Zur Ausgabe
Artikel 35 / 96
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

»Gegen den Rest der Welt«

Die erste Bilanz der neuen Treuhand-Chefin Birgit Breuel ist gar nicht so schlecht: Die Zahl der Privatisierungen steigt. Doch zufriedene Kunden sind aber immer noch recht selten. Grabenkämpfe und politische Querelen erschweren die Arbeit der Mammutbehörde, der Zickzackkurs der Präsidentin verunsichert die Mitarbeiter.
aus DER SPIEGEL 31/1991

Die Mitarbeiter der Berliner Treuhand-Zentrale sind bei vielen Ostdeutschen gefürchtet. Sie gelten als brutale Jobkiller, die mit einer Daumenbewegung über Zehntausende von Arbeitsplätzen und das Schicksal ganzer Regionen entscheiden.

Doch nun zittern die Treuhand-Beschäftigten selbst um ihren Job. Personalvorstand Alexander Koch wies alle 54 Direktoren an, ihm jene Mitarbeiter zu nennen, die unterqualifiziert oder sichtbar überfordert sind.

Zu viele und zu schlechte Leute stiegen in den zurückliegenden drei Monaten bei der Treuhand ein. Die neue Präsidentin Birgit Breuel wollte schnelle Erfolge produzieren. Doch das Geschäft läuft zäh. Immer neue Einzelfragen tauchten auf, immer mehr Referenten wurden gebraucht.

Jetzt erschreckt auch die Treuhand-Spitze vor dem »bürokratischen Moloch« (Unternehmerverband Berlin-Brandenburg), der unter ihr aufquoll. Mehr als 3300 Leute beschäftigt die Berliner Umbau-Agentur mittlerweile. Schrittweise soll der Stamm von Mitarbeitern auf 2000 verringert werden.

Das wird für die Betroffenen hart. Denn Gehälter, wie die Treuhand sie _(* Mit Berlins Bürgermeisterin Christine ) _(Bergmann und Treuhand-Vorstand Alexander ) _(Koch. ) zahlt, sind in der freien Wirtschaft selten. Hochschulabsolventen ohne Prädikatsexamen steigen, frisch von der Uni, mit einem Jahresgehalt von 100 000 Mark ein. Auch die Abteilungsleiter der Treuhand haben mit 180 000 bis 230 000 Mark plus Mercedes 230 als Dienstwagen, die Direktoren mit rund 300 000 Mark und Mercedes 260 überdurchschnittlich gut dotierte Posten.

Die Gefahr, durch Massenentlassungen den Rückhalt im eigenen Haus zu verlieren, trifft Birgit Breuel zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Ungeschicktes Taktieren beim Streit um die Beschäftigungsgesellschaften hat die Chefin des Hauses in eine bedenkliche Isolation manövriert.

Zunächst lehnte Birgit Breuel jede Form von Beteiligung an den Beschäftigungsgesellschaften ab. Diese radikale Haltung trieb sogar Arbeitgeber und Bonner Regierungspolitiker auf Distanz zu der spröden Norddeutschen.

Schließlich mußte sich die Treuhand-Chefin doch auf einen Kompromiß einlassen. Nun beteiligt sich die Anstalt mit 10 Prozent an Trägergesellschaften. Unter deren Dach bilden sich dann die Beschäftigungsfirmen.

Der Breuel-Stil, erst Härte zu zeigen, dann einzulenken, ist fast schon ein Markenzeichen der Präsidentin. Die Bezeichnung »Eiserne Lady« versteht sie als Kompliment. Sie fürchtet, die anderen könnten noch mehr verlangen, wenn sie zu früh Nachgiebigkeit zeigt.

Die Treuhand müsse eben eine Zeitlang »den Watschenmann der Nation« spielen, hatte Breuels Vorgänger Detlev Rohwedder gesagt. Doch die meisten Mitarbeiter wollen endlich in Ruhe arbeiten. »Immer gegen den Rest der Welt zu kämpfen«, mahnt ein Vorstandsmitglied, »das halten wir nicht mehr lange aus.«

Aber »Madame«, wie viele ihrer Kollegen sie nennen, kann wahrscheinlich gar nicht anders. Zu erfolgreich funktionierte in ihrer bisherigen Karriere als Bürgerschaftsabgeordnete in Hamburg und als Wirtschafts- und Finanzministerin in Hannover die Methode, sich in schwierigen und unübersichtlichen Situationen in die festen Prinzipien ihres klaren Weltbildes zu retten. Dort gibt es Sicherheit.

