Zur Ausgabe
Artikel 43 / 113
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

BANKEN Gefährliches Spiel

Das einstige Skandalinstitut WestLB steht erneut im Mittelpunkt einer handfesten Affäre. Profitierte von dubiosen Börsen-Deals noch ein anderes Unternehmen?
Von Wolfgang Reuter
aus DER SPIEGEL 16/2007

Als Thomas Fischer vor drei Jahren Chef der WestLB wurde, hatte er nicht nur das Ziel, das Unternehmen zu sanieren. Er wollte aus dem Institut auch so etwas wie eine »anständige, integre Bank« machen. Gegenüber Vertrauten fügte er dann mitunter an: »Wenn es so etwas überhaupt gibt.«

Vorvergangene Woche haben seine Bemühungen einen herben Rückschlag erlitten. Zwar geht es diesmal »nur« um knapp hundert Millionen Euro, die das Institut aufgrund dubioser Aktiengeschäfte verloren haben dürfte. Doch der Imageschaden ist schon jetzt enorm.

Da werden Erinnerungen wach an die alte WestLB, jene Skandalbank, die 2001 die internen Geldwäschekontrollen vernachlässigt hatte. Der damalige Vorstandschef Friedel Neuber musste schließlich abtreten. In den beiden Folgejahren hatte das Unternehmen mit riskanten Kredit- und Beteiligungsgeschäften in London 4,1 Milliarden Euro versenkt. Der Verlust hätte die Bank fast in den Abgrund gerissen. Zwei weitere Vorstände verloren ihren Job.

Jetzt steht auch Fischer in der Kritik, also derjenige, der nach all den Desastern angetreten war, die zwielichtigen Praktiken der Vergangenheit rigoros abzustellen. Hat er die aktuellen Machenschaften zu spät entdeckt, oder hat er gar zu zögerlich gehandelt?

Die jetzt aufgeflogenen Geschäfte fanden in einer Grauzone statt, in der nicht immer erkennbar ist, wo raffiniertes Geschäft endet und Betrug beginnt (siehe Kasten rechts).

Der Bereichsleiter für das Handelsgeschäft, Friedhelm Breuers, und ein Untergebener hatten an der Börse eine Art Wette laufen: Sie glaubten, dass die Preise der stimmberechtigten und teuren VW-Stamm- sowie der stimmrechtslosen und billigeren Vorzugsaktien des Autobauers sich annähern würden.

Sie kauften also Vorzüge, von denen sie einen Kursanstieg erwarteten - und verkauften geliehene Stämme, um sie nach dem erwarteten Kursrückgang günstig zurückzukaufen. Derartige Spekulationen sind völlig legal. Ungewöhnlich war zunächst nur die gewaltige Höhe der Positionen. Die WestLB hatte zeitweise zehn Millionen Vorzugsaktien in ihren Büchern - zehn Prozent des gesamten Volumens.

Schon vor Weihnachten wurde Breuers vom Vorstand deshalb aufgefordert, die Positionen vorsichtig abzubauen, um einen Kurssturz zu vermeiden. Stolz meldete der Aktienhändler wenige Wochen später eine Reduktion des Bestands um über die Hälfte.

Doch irgendwann, vermutlich ab Anfang März, hat Breuers die Positionen wieder erhöht und die ihm vom Vorstand gesetzten Limits überschritten.

Ein gefährliches Spiel. Und es ging schief. Denn Porsche kaufte im großen Stil die teuren VW-Stammaktien. Der Sportwagenbauer hat so seinen Anteil an den Wolfsburgern auf über 30 Prozent erhöht. Der Kurs der bei der WestLB gebunkerten Vorzugsaktien sank dagegen, relativ zu den Stämmen, drastisch. Buchverlust: knapp hundert Millionen Euro.

Das war der Grund für die fristlose Entlassung von Breuers und dessen Mitarbeiter, die ähnliche Deals vorher auch mit anderen Unternehmenspapieren wie BMW oder Metro unternommen hatten.

Tatsächlich war das sonderbare Verhalten der WestLB Wochen vorher auch schon anderen aufgefallen. Einige Mitarbeiter der Handelsüberwachungsstelle der Frankfurter Börse ahnten, dass etwas nicht stimmte. Die Düsseldorfer hatten mit untypisch hohen Einsätzen gepokert.

Am 5. März beispielsweise wurden auf der elektronischen Handelsplattform insgesamt 32 Millionen VW-Stämme und Vorzüge gehandelt. Ein Drittel davon lief allein über die Bücher der WestLB. Und nach den Recherchen der Handelskontrolleure hat die Bank mit ihrem Kauf- und Verkaufsgebaren an diesem Tag obendrein einen Verlust produziert.

Die Börsenaufseher begannen, der Sache nachzugehen. Die Bank wurde aufgefordert, ihre Strategie für diesen Handelstag offenzulegen. Gab es »individuelle Absprachen mit anderen Handelsteilnehmern, Unternehmen

oder Personen?«, wollten die Kontrolleure wissen. Zudem forderten sie Zugang zu allen Korrespondenzen und Telefonaufzeichnungen, die mit den VW-Handelsaktivitäten zu tun hatten.

Die WestLB machte die Kontrolleure im Gegenzug darauf aufmerksam, dass ein »uns unbekannter Marktteilnehmer in letzter Zeit jeweils zum Ende einer jeden Tagesauktion erhebliche Mengen an Vorzugsaktien als Verkaufsposition in den Handel eingestellt« habe. Das habe den Preis natürlich gedrückt - weswegen die WestLB dann wieder zukaufte und so ihre Buchverluste minimierte. Im Klartext: Es bestand der Verdacht, dass noch ein anderer Akteur bei dem Pokerspiel dabei war.

Erste Recherchen seitens der Bankenaufsicht sowie einer internen Task Force lieferten vergangene Woche ein verblüffendes Ergebnis: Das US-Brokerhaus Bear Stearns war in den Schlussauktionen auffallend oft Handelspartner der WestLB - und mit auffallend hohen Volumina, vor allem bei den VW-Vorzugsaktien.

Bei Bear Stearns arbeiten einige Ex-Kollegen von Breuers. Die Indizien reichten der Bank aus, um Strafanzeige zu stellen: gegen Breuers, seinen Untergebenen - und gegen unbekannt. Die Bankenaufsicht hat vergangenen Freitag eine Sonderprüfung angeordnet.

Angesichts solcher Dimensionen ist es nur natürlich, dass Ende vergangener Woche ein weiterer Deal für Furore sorgte: Es wurde bekannt, dass die WestLB kurzfristig über 14 Prozent der DaimlerChrysler-Aktien hält. Ein Geschäft, das ebenfalls auf den geschassten Breuers zurückgeht - aber völlig legal im Auftrag mehrerer Großinvestoren stattfinde, wie die Bank eilig versicherte.

Dass die Vorgänge auch aufgrund von Fehlern im eigenen Haus so lange unentdeckt blieben, will Bankchef Fischer gar nicht ausschließen. Seinen Mitarbeitern hat er am Donnerstag in einem Rundbrief versprochen, die »Aufgaben, Strukturen und Prozesse unseres Eigenhandels zeitnah zu überprüfen«. Er will auch wissen, ob man die Warnungen »nicht nur rechtzeitig bekommen, sondern auch richtig interpretiert« hat. WOLFGANG REUTER

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 43 / 113
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.