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AUFSICHTSRÄTE Gehorsamster Becher

Mit Hilfe der Deutschen Bank zieht ein ehemals hochrangiger SS-Mann in den Hapag-Lloyd-Aufsichtsrat ein.
aus DER SPIEGEL 30/1982

Andreas Kleffel, pensionierter Vorstand der Deutschen Bank und Aufsichtsratsvorsitzender des Reederei-Konzerns Hapag-Lloyd, ist in der Schifffahrtsstadt Bremen ohne Fortune.

Im Frühjahr 1982 brachte Kleffel die Bremer und den Hapag-Lloyd-Betriebsrat gegen sich auf, weil er wichtige Betriebsabteilungen von der Weser an die Elbe verschob. Horst Willner, in Bremen ansässiger Vorstand des Unternehmens, trat aus Protest zurück.

Aus dem gleichen Grunde verließ auch Walther Jacobs, Senior der Bremer Kaffee-Firma Joh. Jacobs, den Aufsichtsrat der Schiffahrtsgruppe. Während aber Willner in Bremen nicht ersetzt wird, suchten Kleffel und sein Aufsichtsrat für Jacobs einen gleichrangigen Nachfolger aus der Hansestadt.

Doch die vornehme Bremer Kaufmannschaft sperrte sich. Kleffels Talentsucher schlugen schließlich den Hapag-Lloyd-Beirat Kurt A. Becher, 72, Inhaber der gleichnamigen Bremer Getreidehandelsfirma, zum Jacobs-Nachfolger vor. Mit dieser Personalie vergrätzte Kleffel die Bremer und den Betriebsrat ein zweites Mal.

Helmut Koch, stellvertretender Vorsitzender des Konzernbetriebsrats von Hapag-Lloyd, nannte die Berufung Bechers sogleich »genauso instinktlos wie die Vernichtung von Arbeitsplätzen«. Koch nämlich hatte gerade ein dieses Jahr im Hamburger Konkretliteraturverlag erschienenes Buch gelesen, das den bösen Titel »Reichsführers gehorsamster Becher«

( Karla Müller Tupath: »Reichsführers ) ( gehorsamster Becher - Eine deutsche ) ( Karriere«. Konkretliteraturverlag, ) ( Hamburg; 1982; 158 Seiten. )

trägt und sich mit der SS-Vergangenheit des Bremer Getreide-Kaufmanns beschäftigt.

In dieser Vergangenheit nämlich ist manches rätselhaft. Becher, in Hamburg gebürtiger Großhandelskaufmann, schaffte zwischen 1939 und 1945 eine steile SS-Karriere: In gut fünf Jahren kletterte er vom Mannschaftsstand bis zum SS-Standartenführer empor.

Bald nach Kriegsbeginn rückte Reiter Becher dank feiner Manieren zum Ordonanzoffizier Hermann Fegeleins auf, der die SS-Kavallerie kommandierte und gleichzeitig Vertreter des SS-Chefs Heinrich Himmler im Führerhauptquartier war.

Ob Fegeleins Reiter sich im besetzten Polen als reine Elite-Truppe gezeigt haben, die mit den Niederungen einer Besatzungspolitik nicht in Berührung kam, ist nicht mehr genau auszumachen. Vorwürfe an Becher, Judenerschießungen mitverantwortet zu haben, ließen sich nie beweisen.

Becher jedenfalls stieg schnell auf. Anfang 1944 schon wurde er zum SS-Sturmbannführer ernannt, was dem militärischen Rang eines Majors entspricht.

Bald danach fand sich Becher, dessen Umgänglichkeit und dessen Organisationstalent gerühmt wurden, als Vertrauensmann des Reichsführers SS Heinrich Himmler im zunächst befreundeten, später aber von der deutschen Wehrmacht besetzten Ungarn. Dort hatte Becher Gelegenheit, auch seine als Kaufmann erworbenen Spezialkenntnisse in den Dienst der Sache zu stellen.

