SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

02. Oktober 2008, 16:41 Uhr

Gastkommentar

Warum die Wirtschaftskrise uns noch lange quälen wird

Schluss mit der Beschönigung: Die Finanzkrise trifft Europa viel härter als erwartet, glaubt der Berliner Ökonom Henrik Enderlein - und sie ist längst nicht vorbei. Wie schlimm sie eskaliert, das bestimmen nicht nur die Zentralbanken, sondern vor allem die Konsumenten in Amerika und China.

Spätestens mit der Beinahe-Pleite der belgisch-niederländischen Fortis Bank und der Bedrohung des Dax -Konzerns Hypo Real Estate hat die Finanzkrise Europa mit voller Wucht erreicht - auch Europas Bankensektor steht auf dem Prüfstand. Damit ist der nächste Dominostein in einer langen Reihe gefallen. War es das jetzt? Oder steht und noch einiges bevor? Die Antwort kann nur lauten: sogar sehr viel.

Die Geschichte dieser Krise ist eine Geschichte des Kleinredens. Jedes Licht am Ende des Tunnels erwies sich bislang noch als entgegenkommender Zug: Zuerst war es eine Krise in einem Teilsegment des US-Immobilienmarktes, der isoliert bleiben würde. Dann war es eine US-Immobilienkrise, die nicht auf den Finanzmarkt übergreifen würde. Später war von einer US-Finanzmarkt- und Bankenkrise die Rede, die nicht auf die US-Realwirtschaft übergreifen würde. Bis zum vergangenen Wochenende hieß es noch, die Krise würde Europa nicht in demselben Maß treffen wie die USA.

Und nun?

Jetzt geht es zunächst darum, die Brandherde zu löschen. Wenn das erledigt ist, kommen erst die richtigen Aufgaben auf uns zu, um den Banken- und Versicherungssektor zu schützen und zukunftssicher zu machen. Drei Bereiche dürften uns dabei in den kommenden Monaten besonders beschäftigen:

1. Der Konsum in den USA

Kein Wirtschaftsfaktor ist in den USA wichtiger als der Konsum. Mit über 70 Prozent geht er ins Bruttoinlandsprodukt (BIP) ein - in Deutschland sind es nur 60 Prozent. Dass diese Schlüsselkomponente des US-Wachstums in den kommenden Monaten massiv einbrechen wird, scheint unvermeidlich. Das liegt nicht nur daran, dass die Zahl der Arbeitslosen steigen wird. Das Hauptproblem ist die bereits bestehende Verschuldung: Weil die Aktien- und Immobilienpreise in den vergangenen Jahren stetig stiegen, fühlten sich die Anleger reicher und hörten auf zu sparen.

Das Wachstum der USA der vergangenen Jahre war ein Wachstum auf Pump. Schulden wurden in der Illusion aufgenommen, dass Aktienportfolios und Eigenheime ausreichende Sicherheiten darstellten. Mit 235 Prozent des amerikanischen BIP ist die US-Volkswirtschaft derzeit verschuldet, allein die Privathaushalte bringen es auf 100 Prozent des BIP - das sind 14 Billionen Dollar.

Die Sparquote liegt dagegen schon seit Jahren bei Null. Fallen jetzt die Preise von Häusern und Aktien - was längst geschieht -, dann bleibt nur ein Weg, um nicht in die Schuldenfalle zu geraten: sparen, sparen, sparen.

Das aber bedeutet: weniger Konsum. Bricht der US-Konsum ein, dann geraten nicht nur die US-Volkswirtschaft, sondern auch alle in die USA exportierenden Länder unter Druck. Wenn es zu einer Weltwirtschaftskrise kommt, ist der einbrechende US-Konsum der wichtigste Auslöser.

2. Die wirtschaftspolitische Zukunft Chinas

Die Volksrepublik China steht vor einer Trendwende, die die US-Krise noch schwieriger machen könnte, als sie es jetzt schon ist: Das derzeitige chinesische Wirtschaftsmodell mit einem auf Exporte gestützten Wachstum in Kombination mit einer Unterbewertung des Yuan ist nicht mehr nachhaltig.

Zurzeit liegt das Gesamtvolumen der Dollarreserven in China bei 1,85 Billionen. Seit 2001 hat sich der Schatz alle zwei Jahre verdoppelt. Im ersten Halbjahr 2008 kaufte China jede Minute Schulden in Dollar in Höhe von 1,83 Millionen Dollar auf – Tag und Nacht. Sollte die Unterbewertungsstrategie in diesem Tempo weitergehen, dann hätten die Dollarreserven Chinas im Jahr 2011 den Wert von 6,4 Billionen Dollar erreicht – also circa zehn Prozent des Welt-Bruttosozialprodukts. Aus heutiger Sicht erscheint das undenkbar.

