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AFFÄREN Gefällige Partner

Mit ausgetüftelten Methoden haben führende Mitarbeiter der Herstatt-Bank ihr Institut geplündert und sich dabei nach Meinung der Kölner Staatsanwaltschaft bereichert.
aus DER SPIEGEL 36/1976

Sie halten die dickste Bankpleite und den spannendsten Wirtschaftskrimi der Nachkriegszeit ins und die Beute schien ihnen sicher: Dany Dattel verbrachte seine Tage als Frührentner, Iwan D. Herstatt privatisierte und lamentierte über vergangene Tage. Und der dritte aus der Herstatt-Mannschaft machte Karriere.; Bernhard Graf von der Goltz wurde Generalvertreter für Lateinamerika bei der Varta AG, einer Holding des Industriedynasten Herbert Quandt.

Nicht einmal die Bemühungen der Kölner Staatsanwaltschaft oder die Recherchen von Wirtschaftsprüfern beunruhigten die Großspekulanten aus dem Hause Herstatt: Allzu hoffnungslos mußten die Versuche der Rechercheure anmuten, das Gestrüpp hochkomplizierter Transaktionen so zu entwirren, daß sich am Ende aus den vielen schlechten Geschäften der Bank Kriminelles aussondern ließ.

Wochenlang wartete der Kölner Staatsanwalt Manfred Willems darauf, daß die acht wesentlichen Drahtzieher sich ausnahmslos auf deutschem Boden aufhielten. Am vergangenen Donnerstag dann, sechs Uhr morgens einer der Verdächtigen, der Frankfurter Devisenmakler Norbert Arden, war gerade aus dem Urlaub zurück -- schlug Willems zu.

Wegen des Verdachts »gemeinschaftlicher Untreue, Betrugs und Verstößen gegen aktienrechtliche Bestimmungen« ließ er außer Herstatt, von der Goltz und Dattel den Makler Arden und seinen Kollegen Bruno Blaeser, die früheren Herstatt-Direktoren Heinz Hedderich (Ausland) und Kurt Wickel (Geldhandel) verhaften. Auch Bruno Meinen, bis August 1973 Devisenhändler mit Prokura bei Herstatt und inzwischen Schatzmeister des Kölner Eishockey-Clubs, wurde festgenommen.

Nach stundenlangen Verhören gingen alle acht noch am gleichen Tag wegen Flucht- und Verdunkelungsgefahr in Untersuchungshaft.

Die alte Lesart, nach der das Kölner Bankhaus durch größenwahnsinnige Spekulationen. ungewöhnliche Leichtfertigkeit und unprofessionelle Methoden in eine Milliarden-Pleite gerutscht war, wurde über Nacht obsolet: Nicht Leichtsinn oder Spielerpech sind nach Ansicht der Staatsanwaltschaft für das Desaster verantwortlich, sondern kalte Gewinnsucht und Manipulationen zu Lasten der Bank.

»Ich bin getäuscht worden«, hatte der Bankeigner, Versicherungs-Unternehmer Hans Gerling, schon kurz nach der Herstatt-Pleite geahnt. Gerling, der 200 Millionen Mark in die Herstatt-Vergleichsmasse steckte, verlor im Gefolge des Bankenkrachs die Hälfte seines Finanzimperiums.

Die Devisenhasardeure hatten sich bis zuletzt in Sicherheit gewähnt. In den schier unübersehbaren Stapeln von Belegen und Quittungen, Devisenhandeiszetteln und Buchungen mußten sich nach ihrem Kalkül verdächtige Spuren verwischen.

Mit einem allerdings hatten sie nicht gerechnet. Die Rechercheure blieben trotz Rückschlägen hart am Fall -- und bedienten sich modernster Technik.

Die aus Frankfurt angereisten Buchprüfer der Treuhand-Vereinigung AG zum Beispiel übernahmen die Aufgabe, die Devisengeschäfte des Jahres 1973 zu durchleuchten -- mehr als 100 000 Kontrakte. Die Experten tüftelten wochenlang, um den Devisentätern auf die Spur zu kommen. Dann nahmen sie sich jeden einzelnen Vertrag vor.

