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26. Mai 2009, 19:57 Uhr

Gefährdete Rettung

Regierungsberater zerpflücken Konzepte der Opel-Bieter

Die Chancen für eine schnelle Opel-Rettung schwinden. Einem Zeitungsbericht zufolge kritisieren die Berater der Bundesregierung die Übernahmekonzepte aller Interessenten als unzureichend. Eines der Angebote soll bereits komplett vom Tisch sein - dafür meldet sich ein vierter Bieter aus China.

Berlin/Rüsselheim - Es sind unsichere Tage für Opel: Belegschaft und Konzernspitze hatten große Hoffnungen in ein Krisentreffen am Mittwochabend im Kanzleramt gesetzt. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), mehrere Bundesminister und Ministerpräsidenten mit Opel-Produktionsstätten, hochrangige Repräsentanten der Bieter und des Opel-Mutterkonzerns GM nehmen daran Teil. In derselben Nacht sollte ursprünglich ein Retter für die angeschlagene GM-Tochter bestimmt werden.

Opel-Transparent in der Rüsselsheimer Konzernzentrale: Schlechte Noten für Übernahmekonzepte
AP

Opel-Transparent in der Rüsselsheimer Konzernzentrale: Schlechte Noten für Übernahmekonzepte

Jetzt ist dieser Plan vermutlich Makulatur - eine schnelle Opel-Rettung ist aller Wahrscheinlichkeit nicht mehr in Sicht.

Nach Informationen des "Handelsblatts" geben die Regierungsberater allen Opel-Interessenten schlechte Noten für ihre Übernahmekonzepte. Sie raten der Regierung deshalb von einer schnellen Entscheidung ab. Keinesfalls solle sie sich schon in der Nacht zum Donnerstag auf einen Bieter festlegen. "Eine Vorfestlegung wäre eine Katastrophe", hieß es in Beraterkreisen.

Besonders kritisch sehen die Berater laut "Handelsblatt" das Konzept des austro-kanadischen Autozulieferers Magna. Würde dessen Konzept umgesetzt, "wäre das neue Unternehmen vom ersten Tag an insolvent", sagte ein Insider - aber auch Fiats Offerte stehen die Experten kritisch gegenüber. Das Angebot von RHJ werde mittlerweile schon gar nicht mehr seriös geprüft (siehe Infobox).

Fiat-Chef Sergio Marchionne hatte am Dienstag bei Merkel noch einmal für sein Übernahmekonzept geworben. Zu dem Gespräch war auch Guttenberg geladen, der das Angebot Fiats bisher als "unzureichend" abgelehnt hatte.

Opels Arbeitnehmervertretung brüskierte Fiat dagegen: Nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa sind die Italiener am Dienstag nicht wie erwartet nach Rüsselsheim gekommen, um ihr Konzept vorzustellen. Opel-Betriebsratschef Klaus Franz nannte Fiats Verhalten inakzeptabel und empörend. "Das zeigt, was von mündlichen Zusagen von Sergio Marchionne zu halten ist", sagte Franz.

Die europäische Arbeitnehmervertretung hatte die drei Hauptbieter für Opel zu sich eingeladen. Der Opel-Betriebsrat bevorzugt nach eigenen Angaben Magna als Investor. Dieser sei "eindeutig in der Poleposition", sagte Franz am Dienstag in Rüsselsheim. Aber auch der Investor Ripplewood habe "ein interessantes und ausbaufähiges Konzept vorgestellt."

Laut Franz stünde bei beiden Konzepten ein Arbeitsplatzabbau von jeweils rund 10.000 Stellen an. Es sei aber nicht im Detail über einzelne Standorte gesprochen worden.

Die Trennung von GM sei indes unterschriftsreif. Er habe das Dokument selbst gesehen, "das sieht sehr gut aus und läuft alles in die richtige Richtung", sagte er am Dienstagabend im ZDF-heutejournal.

Vierter Opel-Interessent aus China

Guttenberg bestätigte derweil, dass es offenbar noch einen vierten potentiellen Bieter für Opel gebe. Es handele sich um einen chinesischen Interessenten, sagte Guttenberg, ohne genauere Angaben zu machen. Laut "Financial Times Deutschland" handelt es sich um den Autohersteller BAIC. Laut "Welt" hat BAIC offenbar eine Garantie für den Bestand aller deutschen Werke abgegeben - allerdings nur für zwei Jahre. Außerdem würden die Pekinger mit weniger Staatsbürgschaften auskommen als die anderen Kandidaten.

