Zur Ausgabe
Artikel 30 / 50
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

BUNA Geht doch nach Schkopau

aus DER SPIEGEL 38/1950

Aus Wiesbadens US-Industrie-Controller-Hauptquartier kam ein Wink: die Bundesregierung solle mal offiziell die Wiederaufnahme der Buna-Produktion beantragen. Das hat sie inzwischen getan und wartet nun, daß sich die Alliierten darüber einig werden.

Industrial Controller Joseph Taylor hatte mit spitzem Bleistift nachgerechnet, was der Bundesbeutel jährlich hergeben muß, damit die westdeutschen Auto-, Fahrrad- und Kinderwagenbesitzer rechtzeitig Reifenwechsel machen können. Das sind runde 600 Mill. DM für 60000 t eingeführten Naturkautschuk. So viel verbrauchten die westdeutschen Gummifabriken im vergangenen Jahr. Während des Krieges, z. B. 1943, wurde in Deutschland nahezu die doppelte Menge synthetisch hergestellt.

Sollte man bei der gegenwärtig so veränderten Weltmarktsituation, da Kautschuk als strategischer Rohstoff überall stärkstens begehrt ist, nicht wenigstens den Versuch machen, den Deutschen die Herstellung von Kunstgummi mit den demontierten Restanlagen zu gestatten? bohrte Mr. Taylon weiter - Namensvetter jenes Generals Taylor, der 1947 als amerikanischer Generalankläger in Nürnberg auch Buna-Experten der IG Farben den Kriegsverbecherprozeß machte.

Zwischen diesen beiden Taylors liegen drei lehrreiche Jahre. Sie haben zumindest die Amerikaner gelehrt, daß es für sie Schlimmeres als die IG-Farben-Konkurrenz gibt. Beispielsweise die kommunistische Aktivität in Malaya und Indonesien. Hier liegen 70 Prozent der Naturkautschuk-Basen der westlichen Welt.

Was aber, wenn eines Tages diese 70 Prozent in der südostasiatischen Wetterzone ausfallen und nicht rechtzeitig für synthetische Aequivalente à la Buna vorgesorgt ist? - .

»Zwischen diesen zweifellos sehr maßgeblichen Ueberlegungen und dem Zeitpunkt, da bei uns in den teil- oder ganz demontierten Bunafabriken wieder Kunstgummi hergestellt werden darf, steht aber noch manche Barriere«, hat Westdeutschlands aussichtsreichster Buna-Reviver Professor Dr. Paul Baumann, Direktor der IG-entflochtenen modernen chemischen Werke im nordrhein-westfälischen Hüls, inzwischen erfahren.

»Die Amerikaner heben schon die Startpistole und rufen 'Bahn frei' für die durch die Demontagen doch sehr beschränkten Möglichkeiten eines Buna-Revival, aber die Engländer setzen noch Hürden«, so daß Direktor Baumann trotz günstiger Prognosen auch diese Woche noch keinen definitiven Bescheid von seinem britischen Subcontroller in Buer in Empfang nehmen konnte.

Baumann, 53jähriger Chemiepionier, mit badischer Weinruhe und in Amerika geschärftem Allround-Blick für Realitäten: »Es können noch Wochen darüber vergehen. Aber das Werk in Hüls müßte es schon sein, wenn wieder Buna erlaubt ist. Hier läßt sich wenigstens eine Produktionsstraße in verhältnismäßig kurzer Zeit wieder in Gang setzen.« Das wäre wenigstens ein Anfang.

Sieben Bunastraßen wurden in Hüls demontiert. Das Werk konnte während des Krieges etwa ein Drittel des deutschen Gummibedarfs decken. (Jahresproduktion 40000 t.) Hauptbunawerk war Schkopau bei Halle-Merseburg (70000 t), heute sowjetische Aktiengesellschaft. Dann noch eine Bunaanlage in Ludwigshafen (30000 t), die aber so gründlich demontiert worden ist, daß es Jahre dauern würde, sie produktionsfähig zu machen.

»In Hüls wird das etwa ein Vierteljahr dauern, wenn man auf dem Petersberg auf den Knopf drückt«, versichert Professor Baumann. Weitere Voraussetzung - außer Knopfdrücken - eine runde Million zur Wiederinstandsetzung der Betriebsanlagen, vor allem der Butadienanlage, Herzstück der Kunstgummifabrik.

»Wir wären billiger dazu gekommen, wenn nach Bekanntwerden der Wiederanlaufpläne ein häßlicher Mißgriff unterblieben wäre: Im Februar rollten die letzten Demontagekisten vom Hof. Dann kam Stop-Befehl und ausdrückliche Order an den Demontagestab, die in Dortmund-Hörde eingelagerten Teile einer sehr wichtigen Destillationsanlage für die Remontage des Betriebes zurückzugeben.