Sie registrierten Datum und Valuta, Korrespondenzbank und Wechselkurs. Sie verglichen die von den Devisenhändlern telephonisch ausgehandelten und auf vorgedruckte Zettel notierten Werte mit den entsprechenden Zahlen der Devisen- und D-Mark-Buchhaltung und prüften bei den Partnerbanken das Ganze noch einmal nach.

Alle Kontrakte wurden in einen Computer gefüttert, und mit Hilfe eines eigens entwickelten Programms für den angemieteten Rechner gelang es schließlich, bei einigen Dutzend Geschäften auffällige Gemeinsamkeiten festzustellen: Der rote Faden lief meistens über die gleichen Stationen, etwa die Zentralsparkasse Wien, die Kredietbank Antwerpen, die Dresdner Bank Düsseldorf, um schließlich auf Privatkonten in der Schweiz zu enden.

Diesen Verdacht hegt Staatsanwalt Willems schon seit zwei Jahren. Er will nachweisen, daß eine Gruppe von ranghohen Bank-Insidern mit Hilfe einiger außenstehender Komplizen die Bank nach allen Regeln hochentwickelter Wirtschaftskriminalität geplündert hatte. Wenn bei Devisenspekulationen Gewinne anfielen, wurden sie häufig auf die Konten der Devisen-Jongleure transferiert, die Verluste dagegen der Kölner Privatbank voll angelastet.

Bei seinen Ermittlungen fiel Willems schon bald eine Schaltstelle des verzwickten Millionenspiels auf: das Frankfurter Maklerbüro Intervalor Geld- und Devisenmakler GmbH & Co. KG der Herren Arden und Blaeser.

Von Frankfurt aus wurden ganze Ketten von Devisengeschäften geschmiedet, an denen nach Ansicht der Kölner Staatsanwaltschaft eine »Mafia der Devisenhändler« -- einschließlich Dattel, Arden und Blaeser- Millionen verdiente.

Dabei traf es sich, daß Arden in der Schweiz ein Bankhaus eigener Art unterhielt. die Econ-Bank in Zürich. Dieses Institut mochte normale Bankgeschäfte nicht anfassen, dafür aber bewegte es Spekulationsmillionen um so müheloser. Mit Dokumenten will der Staatsanwalt beweisen, daß Dattel und andere Gewinne bei Econ abholten.

Intervalor zählte zu Herstatts größten -- und zu den teuersten -- Kunden im Devisenhandel. Bereits wenige Wochen nach der Eröffnung eines Kontos bei Herstatt (Juni 1971) strichen Arden, Blaeser und ein dritter Kompagnon zusammen mehr als 320 000 Mark Gewinn ein, In den folgenden Jahren machten sie Millionengewinne mit Devisen -- nach Ansicht des Staatsanwalts meist zu Lasten Herstatts.

Die Intervalor war für die Mitspieler im Bankhaus Herstatt beim Verwischen der Spuren von unschätzbarem Wert. Die Geldhändler aus Frankfurt konnten als unabhängige Makler eine Vielzahl von in- und ausländischen Banken gegen geringe Provision einschalten und so Ausgang und Ziel der Transaktion verschleiern.

Ein Herstatt-Devisenhändler zum Beispiel, der als Vertreter der Bank mit sich selbst als Privatmann einen Terminkontrakt abschließen wollte, konnte dank Intervalor dies Geschäft so weit auseinanderziehen -- der Kontrakt wanderte über mehrere Institute -, daß sein Geschäft kaum noch zu identifizieren war.

Daß die Devisenhändler überhaupt das Geld der Bank auf ihre eigenen Konten umleiten konnten, lag an organisatorischen Merkwürdigkeiten im Hause Herstatt -- und an der mutmaßlichen Mitbeteiligung der leitenden Bankherren an illegaler Vermögensbildung.

Der entscheidende Punkt: Anders als die Devisenhändler seriöser Banken durfte Dattel bei seinen Geschäften eine sogenannte »Sonderposition« führen, die ihm allerlei Tricks erlaubte. Er konnte Terminkontrakte nach Belieben aus dem ordnungsmäßigen Rechenwerk der Bank heraushalten, um sie bei passender Gelegenheit wieder hervorzuholen und, mit neuem Datum versehen, nach Bedarf zu verwenden.

