Zur Ausgabe
Artikel 46 / 101

ARBEITSMARKT Gekaufte Zeit

Kurzarbeit ersetzt vorerst Entlassungen: Die Unternehmen versuchen, ihre Mitarbeiter trotz Krise zu halten. Das Ausmaß des Großexperiments ist aber erst in Konturen sichtbar.
aus DER SPIEGEL 8/2009

Für Gerald Ray, Co-Geschäftsführer der Werkzeugfabrik Göltenbodt, waren Wall Street und Finanzkrise zunächst sehr weit weg. Das Familienunternehmen sitzt in dem schwäbischen Dorf Höfingen, ist auf Spezialwerkzeuge für Drehmaschinen spezialisiert und hat als Zulieferer von Zulieferern die gesamte deutsche Autoindustrie als ebenso großen wie verlässlichen Partner. Dachte Herr Ray.

»Die erste Jahreshälfte 2008 haben wir hier in zwei Schichten gearbeitet«, sagt er. Nach den Sommerferien war das Geschäft ruhiger als üblich, aber noch kein Grund zur Besorgnis. Im September waren auf der Fachmesse AMB in Stuttgart noch alle optimistisch, auch wenn die Auftragslage in der Branche immer weiter abflaute.

»Ich hatte da schon so ein Grimmen im Bauch«, sagt Ray. Mit seinem Betriebsrat vereinbarte er, dass die 40 Mitarbeiter den Rest des Jahres 2008 ihre Arbeitszeit ohne Lohnausgleich von 35 auf 30 Wochenstunden reduzieren, wie es der Tarifvertrag ermöglicht. Doch die verheerenden Auftragseinbrüche, die ab Oktober die gesamte Branche heimsuchten, konnte selbst die Arbeitszeitverkürzung nicht mehr kompensieren. Von Januar an setzt Göltenbodt auf Kurzarbeit. Die Finanzkrise ist angekommen im schwäbischen Herzen des deutschen Mittelstands.

Zunächst liefen die Maschinen noch an drei Tagen. Seit kurzem wird nur noch an zweien gearbeitet. Ray will seine Leute halten. »Sie brauchen drei, vier Jahre Erfahrung im Betrieb, um die Präzision zu erreichen, die die Herstellung unserer Werkzeuge verlangt.« Jede Krise geht zu Ende, und dann muss die Produktion schließlich wieder reibungslos laufen. Nur: Wie lange wird es dauern?

Göltenbodt in Höfingen liegt 25 Kilometer entfernt von Daimler in Stuttgart; mitten in einem der Epizentren der Wirtschaftskrise, die das Land nun erschüttert. Denn vor allem in der Autoindustrie, im Maschinenbau und im metallverarbeitenden Gewerbe brechen die Aufträge weg.

Keine Region ist härter von Kurzarbeit betroffen: Allein im Bezirk der Stuttgarter Agentur für Arbeit gibt es derzeit rund 50 000 angemeldete Kurzarbeiter. Fast ein Viertel der bundesweit 774 600 Beschäftigten, für die seit Oktober Kurzarbeit angemeldet wurde, arbeitet in Baden-Württemberg.

Vieles an der derzeitigen Wirtschaftskrise ist neu: ihre rasante Geschwindigkeit, ihre brachiale Gewalt, ihre weltweite Dimension sowieso. Früher gab es zumindest in irgendeiner noch florierenden Weltregion Märkte, auf die man ausweichen konnte. Das ist vorbei. Für alle.

Doch ungewohnt ist auch die Reaktion der deutschen Unternehmen. Anders als in der Vergangenheit versuchen sie, nicht mit Entlassungen auf die Schnelle die Personalkosten zu senken. Vielmehr wollen sie ihre Stammbelegschaften halten, um in Zeiten des Fachkräftemangels für den kommenden Aufschwung gerüstet zu sein.

Deshalb vergeht seit Wochen kaum ein Tag ohne Ankündigung weiterer Kurzarbeit durch Konzerne: Insgesamt 50 000 Beschäftigte sind es derzeit bei Daimler, 20 000 bei Schaeffler, 15 000 bei Bosch, 7400 bis April bei Siemens. Noch nie stieg die Zahl der Kurzarbeiter in so rasantem Tempo (siehe Grafik).

