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IRAN-GESCHÄFT Geld im Koffer

Der Zahlungsverkehr mit Persien ist seit zwei Monaten unterbrochen. Deutsche Banken bangen um ihre Iran-Kredite.
aus DER SPIEGEL 5/1979

Die Aktion war bis ins kleinste geplant: Die gecharterte zweimotorige »Piper« sollte einen Koffer voll Geld vom Teheraner Zentralflughafen Mihrabad in die Provinzmetropole Schiras bringen.

Mit den 100 Millionen iranischer Rial (etwa zweieinhalb Millionen Mark) an Lohngeldern hoffte Norbert Schmidt, Persien-Manager der Mülheimer Kraftwerk Union (KWU), die größte Baustelle des Landes in Betrieb halten zu können. Doch bevor die Sportmaschine Kurs auf die beiden halbfertigen Atomkraftwerke am Persischen Golf nehmen konnte, blies die Zentrale in der Heimat den Sondereinsatz wieder ab.

Die KWU-Manager in Mülheim mochten kein Geld mehr in ein Projekt stecken, aus dem ihnen seit Oktober, als erstmals die vereinbarte Kaufpreis-Rate ausblieb, kein Pfennig mehr zugeflossen ist. Das Zehn-Milliarden-Projekt wird nun eingemottet, die rund 2100 deutschen Experten fliegen mit Charter-Jets zurück in die Heimat. Nur eine Wach- und Wartungsmannschaft soll noch in der Wüste am Persischen Golf zurückbleiben.

Den deutschen Kraftwerksbauern ergeht es wie den anderen Unternehmern, die im einst so lukrativen Persien-Geschäft hängen: Seit Ende November das Personal der staatlichen Notenbank »Markasi« in einen Dauerstreik trat und damit den Geldverkehr der 34 privaten Perser-Banken lahmlegte, sind die Geldkanäle, die den Iran mit seinen Lieferanten und Kunden verbanden, ausgetrocknet.

Geschäftsleute und Bankiers, die ihre Arbeiter und örtlichen Sub-Unternehmer bezahlen müssen, konnten sich allenfalls noch mit abenteuerlichen Transportmethoden helfen. Ihre Manager reisten mit Aktentaschen und Wäschekoffern nach Persien, die sie randvoll mit Dollar- und Rial-Scheinen gestopft hatten.

Mit feiner Witterung für schnelle Sondergewinne boten sich Frankfurter und Münchner Banken als Bargeld-Beschaffer an. Denn Rial-Noten wurden bei den europäischen Banken zusehends knapp.

Die Devisen-Händler der Bayerischen Hypotheken- und Wechsel-Bank kratzten noch vor zehn Tagen an den europäischen Finanzplätzen von London bis Zürich 150 Millionen Rial zusammen. Doch mit ihrer Offerte kamen die Hypo-Händler zu spät: Nach der Kapitulation des Schah erschien es den meisten deutschen Firmen an der Zeit, im Iran erst einmal dichtzumachen.

Zum Rückzug drängten vor allem auch einheimische wie ausländische Kreditgeber, die den Unternehmen Geld für die Persien-Exporte vorgestreckt hatten.

Zwar hat Bonn über die Hamburger Hermes-Versicherung rund acht Milliarden Mark an Krediten für bundesdeutsche Iran-Exporte verbürgt; zahlen die Perser nicht mehr, dann muß Hermes einspringen. Doch die vom Iran-Fieber angesteckten Bankbosse gaben auf eigenes Risiko noch weitere drei Milliarden Mark für das scheinbar so sichere Geschäft mit dem Schah heraus.

Daß die Persien-Rechnungen nicht mehr bezahlt werden, liegt nicht nur am Kollaps der iranischen Banken. Viele iranische Abnehmer bekommen die aus Deutschland abgeschickten Waren gar nicht durch den Zoll, da die Zöllner seit Monaten streiken; sie sehen daher auch keinen Anlaß, die Rechnungen zu begleichen.

Um nicht noch mehr unbezahlte Maschinen und hochwertige Anlagen-Teile in den Lagerhallen des Zolls vergammeln zu lassen, entschlossen sich viele Firmen inzwischen zu einem radikalen Kurswechsel in ihrer Nachschub-Planung.

Allein in den letzten zwei Wochen ließen die KWU-Manager und ihr aus den Firmen Hochtief und Dyckerhoff & Widmann bestehendes Baukonsortium ein halbes Dutzend Spezialfrachter und Container-Schiffe, die mit teurem Material auf dem Weg nach Buschir waren, abdrehen. Sie nahmen Kurs auf andere Zielhäfen. KWU-Chef Klaus Barthelt dirigierte den Großteil seiner Kernkraft-Komponenten nach B rasilien um, wo die Deutschen ebenfalls ein Atomkombinat hochziehen.

Das Persien-Fiasko trifft die Export-Banken um so unangenehmer, als sie im Augenblick gerade für ein ähnliches Debakel im Nachbarland Türkei einstehen müssen. Dort stoppte die Staatsbank, die gegenüber dem Ausland mit 13 Milliarden Dollar in der Kreide steht, häufig alle Überweisungen an ausländische Gläubiger. Deutsche Türkei-Exporteure warten allein auf 600 Millionen Mark aus Lieferungen, die nicht durch Bundesbürgschaften abgesichert sind.

Für die drohenden Verluste aus dem Iran-Geschäft werden derweil die ersten Buch-Korrekturen vorgenommen. So schrieb ein deutsches Kreditkonsortium unter Führung der Bayerischen Vereinsbank ihr im September aufgelegtes 50-Millionen-Darlehen an die Teheraner »Industrial and Mining Development Bank of Iran« (IMDBI) um zwölf Prozent herunter.

Wie die Buchwerte von Großkrediten rutschten auch die Kurse der in Frankfurt und Düsseldorf notierten Anleihepapiere persischer Emittenten.

Am schlimmsten traf es bislang die Zeichner der von der Deutschen Bank vor gut einem Jahr aufgelegten 120-Millionen-Anleihe des iranischen Großschuldners IMDBI: Die damals für 99 Mark gekauften Papiere sind jetzt nur noch 83 Mark wert.

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