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Gegner Nummer eins

Die Telekom schmiedet eine Allianz mit der Kirch-Gruppe.
Von Frank Dohmen und Hans-Jürgen Jakobs
aus DER SPIEGEL 5/1999

Noch vor einem Jahr planten sie einträchtig eine starke Allianz für das Fernsehen der Zukunft: die Konzerne Deutsche Telekom, Kirch-Gruppe und Bertelsmann.

Aus dem flotten Dreier, der vor der EU-Kommission aus kartellrechtlichen Gründen scheiterte, entwickelt sich nun ein Kampf zweier Blöcke: Telekom-Chef Ron Sommer plant eine enge Kooperation mit dem Münchner Medienunternehmer Leo Kirch - gegen Bertelsmann und dessen Verbündeten, die französische Mediengruppe Havas.

Das jedenfalls ist die Konsequenz einer internen Telekom-Studie. Sie ergab: Der Gütersloher Medienriese ist im Multimedia-Geschäft - etwa mit Online-Angeboten im Internet - »der Gegner Nummer eins«. Und: Der einstige Monopolist braucht dringend attraktive Inhalte und Programme.

Genau dafür soll Kirch als größter europäischer Filmhändler nun sorgen. Mit seinen Kinohits, Serien, Musikaufzeichnungen und Informationssendungen will Sommer die TV-Kabelnetze der Telekom und den Internet-Dienst T-Online stärken.

In den Geheimverhandlungen, die Vorstand Gerd Tenzer mit Kirch führt, spielen etwa Spielfilmpakete und eigene Kanäle von Hollywood-Studios eine Rolle, die Kirch für sein Digitalfernsehen akquiriert hat. Den Anfang der Kooperation soll ein Filmkanal von Universal Pictures mit Werken wie »Schweinchen Babe in der großen Stadt« machen.

Das Entertainment-Angebot will die Telekom demnächst zusammen mit anderen Programmen bei den knapp 18 Millionen Kabelkunden vermarkten. Das Geschäft läuft über mehrere regionale Kabelgesellschaften, die das Telekom-Kabelnetz noch in diesem Jahr übernehmen werden und an denen Sommers Konzern jeweils Anteile hält.

Pläne von Großinvestoren wie der Deutschen Bank, das gesamte Kabelsystem der Telekom zu kaufen, sind inzwischen wenig realistisch. Der Preis von rund neun Milliarden Mark stimmte aus Telekom-Sicht nicht.

Für das schöne neue Fernsehen und die superschnellen Online-Dienste setzt die Telekom auf das Zusatzgerät d-box der Kirch-Gruppe. Dieser vor Jahren entwickelte Decoder, der zum Empfang von Digitalprogrammen nötig ist, wird derzeit aufgerüstet und multimediatauglich gemacht. Die zweite Gerätegeneration, die im Sommer vorgestellt wird, ermöglicht auch den Empfang des Internet über den TV-Bildschirm, sagt Kirchs Chefentwickler Gabor Toth.

Die Telekom plant, sich an Kirchs Tochtergesellschaft Beta Research, die die neue Technik vorantreibt, zu beteiligen. Anschließend soll die Forschungsfirma, die zu einer Beteiligungsholding Kirchs gehört, an die Börse gebracht werden. Nach dem dort erzielten Aktienwert soll sich dann der Preis für die Telekom-Anteile richten.

Die Ehe mit Kirch hat auch gravierende Auswirkungen auf das Online-Geschäft. »Wir haben ein schnelles, leistungsstarkes Netz aufgebaut, uns fehlen aber auch dort exklusive Inhalte«, erklärt ein Telekom-Manager. Dafür sollen nun Kirch und der Axel Springer Verlag sorgen, an dem der Filmhändler beteiligt ist. Der Datendienst America Online, den Bertelsmann betreibt, hätte somit ein starkes Gegengewicht.

FRANK DOHMEN, HANS-JÜRGEN JAKOBS

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