Becher spielte mit bei dem berüchtigten Versuch, 10 000 Lastwagen gegen KZ-bedrohte Juden zu tauschen. Seinen größten Coup schaffte der Hanseat mit S.30 der Übernahme der jüdischen Budapester Industriegruppe Manfred Weiss, des größten ungarischen Wirtschaftsunternehmens.

Im Mai 1944 übernahm Becher von sogenannten arischen Mitgliedern des Weiss-Clans 55 Prozent der Weiss-Kapitalanteile und brachte sie in Himmlers SS ein. Für das Riesenvermögen versprach Becher der Weiss-Sippe 600 000 US-Dollar.

Himmlers SS zahlte am Ende wegen »Devisenschwierigkeiten« nur 170 000 Dollar. Für diese Bagatellsumme wurde die SS Mehrheitsaktionär eines der größten Industriekomplexe auf dem Balkan.

Dem Himmler-Konkurrenten und Reichsmarschall Hermann Göring, der Industriebeteiligungen unter dem Mantel seiner Reichswerke Hermann Göring (heute Salzgitter AG) sammelte, entging dieser Brocken. 1944 wurde Becher Leiter des Ausrüstungsstabes im SS-Führungshauptamt.

Damit wurde Bechers Stellung bei Himmler stärker als die des Judenvernichters Adolf Eichmann, der Bechers Tauschgeschäfte mit zunehmendem Mißbehagen sah. Im Januar überflügelte der Norddeutsche durch seine Ernennung zum SS-Standartenführer (entsprechender Wehrmacht-Rang: Oberst) den Konkurrenten auch dem äußeren Range nach. Fortan unterschrieb Becher Briefe an Himmler mit der Floskel »Reichsführers gehorsamster Becher«.

Wie weit Becher fortan den Untergang jüdischer Gefangener gefördert oder verhindert hat, ist kaum beweisbar. Seinen eigenen Untergang jedoch verhinderte er perfekt. Am 5. Mai 1945, drei Tage vor Kriegsende, erschien Becher im österreichischen KZ Mauthausen und holte den prominenten ungarischen Judenfunktionär Mosche Schwaiger heraus.

Schwaiger erhielt von Becher Geld, Gold und Schmuck, das »dem jüdischen Volk gehörte«, und fertigte für den SS-Mann schon am 12. Mai 1945 ein umfängliches Entlastungsschreiben an, auf dessen Inhalt sich Becher später immer wieder berief. Ohne Angst konnte der SS-Standartenführer sich den Alliierten stellen. Unbehindert startete er in der Bundesrepublik eine neue Karriere.

Sie gelang ebenso glanzvoll wie die alte. Obwohl bis dahin mittellos, baute Becher nach 1948 in Bremen einen großen Getreide- und Futtermittelhandel auf. Als einer der bedeutendsten Bremer Getreide- und Futtermittelhändler wurde Becher zwangsläufig auch Großkunde des Hapag-Lloyd-Konzerns. 1977 berief man Becher in den Beirat der Schifffahrtsgruppe, ein offizielles Gremium unterhalb des Aufsichtsrats.

»Ein Unternehmen«, tönte es denn auch aus dem Hause der Deutschen Bank, »muß nach geschäftlichen Interessen handeln«, die Berufung Bechers in den Aufsichtsrat gehe völlig in Ordnung. Bei ihrer Interessenwahrung übersahen die Geldmanager jedoch, daß die Bremer Staatsanwaltschaft neues Material über polnische, russische und ungarische Abenteuer ihres Hapag-Lloyd-Kandidaten suchte.

Die Ermittlungsbehörden verfolgen Becher auch noch wegen zeitgemäßerer Vergehen: wegen angeblichen Subventionsschwindels mit EG-Geldern. Zumindest dieses Verfahren war den Aufsichtsräten bekannt, gilt aber wohl eher als Kavaliersdelikt.

»Die Dinge«, so ließ vergangenen Freitag Kleffel bündig mitteilen, »sind abgehakt, das Verfahren ist gelaufen.«

S.29Karla Müller Tupath: »Reichsführers gehorsamster Becher - Einedeutsche Karriere«. Konkretliteraturverlag, Hamburg; 1982; 158Seiten.*

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