Dabei ist Kurzarbeit ein typisch deutsches Arbeitsmarktinstrument. Bereits 1910 bekamen die Arbeiter der Kalibergwerke den Verdienstausfall aus der Reichskasse, wenn die Werke zeitweise stillgelegt wurden. Ein Jahr nach der Hyperinflation wurde 1924 die »Kurzarbeiterunterstützung« auf die gesamte Wirtschaft ausgedehnt. Ende der sechziger Jahre dann half sie dem Wirtschaftswunderland durch seine erste Krise.

In ihrem Kern verkörpert sie das deutsche Sozialstaatsprinzip: Statt einige gleich rauszuschmeißen, arbeiten viele in einer Firma weniger. Den Ausgleich schafft der Staat. Beantragen kann ein Betrieb Kurzarbeit, wenn mindestens ein Drittel der Belegschaft zehn Prozent weniger Arbeit hat und die Überstundenkonten abgeschmolzen sind.

Für reguläre Arbeitstage zahlt der Betrieb, an Kurzarbeitstagen übernimmt die Bundesagentur für Arbeit 60 Prozent des entfallenen Nettolohns, bei Beschäftigten mit Kind 67 Prozent.

Es ist ein Instrument für Branchen, die saisonabhängig sind, wie etwa die Bau- industrie, oder für konjunkturelle Ausnahmesituationen, wenn in einem Betrieb vorübergehend und unvermeidbar die Arbeit ausfällt. Aber immer dient die Maßnahme eigentlich nur der Überbrückung eines überschaubaren Zeitraums.

Doch nun hat die Bundesregierung die Kurzarbeit als Mittel im Kampf gegen drohende Entlassungswellen entdeckt. Mit dem Konjunkturpaket II wird sie für die Firmen finanziell besser ausgestattet. Künftig müssen sie für die Ausfallzeiten nur noch 50 Prozent der Sozialbeiträge zahlen. Werden die Mitarbeiter in der freien Zeit geschult, übernimmt die Arbeitsagentur die Kosten komplett.

Die Bezugsdauer wurde bereits von ursprünglich 6 auf 18 Monate erweitert. Unermüdlich fordert SPD-Arbeitsminister Olaf Scholz kleine und große Unternehmen auf, das Instrument bei Auslastungsproblemen zu nutzen. Knapp 17 Milliarden Euro Rücklage hat die Nürnberger Bundesagentur für Arbeit, die nun im Kampf gegen die Krise eingesetzt werden sollen.

Es ist ein beschäftigungspolitisches Großexperiment, dessen Ausmaß derzeit nur in Konturen sichtbar und dessen Ausgang ungewiss ist. Es ist der Versuch, sich Zeit zu kaufen.

Zeit, damit die Krise vorüber ist, bevor sie den Arbeitsmarkt mit voller Wucht verwüsten kann. Beim Wirtschaftseinbruch nach der deutschen Einheit Anfang der neunziger Jahre wurde die Kurzarbeit millionenfach eingesetzt. Am Ende organisierte man mit der Maßnahme vor allem den geräuschlosen Übergang vieler Beschäftigter in die Dauerarbeitslosigkeit.

Dieter Ammensdorfer ist seit 1983 Betriebsrat bei der schwäbischen Firma Göltenbodt. Er hat die Rezession 1993 miterlebt. Damals reduzierte sich die Belegschaft von 70 auf 35 Mitarbeiter. Vieles war international nicht mehr konkurrenzfähig, und die Firma schrumpfte auf ihr Kerngeschäft. »Aber heute stehen unsere Produkte gut im Markt«, sagt Ammensdorfer.

Dennoch hat der Industriemechaniker seit Monaten viel Freizeit. Zu Hause gibt es nicht mehr viel zu renovieren. »Die Einkommensverluste halten sich noch im Rahmen«, sagt Ammensdorfer. In Baden-Württemberg sieht der Tarifvertrag vor, dass die Unternehmen bei Kurzarbeit das Gehalt auf etwa 80 Prozent des Bruttolohns aufstocken. So liegen die tatsächlichen Verluste der Göltenbodt-Mitarbeiter je nach Familienstand zwischen 12 und 15 Prozent vom Netto.