Kanzlerin Merkel hatte zuvor den Plan der Bundesregierung verteidigt, Opel mit Staatshilfe zu retten. Es gehe dabei um ein Unternehmen, das im Wesentlichen der US-Regierung gehöre, sagte die CDU-Politikerin am Dienstag beim Kommunalkongress des Deutschen Städte- und Gemeindebundes in Berlin. "Und deshalb versteht es sich von selbst, dass eine Bundesregierung darum in den Gesprächen mit der US-Regierung sich mehr kümmern muss als in all den ganz normalen Fällen." Merkel betonte außerdem, das Bürgschaftsprogramm des Bundes helfe sowohl großen als auch kleinen Unternehmen. Allerdings seien die Fälle des Kaufhauskonzerns Karstadt und von Opel bekannter als die der mittelständischen Kandidaten.

Seit dem Wochenende hatte es heftige Diskussionen um die Äußerungen von Guttenberg gegeben, der eine mögliche Insolvenz der angeschlagenen GM-Tochter als Möglichkeit bezeichnet hatte. Dafür war er vor allem von Seiten der SPD und ihrem Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier heftig kritisiert worden. Guttenberg solle endlich mit dem "Gerede über eine Insolvenz" aufhören, sagte Steinmeier. Der Außenminister hat sich nach Informationen von SPIEGEL ONLINE inzwischen selbst in die Gespräche mit GM-Chef Fritz Henderson eingeschaltet.

Guttenberg kein "Abwrackminister"

Auch die stellvertretende SPD-Vorsitzende Andrea Nahles kritisierte Guttenberg. "Ein Wirtschaftsminister, der in einer solchen Situation von Insolvenz faselt, weiß nicht, was er tut", sagte sie der "Frankfurter Rundschau". Guttenberg solle sich daran erinnern, dass er Wirtschaftsminister sei und nicht "Abwrackminister". Er sollte sich weniger dem Lehrbuch der reinen Marktwirtschaft verpflichtet fühlen als vielmehr der deutschen Wirtschaft, die auch in Zukunft industrielle Kerne und qualifizierte Fachkräfte brauche. "Bei Opel geht es um den Bestand des Unternehmens, die Sicherung aller Standorte und den langfristigen Erhalt von Arbeitsplätzen", sagte Nahles.

Trotz Merkels klarem Bekenntnis zu Opel ist die Rettung des Autobauers aber auch in der eigenen Partei umstritten. So warnte die CSU vor zu kostspieliger staatlicher Hilfe. "Wir sind nicht bereit, unverantwortliche Risiken auf den Steuerzahler beziehungsweise die öffentlichen Haushalte abzuwälzen", sagte CSU-Landesgruppenchef und Parteivize Peter Ramsauer. Deshalb sollten im Fall von Opel alle Optionen offengehalten werden. Er warnte zugleich davor, zu leichtfertig auch in anderen Fällen wie Arcandor oder Porsche zu helfen. Es gehe nicht darum, allgemeine unternehmerische Risiken abzudecken.

Viel Zeit bleibt nicht, um über die Hilfen für die 25.000 Opel-Beschäftigten in Deutschland zu beraten: Schon Ende der Woche könnte GM in den USA Insolvenz anmelden. Das Schicksal des US-Autobauers liegt momentan in der Hand von Zehntausenden von Gläubigern. Ihre spätestens in der Nacht zum Mittwoch nötige Zustimmung zu einem milliardenschweren Schuldenverzicht galt am Dienstag unter Experten als höchst unwahrscheinlich.

GM ist derweil offenbar mit einem weiteren Rettungsversuch gescheitert. Der Konzern hatte Gläubigern angeboten, ihre Forderungen gegen Teile an einem umstrukturierten Unternehmen einzutauschen. Nur deutlich weniger als zehn Prozent hätten dem zugestimmt, sagte eine mit dem Vorgang vertraute Person am Dienstag der Nachrichtenagentur Reuters. GM hatte im Vorfeld erklärt, von den Gläubigern mit ihren Forderungen von 27 Milliarden Dollar müssten mindestens 90 Prozent für das Vorhaben gewonnen werden. Andernfalls könne GM gezwungen sein, Insolvenz anzumelden.

ssu/AP/dpa-AFX/ddp/Reuters

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