Zur Ausgabe
Artikel 40 / 102
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

INVESTOREN Gegenwind aus dem Kreml

Ein russischer Energiebaron will in der Nordsee einen Windpark bauen. Doch Putins Regierung hat mit dem Ex-Gasprom-Aufsichtsrat noch eine Rechnung offen.
Von Beat Balzli
aus DER SPIEGEL 9/2005

Im Emdener Rathaus ist der Vorgang als »Chefsache« klassifiziert.Seit Großinvestor Arngolt Bekker mit seinen zwei Geschäftsführern undeiner Dolmetscherin vor Weihnachten zu Besuch war, träumt diepolitische Elite des Ostfriesenstädtchens vom ganz großen Geld.

Die geheime Unterredung mit Oberbürgermeister Alwin Brinkmanndauerte von 11 bis 12.30 Uhr. Dann sah sich der SPD-Politiker einmalmehr bestätigt, die Region »zu einem bedeutenden Standort fürregenerative Energie« zu entwickeln. Sein Gast aus Bremen denkt ingigantischen Dimensionen. »Herr Bekker will vor der Küste bis zu 200Windkraftanlagen installieren«, sagt Brinkmann. Er plane da draußen einriesiges Kraftwerk. Und seine Bonität sei exzellent.

Nördlich von Borkum sollen in einer ersten Phase für über 500Millionen Euro 80 Generatoren installiert werden. Für Fertigung,Vormontage, Wartung und Seetransport plant Bekkers Firma BardEngineering einen Basishafen in Emden.

Ob Bekker das Mammutprojekt allerdings ungestört durchziehen kann,scheint fraglich. Denn er gehört nicht zu den üblichen Verdächtigen derökobeseelten Windkraftszene, sondern zur Fraktion russischerEnergiebarone: Das sind schillernde Geschäftsleute, die unter demEx-Präsidenten Boris Jelzin Milliarden verdienten - und jetzt vonWladimir Putins Regierung torpediert werden. Obwohl Bekker und seineFamilie seit zwei Jahren in Deutschland leben, fürchten sie MoskausRache offenbar mehr denn je.

Der Ex-Aufsichtsrat des Energieriesen Gasprom heuerte kurz nachNeujahr eine private Sicherheitsfirma an und schaltete auch die Polizeiein. Über einen befreundeten Major des Geheimdienstes soll Bekker zuvorerfahren haben, dass er in russischen Regierungskreisen scharfkritisiert wird. »Wir haben entsprechende Schutzmaßnahmen getroffen«,bestätigt Wilhelm Weber, Leiter der Abteilung Gewaltdelikte imLandeskriminalamt Bremen.

Der Gegenwind aus dem Kreml trifft Bekker nicht zufällig. DasZerwürfnis hat eine lange Vorgeschichte.

Mit dem Ende der alten Sowjetunion witterte auch Bekker seineChance. Er räumte seinen Stuhl als hoher Funktionär im Gasministeriumund stieg Anfang der neunziger Jahre mit der frischgegründeten FirmaStroitransgas ins Energiegeschäft ein. Dank exzellenter Beziehungen inden Moskauer Machtapparat liefen die Geschäfte bald blendend.

Für den Gasmonopolisten Gasprom verlegte Bekkers Truppe etlichePipelines und kassierte dabei fürstlich. Dank Großaufträgen von Gaspromboomte das Unternehmen. Doch nach dem Machtwechsel im Kreml mutierteauch die Erfolgsgeschichte von Stroitransgas zum Skandal.

»Gasprom im Kreuzfeuer«, titelte das US-Magazin »Business Week« Ende2000. Es bestand der Verdacht, dass der Monopolist von einem familiärenNetzwerk mit Hilfe überhöhter Rechnungen systematisch ausgenommenworden war. Tatsächlich saß Bekker zu diesem Zeitpunkt immer noch imAufsichtsrat von Gasprom. Die Tochter von Gasprom-Chef Rem Wjachirewhielt eine Beteiligung an Stroitransgas.

Eine zentrale Rolle in der Affäre spielte zudem der ehemaligeMinisterpräsident Wiktor Tschernomyrdin. Vor seiner Berufung in dieRegierung hatte er als Chef von Gasprom die Fäden in der Hand.

Kurz vor seinem Abgang aus der Regierung hatte Tschernomyrdin imFebruar 1998 Stroitransgas noch einen staatlichen Großauftrag für denBau verschiedener Pipelines zugeschanzt. Darüber konnten sich auchseine Söhne freuen, die ebenso wie Bekkers Kinder Aktien desUnternehmens besaßen.

Der Pipelinebauer war zudem bereits 1995 in den Besitz einerBeteiligung an Gasprom gekommen. Für lächerliche 2,5 Millionen Dollarwechselte ein 4,8-Prozent-Paket in die Bücher von Stroitransgas.

Obwohl Bekker alle Vorwürfe bestritt, musste er auf einemAktionärstreffen von Gasprom im Juni 2001 kapitulieren. Er verlorseinen Posten als Aufsichtsrat, Putins Mannschaft gewann endgültig dieKontrolle über das Gremium.

Laut Insidern soll der Kreml in den folgenden Monaten von ihmumgerechnet über 170 Millionen Euro gefordert haben, um die Affäre zuvergessen. Doch Bekker weigerte sich offenbar und bekam daraufhinunmissverständliche Drohungen vom russischen Geheimdienst. Schließlichverkaufte er seine Stroitransgas-Anteile und setzte sich mit Familieund Vermögen nach Deutschland ab.

Allein an einem Tag im Dezember 2002 flossen auf neun Bremer Kontendes Clans insgesamt 83,6 Millionen Dollar. Das Geld kam direkt ausMoskau, was hierzulande entsprechende Ermittlungen wegen des Verdachtsauf Geldwäsche auslöste. Entgegen der üblichen Vorgehensweise startetedie Deutsche Botschaft in Moskau beim Innenministerium eine Anfrage,die allerdings nichts Illegales zutage förderte.

Wollen russische Kreise jetzt alte Rechnungen einkassieren? Bekkerschweigt dazu. »Er will nichts mit der Presse zu tun haben«, blocktsein Assistent ab.

Oberbürgermeister Brinkmann schwärmt von seinem Investor jedenfallsweiter in den höchsten Tönen: »Er wirkt sehr seriös und weiß genau, waser will.« Das nächste Treffen ist für Anfang März geplant.

BEAT BALZLI

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 40 / 102
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.