Wie lange sich die Firmen ohne Entlassungen über Wasser halten können, weiß niemand. »Wenn es bis Mitte des Jahres kein Signal gibt, dass es aufwärtsgeht, halten das viele kleine und mittelständische Betriebe nicht mehr durch«, glaubt Frank-Jürgen Weise, Chef der Bundesagentur für Arbeit.

Wenn die Konjunktur um etwa zwei Prozent einbricht, erwartet Weise im Jahresdurchschnitt 250 000 Arbeitslose mehr als 2008. Gehe sie aber um vier Prozent zurück, könnten es auch bis zu 700 000 mehr sein.

»Alle schauen, was bis zu den Sommerferien passiert«, sagt Herbert Rössler. Er leitet das Team für Kurzarbeit bei der Agentur für Arbeit in Stuttgart. Bis vor einigen Monaten reichte dafür ein Mitarbeiter. »Seit Mitte der neunziger Jahre spielte konjunkturelles Kurzarbeitergeld de facto keine Rolle in unserer Arbeit«, sagt Rössler. Mittlerweile sind sie zu viert.

Meist fahren sie nicht mehr raus zu den Betrieben, sondern bitten die Arbeitgeber zum Termin in ihre Büros im Stuttgarter Norden. Sonst schaffen Rössler und seine Kollegen es gar nicht, alle Beratungsanfragen zu erfüllen. »Ich habe 10 bis 15 Termine am Tag plus E-Mail-Verkehr.«

Mittlerweile erkundigen sich auch schon mal Bäcker oder Raumausstatter über die Möglichkeiten der Kurzarbeit. Doch bislang kommt das Gros der Anfragen noch aus den Branchen rund um den Automobilbau. Und die wenigsten der ratsuchenden Firmen haben unter 100 Beschäftigte.

Wie lange die Unternehmen die Kurzarbeit nutzen werden, lässt sich kaum abschätzen. In den Krisen der Vergangenheit lag die durchschnittliche Kurzarbeitsdauer bei etwa vier Monaten, der Arbeitsausfall bei 50 Prozent.

»Derzeit laufen die meisten Anzeigen auf drei Monate und einige wenige bis zu sechs Monate«, sagt Rössler.

Stefan Wolf, Vorstandschef bei Elring Klinger, erinnert sich: »Wenn Sie im Oktober morgens ins Büro kamen und den Computer angeschaltet haben, konnten Sie sicher sein, dass wieder über Nacht Aufträge in Millionenhöhe storniert worden waren.« Der Automobilzulieferer stellt unter anderem Zylinderkopfdichtungen und Hitzeabschirmungen für Motoren her. 1200 Menschen arbeiten im Stammsitz in Dettingen bei Stuttgart, weltweit hat die Firma 4200 Mitarbeiter. Im ersten Halbjahr 2008 liefen in Dettingen die Maschinen noch sechs Tage pro Woche rund um die Uhr und sonntags im Zweischichtbetrieb.

Nun musste auch Wolf für sechs Monate Kurzarbeit anmelden. Für etwa 1400 der 2400 Mitarbeiter in Deutschland wird die Arbeitszeit um 20 bis 40 Prozent reduziert, verteilt über betroffene Unternehmensbereiche. »Für den Betriebsfrieden müssen Sie darauf achten, dass die Lasten gleichmäßig verteilt werden und sich niemand als Mitarbeiter zweiter Klasse fühlt, der nicht gebraucht wird«, sagt Wolf.

In der Faschingswoche gibt es einen Kurzarbeitsblock. Im März laufen die Bänder in Dettingen nur von Dienstag bis Donnerstag, über Ostern werden zehn Kurzarbeitstage gebündelt. In der zweiten Jahreshälfte, glaubt Wolf, wird die Auftragslage wieder anziehen. Doch der Vorstandschef hat vorsichtshalber auch schlimmere Szenarien durchgerechnet: »Dann werden wir weitere sechs Monate Kurzarbeit dranhängen.« MARKUS DETTMER

Zur Ausgabe
Artikel 46 / 101
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.