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Märkte Gefahr vom Eierboß

Aus Furcht vor niedrigen Eierpreisen wollen Bauernfunktionäre den Bau der modernsten deutschen Eierfabrik verhindern.
aus DER SPIEGEL 32/1972

Das niedersächsische Landwirtschaftsministerium richtete an die Hamburger Wasser- und Schiffahrtsdirektion ein »dringendes Ersuchen«, dem oldenburgischen Geflügelfarmer Anton Pohlmann, 32, keine Staatsländereien zu verkaufen. Grund: Der Jungunternehmer wolle in Lüder am Elb-Seitenkanal ein Hühner-Kombinat errichten, das auf dem deutschen Eiermarkt eine Katastrophe heraufbeschwöre.

Mit der Intervention folgten die Ministerialbeamten dem Drängen westdeutscher Bauernverbände, eine Geschäftsausweitung des in Nellinghof bei Vechta residierenden Besitzers der »Holdorfer Frischei KG« unter allen Umständen zu verhindern.

Wachsame Bauernfunktionäre hatten nämlich erfahren, daß auf der geplanten Großfarm »mindestens zwei Millionen Tiere unter ständigem Legestreß stehen sollen. Wie der Präsident der Landwirtschaftskammer Hannover, Walter Blume, in einem Protest-Brief an den zuständigen Regierungspräsidenten konstatierte, käme die Federvieh-Invasion einer »Erhöhung der deutschen Eierproduktion um 3.3 Prozent gleich« und müsse in der von Überproduktion bedrohten Branche »das Faß zum Überlaufen« bringen.

Westdeutschlands 1,3 Millionen landwirtschaftliche und gewerbliche Eierproduzenten, die im vergangenen Jahr 15,4 Milliarden Eier auf den Markt warfen, fürchten durch Pohlmann ein Preisfiasko. Denn nach einem Gutachten. daß der Hühnerboß vor einigen Monaten anfertigen ließ, könnte das Unternehmen selbst bei niedrigsten Eierpreisen immer noch rentabel arbeiten.

Die Eierfabrik am Elbe-Seitenkanal soll neben Aufzuchtställen und Lege-Batterien auch ein eigenes Kraftfutterwerk, einen Schlachthof und moderne »Vermarktungseinrichtungen enthalten. Eine der Großeierei angeschlossene Nahrungsmittelfabrik wäre zudem in der Lage, sinkende Eierpreise durch die Herstellung von Fertiggerichten und Teigwaren aufzufangen. Kosten des Gesamtprojekts: rund 60 Millionen Mark.

Ermutigt zu solchen Investitionen wurde der Hühnerfarmer nicht zuletzt durch die Aussicht auf fette Staatssubventionen. Nach dem am 1. Januar 1972 in Kraft getretenen Rahmenplan zur Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur dürfen neue Betriebe im Zonenrandgebiet Zuschüsse bis zu 25 Prozent der Investitionssumme kassieren.

Um die in Rage geratenen Funktionäre der Grünen Front zu besänftigen. ließ Pohlmann inzwischen die Nachricht verbreiten, er werde mit zahlreichen Bauern in der Nähe seiner Großfarm »günstige Mais-Anbau-Verträge« abschließen. In einem Brief an den Lüneburger Regierungspräsidenten Hans-Rainer Frede bot er dem Landvolk außerdem »kostenlose Düngung mit Hühnerkot« an,

Auf die Bauernverbände machte das Mistangebot freilich wenig Eindruck. Denn die meisten Eier-Erzeuger haben noch immer nicht die Krisenjahre 1970/71 verkraftet. Nicht-Landwirte wie der westfälische Textilfabrikant Fritz Karl Schulte (Schulte & Dieckhoff) und Johannes Mohn, Sohn des Bertelsmann-Verlag-Inhabers Reinhard Mohn, hatten Mitte der sechziger Jahre ihre Eier-Produktion so ausgedehnt, daß die Preise zu purzeln begannen.

Auf dem Höhepunkt der Krise konnten viele Betriebe mit ihren Fiererlösen nicht einmal die Produktionskosten decken. Statt der bis dahin üblichen zwölf bis 15 Pfennig pro Ei bekamen sie zeitweilig nur noch sieben Pfennig. Um weiteren Verlusten vorzubeugen, gründeten die Geflügelhalter Mitte vergangenen Jahres einen Stabilisierungs-Fonds, dem 70 Prozent der Züchter beitraten. Anfang dieses Jahres beschloß die Eierallianz einen zeitweiligen Brutstopp, der die Gefahr einer neuen Krise zunächst einmal bannte.

Die Beschlüsse des Eierfonds, dem die Bundesregierung ein Startdarlehen von 9,5 Millionen Mark gewährte, gelten freilich nicht für den Nellmghofer Pohlmann. Der Jungunternehmer weigert sich beharrlich, dem Krisenbund beizutreten, weil »in der EWG so etwas nutzlos ist«.

Tatsächlich gibt es in der EWG nirgends so einschneidende Selbstbeschränkungs-Beschlüsse wie in der Bundesrepublik. so daß der fremde Eiersegen ungehindert die Grenze passieren kann.

Gleichwohl hat die Grüne Front gegen Pohlmann sogar die Bundesregierung mobilisiert. In einer Fragestunde des Bundestages erklärte Staatssekretär Fritz Logemann, für den Nellinghofer werde es »weder aus dem Zonenrandprogramm noch aus anderen Quellen Mittel geben«.

Der verfemte Eiermann will sich von Bauernfunktionären und Politikern jedoch nicht aus dem Geschäft drängen lassen. Pohlmann: »Wenn die Herren nicht wollen, werde ich meinen Großbetrieb in einem anderen EWG-Land aufbauen.«

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