GDL-Vize Weselsky "Wir lassen uns von der Bahn nicht veralbern"

Laut Bahn war die Stimmung gut, das Aus der Tarifgespräche mit der GDL sei vollkommen überraschend. Vize-Gewerkschaftschef Weselsky sieht das anders. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt er, warum das Angebot der Bahn von Anfang an ein Desaster war - und warum er sich vom Konzern veralbert fühlt.


SPIEGEL ONLINE: Herr Weselsky, neues Jahr, neuer Streik - wie oft haben Sie in dieser Tarifauseinandersetzung mit der Bahn eigentlich schon Gespräche begonnen und wieder abgebrochen?

Weselsky: Ich habe nicht mitgezählt. Täglich grüßt das Murmeltier, kann ich nur sagen.

GDL-Vize Weselsky: "Der Konzern wollte einen Kooperationsvertrag - mit Inhalten, die glaubt man nicht"
DDP

GDL-Vize Weselsky: "Der Konzern wollte einen Kooperationsvertrag - mit Inhalten, die glaubt man nicht"

SPIEGEL ONLINE: Ihr Vorsitzender Manfred Schell sprach schon selbst von "Kasperletheater hoch drei". Wie hoch ist Ihr Anteil daran?

Weselsky: Was der Bahnvorstand aufführt, kann man nicht nachvollziehen. Herr Schell war aber in der vergangenen Woche gar nicht bei den Gesprächen dabei. Die Verhandlungen auf Sachebene haben die Tarifabteilung und ich geführt. Herr Schell, die Chefs der beiden anderen Gewerkschaften und der Bahnvorstand sollten erst gestern Abend wieder zusammenkommen. Aber dann legte der Konzern uns seine endgültigen Vorschläge vor. Als wir dieses Desaster gesehen haben, haben wir entschieden: Da brauchen wir kein Spitzengespräch mehr.

SPIEGEL ONLINE: Laut Bahn war die Gesprächsatmosphäre bis gestern wunderbar. Dann seien die GDL-Vertreter überraschend aufgestanden und hätten das Aus der Verhandlungen verkündet.

Weselsky: Man muss ja nicht schreiend durchs Zimmer laufen, wenn man Tarifverhandlungen abbrechen will. Die Bahn wollte uns tarifpolitisch von den beiden anderen Gewerkschaften Transnet und GDBA abhängig machen. Der Konzern bestand auf einen Kooperationsvertrag - und legte einen Entwurf vor mit Inhalten, die glaubt man einfach nicht.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Weselsky: Die GDL sollte die Forderungen bei ihrem ureigenen Lokomotivführer-Tarifvertrag mit Transnet und GDBA abstimmen - und der Gipfel: Wenn die Gewerkschaften sich mit ihren Ansprüchen nicht einigen können, sollten sie sich einer Schlichtung unterwerfen. Bevor sie überhaupt Forderungen an den Vorstand stellen, das muss man sich mal vorstellen. Das sollte auch noch für die jetzige Auseinandersetzung gelten.

SPIEGEL ONLINE: Aber Sie hätten in Zukunft einen eigenen Tarifvertrag über die Gehälter und Arbeitszeiten der Lokführer federführend verhandeln können. Reicht Ihnen das nicht?

Weselsky: Das ist so nicht richtig. Die Entgeltgrundlagen sollten nicht in unserem Vertrag stehen. Auf Deutsch: Wir sollten nicht selbst aushandeln können, was die Lokführer verdienen. Wir fühlen uns von der Bahn veralbert. Wir lassen uns von der Bahn nicht veralbern.

SPIEGEL ONLINE: Aber was hätte dann überhaupt in einem Lokführer-Tarifvertrag gestanden?

Weselsky: Solche Nebensächlichkeiten wie die Frage, ob die vermögenswirksamen Leistungen gleich bleiben oder mehr werden, will die Bahn uns zugestehen. Da geht es derzeit um 13 Euro im Monat.

SPIEGEL ONLINE: War die Bahn wenigstens bereit, Ihnen jetzt Gehaltserhöhungen zuzugestehen?

Weselsky: Nur die 4,5 Prozent, die schon die Tarifgemeinschaft aus Transnet und GDBA ausgehandelt hatte. Weitere zwei Prozent sollten dann noch einmal über eine Neueingruppierung in die Lohnstruktur ermöglicht werden. Das war uns zu wenig. Wir wollen Gehaltssteigerungen im zweistelligen Prozentbereich.

SPIEGEL ONLINE: Transnet-Chef Norbert Hansen behauptet, Ihnen gehe es gar nicht so sehr um höhere Gehälter, sie wollten den anderen Gewerkschaften nur Mitglieder abspenstig machen.

Weselsky: Was die Transnet für Verdächtigungen ausspricht, ist ihre Sache. Wir führen einen Tarifkonflikt, um die Arbeitszeiten und die Gehälter für unsere Leute zu verbessern.

SPIEGEL ONLINE: Die Stimmung ist nun ungeheuer mies. Die Bahn hat alle Angebote an Sie zurückgezogen und nach einem Schlichter verlangt. Das haben Sie schon abgelehnt. Wie lang wird dieser Streik denn gehen?

Weselsky: Irgendwann muss der Vorstand ja ein Einsehen haben.

SPIEGEL ONLINE: So sehr, wie sie sich zerstritten haben, kann man sich kaum vorstellen, dass die beiden Parteien jemals wieder vertrauensvoll zusammenarbeiten können. Sie können sich ja nicht einmal mehr bei solchen Details einigen wie der Frage, ob Rangierlokführer nun zur GDL-Klientel gehören oder nicht.

Weselsky: Wissen Sie, ich sage mal so: Mir ist es egal, wer auf der Seite der Bahn diesen Tarifvertrag unterschreibt.

SPIEGEL ONLINE: Sie glauben ernsthaft, diese Auseinandersetzung wird Bahnchef Hartmut Mehdorn die Karriere kosten?

Weselsky: Er muss wissen, was er tut.

Das Interview führte Anne Seith

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