»Das erreichte anscheinend den Demontage-Stab nicht, so daß die Demonteure zum Vorschlaghammer griffen und die wertvollen Apparate zerschlugen. Jetzt haben sie nur noch Schrottwert.«

Nach solchen Nachkriegserfahrungen sind die Buna-Fachleute skeptisch geworden. »Der ganze Umstellungsaufwand lohnt sich nur, wenn feste Garantien gegeben werden, daß auch dann weiter produziert werden darf, wenn sich der Naturkautschukmarkt wieder entspannt.«

Dr. Baumann sagt das nicht, um im badischen Dialekt mit seiner starkausgeprägten Zivilcourage zu kokettieren, er fühlt sich voll verantwortlich für die 7500 Arbeiter und Angestellten dieses modernen Werkes der Großchemie, das die großzügigen Industrieplaner der IG Farben 1938 auf freiem westfälischem Feld an den nördlichen Rand des Ruhrgebiets bei Recklinghausen setzten - in wuchtigen roten Klinkerklötzen, säuberlich ausgerichteten Batterien von Großbehältern, Rohrschlangen, Kesseln und Zylindern.

Damals startete Buna, der »deutsche Gummi«, vorbelastet durch NS-Autarkierummel, aber sehr schnell nachgeahmt in der Sowjetunion und in den USA. Dort wuchsen inzwischen die Mammutbetriebe der Kautschuk-Synthese aus dem Boden, die Englands Gummipflanzer auf Britisch-Malaya ebenso fürchten wie die kommunistischen Propagandisten.

Amerikanische Reifenfirmen haben sich zwar als Finanziers auch hinter die holländischen Pflanzergesellschaften auf Ceylon, im hinterindischen Archipel, in den Straits Settlements, auf Sumatra und Java gesteckt, aber das genügt nicht, um Amerikas hohe Ansprüche zu befriedigen. Deshalb stärkste Ankurbelung der Kunstgummiherstellung.

Amerikas Bunastädte am Mississippi im Staate Lousiana können bei einigen Anstrengungen - vorausgesetzt, daß vorher nicht der Benzol-Rohstoffstrom versiegt - die Hälfte der Naturkautschuk-Weltproduktion (1948: 1,52 Mill. t) synthetisch herstellen.

»Gegenüber solchen Maßstäben stehen wir heute natürlich nur als kleine Moritze da, auch wenn das Bunaverbot fällt«, sagen die alten IG-Hasen. »Hüls kann nach entsprechender Restaurierung seiner einen Buna-Straße und den dazu gehörenden Anlagen 500 bis 600 Tonnen im Monat schaffen. »Auch deshalb wollen wir wissen: wie lange, wenn überhaupt? Eine Demontage genügt uns.«

Dr. Baumann: »Nach dem Bunaverbot von 48 wurden in Hüls zunächst 1500 Arbeiter entlassen. Ich habe sie alle wieder hereinholen können, nachdem der Betrieb umgestellt worden ist - auf Wasch-, Arznei- und Schädlingsbekämpfungsmittel sowie Kunstharz-Vorprodukte. Um krisenfest zu bleiben, würden wir bei der in Aussicht genommenen Schmalspurproduktion von Buna die anderen Artikel sicher beibehalten.«

Auch eine »Schmalspurproduktion« kann dem Bundeshaushalt 150 Mill. DM erhalten - bei den gegenwärtig bis um 50 Prozent angestiegenen Naturkautschukpreisen (das Kilo 5 DM).

Buna würde sich heute auf etwa 4 DM das Kilo stellen, hat Dr. Baumann überschlagsweise errechnet. Da braucht kein Amerikaner Konkurrenzangst zu haben, denn in den Staaten macht man das für die Hälfte dieses Preises.

Hinter dem eisernen Vorhang stehen für die Entwicklung strategisch wichtiger Rohstoffe alle Mittel zur Verfügung. Auch die Russen haben ihr Buna entwickelt und stampften neue Kombinate aus dem sibirischen Boden. Gesamtkapazität: mindestens 180000 Tonnen pro Jahr. Hinzu kommt noch der Ausstoß in Schkopau bei Halle in dem ehemaligen IG-Großbetrieb.

Sachsen-Anhalts erster Landeskommissar General Kotikow hat hier 1945/46 nicht allzuviel Aggregate herausreißen lassen, weil die Rote Armee gleich Buna brauchte.

»60000 Tonnen Buna jährlich!« fordert Walter Ulbrichts neuer Fünfjahresplan von den Schkopauer Arbeitern. Mit SED-Propagandaspritze: »In Westdeutschland demontiert man die Betriebe zur Erzeugung von synthetischem Kautschuk und synthetischem Benzin, bei uns hingegen wird die Produktionsleistung dieser Betriebe bedeutend erhöht.« Den Industrieplan der Alliierten Kontrollbehörde vom 28. 3. 46 haben die Sowjets gleich nicht ernst genommen.