China fehlt zudem der Binnenkonsum: Der Anteil der Verbraucherausgaben am BIP sind mit einem Drittel sehr gering. Chinas Sparquote liegt mit rund 40 Prozent des BIP dagegen auf einem phänomenal hohen Wert. Ein steigender Wechselkurs bei einem gleichzeitigen Rückgang der Nachfrage aus den USA könnte ein probates Mittel sein, um die große wirtschaftspolitische Wende in China einzuleiten und den Binnenkonsum zu fördern.

Was aber wird passieren, wenn China die ökonomische Trendwende beginnt? Allein durch den Stopp des Ankaufs von US-Schuldinstrumenten würden langfristige US-Zinsen deutlich steigen. Die Konsequenz wäre ein zusätzlicher Rückgang des US-Konsums und auch der US-Immobilienpreise, der die USA während der jetzt beginnenden Rezession treffen würde. Gleichzeitig würde der Dollar an Wert verlieren. Die so billigen chinesischen Produkte im US-Markt würden deutlich teurer werden, mit negativen Folgen für die US-Inflation. Die Auswirkungen für die Realwirtschaft in den USA wären verheerend.

3. Die weltweite Inflation

Wohl niemals in der jüngeren Wirtschaftsgeschichte stand der Welt so viel Kapital zur Verfügung wie im vergangenen Jahrzehnt. Die Kombination aus historisch niedrigen Zinsen in vielen Regionen der Welt und der Devisenmarktinterventionen asiatischer Zentralbanken (vor allem Chinas) ist die Ursache dafür. Zwar fällt es Ökonomen schwer, die Auswirkungen dieser Liquiditätsschwemme auf Inflationswerte zu bewerten, aber es wäre erstaunlich, wenn die bedrohlich hohen Teuerungsraten in den USA (aktuell: 5,4 Prozent) und auch in Europa (3,9 Prozent) mit dem Beginn der Krise plötzlich zurückgehen würden. Der fallende Ölpreis wird nicht ausreichen, um von diesen hohen Werten zu den in beiden Regionen angestrebten zwei Prozent Inflation zurückzukehren.

Die Zentralbanken in den USA und in Europa stehen daher vor einem Dilemma: Senken sie die Zinsen, um der Wirtschaftskrise zu trotzen, dann läuft die Inflation aus dem Ruder; erhöht sie die Zinsen, um die Inflation zu bremsen, dann ist der Weg aus der Wirtschaftskrise fast unmöglich. Noch schlimmer: Entscheidet sich eine der beiden Zentralbanken für eine Zinssenkung (wahrscheinlich die US-Fed), die andere aber für ein weiterhin hohes Zinsniveau wie wie am heutigen Donnerstag die EZB, dann wirkt sich die Zinsdifferenz auf den Wechselkurs aus: Der Euro würde immer stärker und die europäischen Exporte wären durch die Krise und einen immer stärkeren Euro gleich doppelt belastet.

Die zentrale Folge aus anhaltend hohen Inflationsraten während der beginnenden Wirtschaftskrise wäre aber in jedem Fall problematisch: Den Zentralbanken wären im Fall der Stagflation (Kombination aus hoher Inflation und stagnierender Wirtschaft) die Hände gebunden.

Diese drei Faktoren also deuten darauf hin, dass uns die aktuelle Wirtschaftskrise noch über mehrere Jahre beschäftigen wird. Das trifft auch auf Europa zu: Wer heute noch ernsthaft glaubt, Europa würde sich vor der Krise schützen können, sitzt einem Irrglauben auf. Die Weltwirtschaft ist viel zu eng verschränkt, als dass sich eine Rezession in den USA nicht auch nach Europa übertragen würde – zumal auch in Europa die Immobilienblasen geplatzt sind (etwa in Spanien und Irland) und europäische Finanzinstitute schon lang globale Spieler sind.

Was insgesamt aber zur Bewertung der Aussichten fehlt, ist ein zeitlich naheliegender Vergleich. Die Finanz- und Bankenkrise 1987 ("Black Monday") war trotz aller Panik eine Mini-Krise, die die Welt innerhalb eines Jahres verarbeitet hatte. Die Schockwellen der Weltwirtschaftskrise von 1929 waren dagegen noch nach einem Jahrzehnt zu spüren. So schwer es fällt, das richtige Ausmaß der aktuellen Krise zu bestimmen, und so wichtig es ist, Ruhe zu bewahren - es macht erst dann Sinn, die Krise für beendet zu erklären, wenn alle gefährdeten Dominosteine gefallen sind.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung