Gefährliche Teuerung US-Inflation auf höchstem Stand seit 1991

Die Inflation in den USA explodiert, gleichzeitig verdichten sich die Anzeichen für eine Rezession. Fed-Chef Bernanke warnt - und ist selbst doch machtlos: Er kann den Leitzins jetzt weder anheben noch senken.


Washington - Rasant steigende Energiepreise haben die Inflationsrate in den USA auf den höchsten Stand seit 1991 getrieben. Die Verbraucherpreise stiegen im Juni um fünf Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat, teilte das Arbeitsministerium am Mittwoch mit.

Von Mai auf Juni kletterten die Lebenshaltungskosten um 1,1 Prozent und damit so stark wie zuletzt im Jahr 2005. Energie verteuerte sich binnen Monatsfrist um 6,6 Prozent. Die Spritpreise legten mit 10,1 Prozent besonders deutlich zu.

Fed-Chef Bernanke: Nach oben und unten keine Luft beim Leitzinssatz
REUTERS

Fed-Chef Bernanke: Nach oben und unten keine Luft beim Leitzinssatz

Notenbankchef Ben Bernanke nannte die aktuelle Teuerung "zu hoch". Vor dem US-Repräsentantenhaus erklärte er den Kampf gegen die Inflation zur "Top-Priorität" der Fed. Die Teuerung müsse auf ein akzeptables Niveau gebracht werden.

Dazu müsste die Fed nun eigentlich den US-Leitzins erhöhen. Höhere Zinsen verteuern Kredite für Investitionen und Konsum. Sie können damit die Nachfrage und den Preisauftrieb dämpfen.

Andererseits bremst die Erhöhung des Leitzinssatzes die Wirtschaft. Wegen der Finanzkrise hatte die Fed den Zinssatz schrittweise von 5,25 auf 2,0 Prozent gesenkt, um mit billigem Geld Konsum und Investitionen anzuschieben.

Trotzdem verdichten sich in den USA die Anzeichen für einen Abschwung: Zwar stieg die Industrieproduktion im Juni nach Angaben der Fed unerwartet um 0,5 Prozent, so stark wie seit knapp einem Jahr nicht mehr. Im gesamten zweiten Quartal schrumpfte sie aber mit 3,1 Prozent so deutlich wie zuletzt nach den Anschlägen vom 11. September 2001.

Experten zufolge ist die Fed also in der Zwickmühle. Sie hat bei der Regulierung des Leitzinssatzes nach oben und unten keine Luft. "Mit dem Inflationsanstieg wächst die Sorge, dass die Fed ihre Zinsen nicht noch weiter senken kann, selbst wenn die Wirtschaft weiter schwächeln sollte", sagte Wachovia-Chefvolkswirt Gary Thayer. "Und so lange die Wirtschaft darniederliegt, kann sie die Inflation nicht mit höheren Zinsen bekämpfen."

Rekord-Inflation auch in Deutschland

Auch in Deutschland sind Verbraucherpreise im Juni so stark gestiegen wie seit 14 Jahren nicht mehr. Wegen der Teuerungswelle bei Energie und Nahrungsmitteln kletterte der Inflationsindex auf 3,3 Prozent, wie das Statistische Bundesamt mitteilte.

Die Teuerung ist damit so hoch wie seit gut 15 Jahren nicht mehr: Zuletzt hatte die Jahresteuerungsrate in Deutschland mit 4,2 Prozent im Dezember 1993 höher gelegen als in diesem Juni. Im Mai 2008 hatte sie 3,0 Prozent erreicht.

Der Preisauftrieb bei Lebensmitteln und Energie ist nach Angaben des Bundesamts für weit mehr als die Hälfte der gesamten Preissteigerungen gegenüber dem Vorjahr verantwortlich. Allein diese Bereiche machen rund 20 Prozent der Ausgaben privater Haushalte aus. Ohne Einrechnung der Preisentwicklung für Strom, Heizung und Sprit hätte die Teuerungsrate nur bei 1,9 Prozent gelegen.

Preise für Milch und Getreide steigen deutlich

Die Preise für Nahrungsmittel erhöhten sich im Juni 2008 gegenüber Juni 2007 um 7,6 Prozent. Molkereiprodukte und Eier verteuerten sich um 18,9 Prozent, Butter um 8,1 Prozent. Auch die Preise für Brot und Getreideerzeugnisse lagen mit einem Plus von 9,1 Prozent deutlich über denen des Vorjahres. Nudeln kosteten 27,9 Prozent mehr, Brötchen waren um 8,8 Prozent teurer.

Im Vergleich zum Mai mussten die Verbraucher für leichtes Heizöl 4,8 Prozent und für Kraftstoffe 2,7 Prozent mehr ausgeben. Billiger als vor einem Jahr waren Notebooks, die 27,6 Prozent weniger kosteten, und Fernseher, die um 18,9 Prozent günstiger waren.

Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger warnte trotz steigender Preise vor einer Panik. Im historischen Vergleich sei die Inflationsrate in Deutschland mit 3,3 Prozent nicht als exzessiv oder besonders gefährlich anzusehen, sagte er dem Radiosender Bayern 2. Der Höhepunkt der Teuerung sei seiner Meinung nach überschritten. "Wir haben bei den Nahrungsmittelpreisen eine ganz klare Entwarnung, da ist die Spitze im Dezember gewesen." Bei der Energie sei die Lage aber noch problematisch.

Nachholbedarf bestehe bei den Löhnen, sagte Bofinger. "Wir haben im ersten Quartal dieses Jahres effektiv zwei Prozent mehr an Lohnerhöhungen, und das ist bei dieser Inflationsentwicklung vergleichsweise wenig. Deswegen fühlen die Menschen zu Recht, dass ihre Einkommen zurückgehen." Kurzfristige Steuerentlastungen machten aber keinen Sinn. Vernünftiger seien die Sanierung des Staatshaushaltes und Investitionen in Bildung.

ssu/AP/dpa/Reuters



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.