Immerhin hat diese Propaganda dazu geführt, daß ein ausgezeichneter Bunaspezialist wie Dr. Nelles, der bei Besatzungswechsel am 1. Juni 1945 mit den Amerikanern nach Westdeutschland zog, vor einigen Wochen wieder in die sowjetischdirigierte Bunastadt zurückgekehrt ist.

»Er will nur Buna machen. Der ist unter Hammer und Sichel genau so gut wie unter dem Hakenkreuz«, sagen mitunzufriedene ehemalige IG-Manager, denen die ostzonale »Kammer der Technik« alle paar Wochen Werbeplakate mit Nationalen Front-Parolen in den Briefkasten stecken läßt. Hinterher kommen noch persönliche Werber ins Haus und locken: »Geht doch auch nach Schkopau.«

Die Russen waren sehr stolz, als der Erfinder der Bunasynthese, Professor Dr. Fritz Hofmann 1945 bei ihnen auftauchte. »Vom Strudel des Krieges jäh aus seinem unermüdlichen Schaffen gerissen, ist der nahezu 80jährige Erfinder in seine Heimatstadt Kölleda zurückgekehrt ...« strahlte Halles »Volksblatt«.

Die russischen Chemiker in Schkopau traktierten ihn mit Wodka und ließen sich von dem aus Breslau geflüchteten Professor die genaue Geschichte seiner Erfindung erzählen.

Der Professor hatte sich lange um das Prioritätsrecht gestritten, weil zur gleichen Zeit, als die hannoversche Continental-Fabrik 1909 Hofmanns erstes Vor-Buna probeweise verarbeitete, auch Siemens Schwiegersohn Karl Harries, Professor in Kiel, ähnliche analytische Vorarbeiten leistete.

Mit dem Erfolg, daß die kaiserliche Heeresleitung im ersten Weltkrieg motorisierte Trainkolonnen mit Kunstgummi aus sogenanntem Methyl-Kautschuk bereifen konnte. Aber das war noch ausgesprochener Kriegsschund.

In den zwanziger Jahren wandte sich Hofmann an die Väter der IG Farben Friedrich Bayer und Carl Duisberg.

Die IG-Väter bestimmten: »Im Maximum darf die Geschichte 100000 Mark kosten. In zehn Jahren müssen Sie aber fix und fertig sein, sonst soll Sie der Deubel holen.«

Die Forschungsarbeiten kosteten einige Dutzend 100000 Markscheine. Außer Hofmann beteiligte sich eine ganze Arbeitsgemeinschaft der IG Farben. Hofmann: »Die Natur war bei allem unsere große Lehrmeisterin. Ihrem Beispiel folgend, stellten wir aus dem ursprünglich gasförmigen Butadien (aus Azetylen gewonnen) eine Emulsion her, die dem natürlichen Latex (Kautschukmilch) nachgebildet war. Wir entdeckten in dem natürlichen Latex »Styrol« - einen Kohlenwasserstoff, der die Güteeigenschaft des Kautschuks wesentlich beeinflußt.

Nächste Etappe: Styrol auf synthetischem Wege herzustellen und unserer Emulsion beizufügen. Dieses Herstellungsverfahren - Polymerisation - beschert uns den deutschen Qualitäts-Kunstgummi«.

Für die russischen Chemiker war das alles sehr interessant. Sie prosteten Professor Hofmann immer wieder zu - mit Kartoffelsprit. Den haben sie drüben am Ural im Kriege zu Butadien und dann weiter zu Kunstgummi verarbeitet.

In dem hochmodernen Werk Hüls machte man das nicht. Direktor Baumann nahm auch keinen Karbid mehr, um Azetylen als Ausgangsstoff zu gewinnen, sondern den elektrischen Lichtbogen und das in 80 km langer Rohrleitung aus Bentheim herangeholte Erdgas. Oder die Hydrierabgase aus Gelsenberg und Scholven.

Bei 1600 Grad Lichtbogenhitze wird das Gas gespalten - in Azetylen und Aethylen. Aus diesen beiden Komponenten entsteht nach weiteren chemischen Prozessen ein weißes Gerinnsel, das - ähnlich wie Kasein in der geronnenen Milch - sich flockig zusammenballt, über ein Aufbereitungsband geschickt und dann ganz dünn ausgewalzt wird. Das ist Buna, fertig zum Versand in die Verarbeitungsbetriebe.

[Grafiktext]

DEUTSCHLANDS KAUTSCHUK-AUFKOMMEN WELTERZEUGUNG

IN 1000 t.KAUTSCHUK EINFUHRBUNA ERZEUGUNG
193799,93,5
19395022,4
194126,670,5
19437,5118,6
195097,6 W.-Deurschl.VERBOT d. BUNAERZEUG.

[GrafiktextEnde]

Zur Ausgabe
Artikel 30 / 50
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.