Gehälter in der IT-Branche Die Elite legt zu, Einsteiger verlieren

Die Gehälter von IT-Spezialisten sind im Schnitt kräftig angestiegen, Hardware-Entwickler legen besonders stark zu. Doch an Berufseinsteigern geht der Gehälter-Boom vorbei. Ein Überblick über Gewinner und Verlierer.

Von Peter Ilg


Ellwangen – Kurz vor dem Beginn der Cebit in Hannover präsentiert die IG Metall ihre Gehälterstudie über Löhne in der Informationstechnologie- und Telekommunikationsbranche. Sie basiert auf den Daten von 26.000 Beschäftigten in 52 Unternehmen und zeigt die Jahresgehälter in 16 typischen Berufsfeldern der Branche.

Insgesamt sind die Gehälter in Unternehmen der Informations- und Telekommunikationstechnologie (ITK) gestiegen, mit deutlichen Schwankungen innerhalb der einzelnen Berufsfamilien.

Mit einer Steigerung von 10,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr sind Beschäftigte im Hardware-Engineering die Gewinner. Für die Entwicklung neuer Computer werden zunehmend Fachleute gebraucht, und bekanntlich sind knappe Güter teuer. Junior-Entwickler steigen mit etwa 50.000 Euro Jahresbruttogehalt ein, als Senior stehen bereits 11.000 Euro mehr auf dem Gehaltszettel - und Leiter der Hardware-Entwicklung verdienen rund 86.000 Euro jährlich. Die Begründung liefert der Branchenverband Bitkom: Der Umsatz mit ITK-Hardware hat sich seit 1995 auf über 13 Milliarden Euro fast verdoppelt.

Den Angaben zugrunde liegt eine 35-Stunden-Woche. Berücksichtigt wurden Urlaubsgeld, 13. Monatsgehalt sowie Jahressonderzahlungen.

Überraschender Befund: Berater auf der Verliererseite

Studienautorin Ingrid Mai von der IG Metall schätzt, dass etwa zwei Drittel aller Berufsanfänger mit Hochschulabschluss nach Tarif bezahlt werden. Berufseinsteiger erhalten meist ein Fixgehalt ohne oder mit nur geringem variablen Anteil. "Es wäre auch nicht korrekt, das Gehalt Berufsunerfahrener zu einem hohen Prozentsatz vom Erfolg abhängig zu machen", sagt Ingrid Mai. Variable Gehaltsbestandteile, meist abhängig vom Unternehmenserfolg oder der Ereichung individueller Ziele, werden in allen Jobfamilien bezahlt. Die Tendenz dabei ist eindeutig: Je höher ein Mitarbeiter in der Hierarchie, umso größer ist der erfolgsabhängige Anteil am Einkommen.

Typischerweise ist der variable Gehaltsbestandteil von Mitarbeitern im Vertrieb am höchsten. Ein Drittel des Einkommens der Verkäufer ist variabel. Dann folgen Engineering, Service und Consulting mit jeweils 15 Prozent.

Die Berater zählen zu den Verlierern bei den Gehaltssteigerungen. Während in den vergangenen fünf Jahren die Gehälter im Bereich Consulting um 50 Prozent zulegten, konnten sie jetzt nur noch einen Zuwachs von 5,3 Prozent verbuchen. Das überrascht – denn IT-Beratungsunternehmen haben im vergangenen Jahr etwa die Hälfte aller Stellenangebote für IT-Profis geschaltet. Zu diesem Ergebnis kommt der Personaldienstleister Adecco in seinem Stellenindex, für den überregionale Tages- sowie Fachzeitungen ausgewertet wurden. Bei den Beratern scheint das Prinzip, dass Angebot und Nachfrage den Preis regeln, nicht zu funktionieren.

Ungekrönte Einkommenskönige

Zu den Spitzenverdienern in der Branche gehören - mit knapp 100.000 Euro Jahresgehalt - die Leiter von Rechenzentren. Dem Großrechner wurde zwar schon vor Jahrzehnten regelmäßig sein nahes Ende prophezeit - doch die Dinos der Datenverarbeitung leben immer noch und verrichten ihre Dienste überwiegend bei Banken und Versicherungen, den typischen Anwendern von Großrechner-Applikationen.

Weil in den vergangenen Jahren die Ausbildung am Mainframe an den Hochschulen vernachlässigt wurde, sind Host-Experten rar. Nach den kräftigen Erhöhungen der Entgelte im Vorjahr fiel das Wachstum mit 1,9 Prozent über die gesamte Berufsfamilie allerdings deutlich bescheidener aus. Die unteren Gehaltsstufen mussten gar Einbußen bis zu zehn Prozent hinnehmen.

Dasselbe gilt für den Bereich Service. Hier wurde Einsteigern knapp sechs Prozent weniger Gehalt überwiesen, während Erfahrene und Führungskräfte fast neun Prozent mehr bekamen. Tendenziell dasselbe Bild ergibt sich für Vertriebsmitarbeiter: unten weniger, oben ein deutlicher Zuwachs. Insgesamt liegt das Wachstum hier bei 4,5 Prozent. Vertriebschefs kommen im Schnitt auf etwa 130.000 Euro Jahresgehalt. Sie sind damit die ungekrönten Einkommenskönige unter den IT-Führungskräften.

Einen Ansatz zur Erklärung für den Rückgang oder nur geringen Gehaltszuwachs bei den Einsteigern liefert Bernhard Hohn, Fachmann für IT-Berufe bei der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung in Bonn: "In nahezu allen Stellenanzeigen wird Berufserfahrung verlangt." Deshalb profitieren vor allem Fachkräfte mit praktischer Erfahrung von der positiven Entwicklung am Informatiker-Arbeitsmarkt.

Ingesamt sind die Jobaussichten für IT-Spezialisten so gut wie schon lange nicht mehr. In der ITK-Branche sind aktuell rund 20.000 Stellen zu besetzen, wie eine Studie des Bitkom jüngst ergab. Gefragt sind vor allem Softwareentwickler, IT-Berater und IT-Projektmanager. Deshalb hat die IG Metall auch erstmals die Jobfamilie Projektmanagement in ihre Untersuchung aufgenommen. Das Einstiegsgehalt liegt hier im Schnitt bei rund 53.500 Euro, erfahrene Projektleiter verdienen knapp 86.000 Euro jährlich.

Auch freiberufliche Computerspezialisten können sich über höhere Honorare freuen. "Unsere Stundensatz-Auswertung zeigt im Jahresvergleich einen durchschnittlichen Anstieg um zwei Euro auf nun 68 Euro", so Karl Trageiser, Geschäftsführer von Gulp. Das Unternehmen vermittelt Freiberufler für IT-Projekte und hat 60.000 Profile gespeichert.

"Trotz der Honorarsteigerung sind wir aber noch Welten von den Sätzen aus den Boomzeiten entfernt, die um das Jahr 2000 bei weit über 70 Euro lagen", relativiert Trageiser die aktuelle Honorarentwicklung. Der Absturz der New Economy hat die Branche auf den Boden der Realität zurückgeholt – endgültig.



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