Ihre Positionen sind stets eindeutig. Gegen den »Staatsinterventionismus« und »für das freie Wirken der Marktkräfte« kämpfte sie früher. »Strukturpolitik ist nicht Aufgabe der Treuhand« heißt die aktuelle Parole.

Das mag ihr helfen. Ihre Umwelt läßt die Flucht ins Prinzipielle häufig ratlos. Die drängenden konkreten Fragen von Geschäftsführern und Betriebsräten streift die Politikerin, im industriellen Management unerfahren, am liebsten nur am Rande. Dem Treuhand-Apparat blieben diese Schwächen nicht verborgen. Als Birgit Breuel nach Rohwedders Tod dessen persönlichen Referenten und seine beiden Sekretärinnen übernehmen wollte, winkten alle drei ab. »Madame« machte den Wirtschaftsjuristen Wolfgang Müller-Stöfen, den Mann ihrer Cousine, zu ihrem Generalbevollmächtigten.

Verständlich ist, daß die neue Präsidentin in ihrer Nähe einen braucht, dem sie ohne Vorbehalt vertrauen kann. Wie zwingend es allerdings war, die New Yorker Repräsentanz der Treuhand an die Anwaltskanzlei Sullivan & Cromwell zu übergeben, in der Müller-Stöfen früher tätig war, ist umstritten. Und ob die Firma Bruckhaus Westrick Stegemann, in der Müller-Stöfen bis April dieses Jahres als Partner agierte, überdurchschnittlich viele Treuhand-Aufträge bekommt, wie gemunkelt wird, bleibt wegen mangelnder Transparenz der Anstalt im ungewissen.

Ein Mann wie Müller-Stöfen ist für Breuel besonders wichtig. Zu tief sitzt ihre Skepsis gegenüber dem Apparat Treuhand, dessen Grundstein der sozialistische Premier Hans Modrow legte und dessen personellen Grundstock die Apparatschiks der SED stellten.

Arbeit und Ergebnisse preßt die Präsidentin der Bürokratie im alten Haus der Ministerien gleichwohl ab. Sie läßt sich gut zuarbeiten, fordert klare Vorlagen ein, erscheint gut vorbereitet zu Sitzungen, stellt präzise Fragen.

Ihr Führungsstil sei behördenhafter, mäkeln einige, die den größeren Freiheiten unter Rohwedder nachtrauern. Birgit Breuels bisherige Bilanz ist allerdings, auf den ersten Blick, so schlecht nicht. Die Zahl der erfolgreich abgeschlossenen Privatisierungen steigt langsam, aber beständig; gleiches gilt für Liquidationen und Sanierungsfälle. Zufriedene Kunden sind jedoch immer noch in der Minderheit. Westdeutsche Geschäftsleute beschweren sich, daß sie von der Treuhand keine Antworten auf ihre Investitionsvorschläge bekommen; dem japanischen Großinvestor Hajemi Tomita wurden immer noch keine Grundstücke zugewiesen, die er kaufen kann.

Am »organisatorischen Treuhand-Dschungel« (Handelsblatt) hat sich offensichtlich soviel nicht geändert. Früher wußte in der Treuhand niemand, wo es langging, weil der Apparat noch im Aufbau war. Jetzt ist die Behörde komplett - und jetzt hakt es, weil die Belegschaft des Großunternehmens in viele Teilgruppen zerfällt. Ossis kämpfen gegen Wessis, Ex-Beamte gegen Ex-Manager und, wie ein Mitarbeiter spottet, »Yuppies gegen die Rentnerband«.

Vor allem lähmen politische Querelen den Apparat. Die Illusion neuer Mitarbeiter, bei der Treuhand ginge es lediglich um Sachfragen, hält meist nur wenige Tage. »Das ist ja schlimmer als in einer öffentlich-rechtlichen Anstalt«, urteilt ein Neuzugang nach seiner ersten Lektion in Cliquen-Gerangel.

Der Verwaltungsrat sei »eine überraschend politische Veranstaltung«, entfuhr es Hero Brahms, seit Juni neuer Vizepräsident der Treuhand. Mehr will der ehemalige Finanzchef von Hoesch und Rohwedder-Weggefährte zu diesem heißen Thema nicht sagen.

