie Google, Amazon und Yahoo! wurden von Einwanderern der ersten oder zweiten Generation gegründet.

Google-Mitgründer Sergey Brin etwa wurde in Moskau geboren und zog mit sieben Jahren nach Kalifornien. Sein Englisch trägt noch immer einen leichten russischen Akzent. Aus der Stanford-Universität heraus entwickelte Brin mit Freunden die erfolgreichste und profitabelste Suchmaschine der Welt. "Vielleicht sind Einwanderer hungriger als das Establishment. Auf jeden Fall sehen wir die Welt mit anderen Augen, das ist der entscheidende Unterschied", sagt Brin. Dass Immigranten überproportional viel zum US-Aufschwung beitragen, ist nach Brins Meinung kein Zufall, sondern hat System.

Viertens: Einigkeit macht stark, Zersplitterung macht schwach. US-Vizepräsident Dick Cheney ist kein besonders sympathischer Mann, und man kann seine Irak-Politik für falsch halten. Aber es ist eindrucksvoll, wie entscheidungsstark die USA mit ihrer Verfassungsstruktur sind. Europa dagegen hat begeisterte und sympathische Politiker wie Javier Solana, die den größten Teil ihrer Energie darauf verwenden müssen, Zentrifugalkräfte im eigenen Lager zu bekämpfen. Selbst ein Mann wie Solana wird dabei zerrieben.

Europa ist kein Bundesstaat, sondern ein Staatenbund - und zahlt dafür in der Wirtschaftspolitik einen hohen Preis. Wachstum geht verloren, weil die Visionäre Zeit darauf verschwenden, Kompromisse mit den Reaktionären zu suchen. Wer die EU wettbewerbsfähig machen will, muss ihren Institutionen so viel Macht geben wie in den USA.

Davos gibt keinen Anlass zur Resignation, sondern zur Hoffnung. Mehr Produktivität, mehr Innovation, mehr Einwanderung und mehr Einigkeit sind die Rezepte für mehr Wohlstand und Wachstum. Das ist Konsens, deswegen rückt die Umsetzung näher.



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