Üblicherweise wird ein Termingeschäft -- also etwa der Kauf von Dollar zu einem bestimmten künftigen Zeitpunkt und zu einem bestimmten Kurs -- durch ein Gegengeschäft gesichert, also den Verkauf der gleichen Menge Dollar, sei es ebenfalls auf Termin, sei es per Kasse. Wird kein Gegengeschäft geschlossen, so läuft die Bank das volle Risiko: Setzt sie etwa am 1. Januar für den 1. Juni auf einen Dollarkurs von 2,70 Mark, so verliert sie, wenn der Kurs auf 2,40 sinkt.

Die nicht durch Gegengeschäfte gesicherten Devisenkontrakte machen zusammen die Nettoposition der Bank aus. Sie wurde bei Herstatt durch die nicht ordnungsgemäß erfaßten Geschäfte frisiert, damit das riskante Treiben der Bank nicht erkennbar wurde.

Gleichzeitig ermöglichte die Sonderposition den Herstatt-Devisenverschiebern gewinnträchtige Täuschungs-Geschäfte. Bei den Schein-Termingeschäften etwa arbeiten die Händler mit rückdatierten Verträgen.

stellt der Händler der Bank H beispielsweise am 1. März fest, daß der Dollarkurs der Mark im vergangenen Monat von 2,50 auf 2,70 Mark gestiegen ist, so kann er durch ein einfaches Täuschungsmanöver die Kursspanne für sich nutzen: Er schließt einen Kontrakt mit Datum 1. Februar.

Bank H verkauft also -- nach diesem rückdatierten Vertrag -- am 1. Februar zehn Millionen Dollar per 1. März zum Kurs von 2,50 Mark. Der Käufer ist Bank B. für die Datum und Kurs kaum von Interesse sind, weil sie ohnehin nur als Durchlaufstelle für eine Art Gefälligkeitsgeschäft auftritt.

In Bank B nämlich sitzt ein Händler, der bereit ist, dem Kollegen der Bank H einen Gefallen zu erweisen (gegen eine Gebühr für Bank B).

Bank B, die zehn Millionen Dollar zum günstigen Kurs von 2,50 (bei einem Tageskurs von 2,70 erwarb, gibt diese zehn Millionen -- das war Teil der Absprache -- zum Kurs von 2,5002 an K ab und kassiert dafür eine kleine Marge (in diesem Falle 2000 Mark).

Hinter Käufer K aber verbirgt sich niemand anderes als der Initiator des Geschäfts, der Devisenhändler der Bank H. Er verkauft die günstig erworbenen zehn Millionen zum Kurs von 2.70 Mark und kassiert zwei Millionen Mark abzüglich der aufgelaufenen Spesen. Seine Bank verliert dabei zwei Millionen. Denn sie muß sich zehn Millionen Dollar am Markt zu 2,70 Mark besorgen.

Seinen » Gewinn« leitet der Devisenhändler dann über weitere Schiebegeschäfte auf ein ihm genehmes Konto, etwa bei der Econ-Bank in der Schweiz.

Etliche dieser sorgsam einstudierten Operationen -- nach den bisherigen Ermittlungen endeten zumindest einige Dutzend Geschäfte zugunsten der Verhafteten in der Schweiz -- erreichten so hohe Summen, daß für die Hauptakteure Millionen abfielen, steuerfrei, versteht sich. Häufig landete das Geld zunächst bei der Econ-Bank, gelegentlich wurde es einen Tag später von den Spekulanten in bar abgehoben.

Das jedenfalls glauben die Kölner Staatsanwälte belegen zu können. Gelingt ihnen dieses Kabinettstück, dann hätten sie in der Tat Erstaunliches geleistet. Der Wirtschaftskrimi Herstatt hätte einen für dieses Genre ungewöhnlichen Ausgang: Die Hauptakteure könnten sich nicht auf ein sorgenfreies Happy-End freuen, sondern müßten, wie Bankräuber oder Taschendiebe, in den Knast.

Vor zwei Jahren wollten die Herstatt-Oberen von Manipulationen in ihrem Hause nichts geahnt haben. »Ich habe von allem nichts gewußt«, pflegte Altbankier Herstatt zu beschwören. lind auch sein Generalbevollmächtigter von der Goltz war nach eigenem Bekunden bös getäuscht worden, als die Millionen der Bank immer rascher versickerten.

Der Staatsanwalt sieht das anders. Willems zu den Unschuldsbeteuerungen der Verhafteten: »Alles Unfug.«

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