Brahms gehört, mit den Worten der nord- und süddeutschen Konservativen in der Treuhand-Spitze, zur »auf der SPD-Schiene reingerauschten NRW-Mafia«. Zwischen beiden Lagern gibt es, allen Breuelschen Beschwörungen von Schulterschluß zum Trotz, heftige Auseinandersetzungen.

Der »Düsseldorfer Sozi-Klüngel«, wie die Schwarzen lästern, versteht den Privatisierungs- und Sanierungsauftrag ganz anders als die strengen Marktwirtschaftler aus dem CDU-Lager.

Die Zeit der großen Privatisierungen und Liquidationen gehe in den nächsten Jahren wohl zu Ende, verkündet Hero Brahms. »Auf die Dauer«, so der Vize, »muß die Treuhand fähig werden, Industrieunternehmen professionell und konstruktiv zu begleiten.«

Brahms bekennt sich offen zum Sanierungsauftrag der Treuhand. »Bei unrentablen Firmen können wir doch nicht einfach ,Klappe zu'' machen«, meint er. »Wir müssen natürlich fragen: Was würde es kosten, einen oder tausend Arbeitsplätze zu gesunden?«

Die Praxis der Treuhänder ist dieser Linie schon jetzt sehr viel näher, als die Breuelsche Rhetorik vermuten läßt. Die Berliner Zentrale finanziert, über Kreditbürgschaften, marode Unternehmen, damit dort die Produktionsanlagen modernisiert und wettbewerbsfähige Produkte hergestellt werden können. Zum Aufbau einer modernen Spinnerei in Sachsen wurden beispielsweise 40 Millionen Mark bereitgestellt. 550 Millionen Mark fließen in die Standorte Buna und Leuna, um die Chemie-Industrie zu retten. Für die Qualitäts- und Edelstahl AG in Brandenburg gab es Geld zur »Modernisierung bewährter Erzeugnislinien«.

Das Geld aus Berlin weckt neue Begehrlichkeiten. »Wir fordern eine ebensolche Unterstützung, wie sie die Treuhand in Milliardenhöhe den Standorten Jena, Eisenach und Sondershausen gewährt hat«, schrieb der Betriebsrat des Robotron Büromaschinenwerks in Sömmerda Anfang Juli an die Treuhand-Chefin. Doch der Hinweis auf andere Beispiele nutzt nichts. In der strittigen Sanierungsfrage gibt es keinen klaren Kurs der Treuhand.

Ein typisches Beispiel lieferte die Vorstandssitzung Mitte Juni: Es ging darum, »dauerhaft sanierungsfähige Unternehmen der chemischen Industrie sowie der Glas- und Keramikindustrie« (Beschlußvorlage) um Cottbus und Suhl zu stützen.

Das Problem der Lausitzer und Thüringer Firmen: Weil sie mit teurem Stadtgas statt mit Erdgas arbeiten, sind ihre Preise trotz der vorhandenen modernen Technik nicht wettbewerbsfähig.

Im Treuhand-Vorstand sprachen sich einige Mitglieder dafür aus, 137 Millionen Mark bereitzustellen, um die Differenz der Gaspreise auszugleichen. Da in zwei Jahren die Erdgasleitungen in diese Regionen stehen, meinten sie, sei es sinnvoll, die an sich gut arbeitende Industrie bis dahin zu stützen.

Birgit Breuel sah das anders. Bei ihr war nur »Subventionierung der Energiepreise« angekommen. Das verstößt, dozierte sie, gegen die Prinzipien der Marktwirtschaft. Die Mehrheit der Vorständler folgte ihr. Und schon gab es einige tausend Arbeitslose mehr.

Nicht minder kontrovers war der nächste Punkt der Tagesordnung: Sollen die Treuhand-Vorständler erster oder zweiter Klasse fliegen? »Der Stolpe fliegt immer nur zweiter Klasse nach Bonn«, berichtete eine der sieben Treuhand-Spitzen. Es sei ihm richtig peinlich, vorn zu sitzen, wenn der brandenburgische Ministerpräsident nach hinten gehe.

Auch in dieser Frage focht die Präsidentin für ein Grundsatzurteil ohne Rücksicht auf persönliche Empfindsamkeiten. Der Treuhand-Vorstand, glaubt sie, gehört in die erste Klasse.

* Mit Berlins Bürgermeisterin Christine Bergmann undTreuhand-Vorstand Alexander Koch.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 35 / 96
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.