Geldanlage Mini-Inflation treibt Realzinsen in die Höhe

Nur zwei Prozent fürs Tagesgeld: Auf den ersten Blick sind die Zinsen so niedrig wie lange nicht mehr. Dabei kann sich das Sparen durchaus lohnen, denn die Mini-Inflation sorgt für rekordverdächtige Realzinsen. Trotzdem schichten viele Anleger in Aktien um - und gehen damit voll auf Risiko.

Von Kai Lange


Hamburg - Der Kontoauszug sieht in diesen Tagen kümmerlich aus: Rund zwei Prozent Zinsen zahlen die Banken für Tagesgeld, so wenig wie seit Jahren nicht mehr. Dabei ist der Ertrag gar nicht so schlecht, wenn man genauer hinschaut: Denn real, also unter Berücksichtigung der Inflation, sind die Zinsen rekordverdächtig hoch.

Bankschalter: Viele Sparer plündern ihre Geldkonten
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Bankschalter: Viele Sparer plündern ihre Geldkonten

Grund ist die Mini-Inflation der vergangenen Monate. Aktuell liegt die Teuerungsrate sogar nur bei null Prozent - die Preise sind im Vorjahresvergleich also stabil. Für Anleger ist das eine gute Nachricht: Selbst niedrige Zinsen können sich in dieser Situation lohnen.

Real bleibt den Sparern sogar deutlich mehr als in den vergangenen vier Jahren: Lieber zwei Prozent echten Ertrag als vier Prozent Superzins, von dem man drei Prozent Inflation abziehen muss.

Dennoch plündern derzeit viele Sparer ihre Geldkonten und investieren in risikoreiche Anlagen. Zum Beispiel in den Dax Chart zeigen, der seit März rund 40 Prozent zugelegt hat, oder in die Aktie der Deutschen Bank Chart zeigen, die sogar knapp 200 Prozent an Wert gewann. Die Börsendynamik erinnert an den Aufstieg im März 2003, als ein mehrjähriger Boom begann.

Dabei ist es sehr riskant, auf eine simple Wiederholung der Börsengeschichte zu setzen: Nur zweimal, 2003 und 1942, ging eine V-förmige Erholung an der Börse tatsächlich in eine solide, mehrjährige Hausse über. Vieles spricht dafür, dass die Aufwärtsbewegung diesmal mühsamer und flacher ausfallen wird.

"Woher soll das Gewinnwachstum denn kommen?"

Zwar sind die Erwartungen für die Zukunft, die sich in den Frühindikatoren ausdrücken, in jüngster Zeit gestiegen. Doch die realen Konjunkturdaten bleiben trist.

"Von weiteren Kurssteigerungen in diesem Jahr auszugehen, ist angesichts der immer noch trüben wirtschaftlichen Bedingungen sehr optimistisch", sagt Carsten Klude, Chefvolkswirt bei der Hamburger Privatbank M.M. Warburg. Auftragseingänge und Investitionen der Unternehmen seien noch immer auf sehr niedrigem Niveau, und die Angst um den Job bremse den Konsum. "Man fragt sich, wo der unterstellte starke Anstieg der Unternehmensgewinne eigentlich herkommen soll", sagt Klude. Die Mehrheit der Analysten erwarte für das Jahr 2010 bereits ein Gewinnwachstum der Dax-Unternehmen von 22 Prozent. "Das ist eine sportliche Vorgabe", sagt der Experte.

Tatsächlich schrauben die Unternehmen ihre Gewinnerwartungen weiter zurück - während ihre Aktienkurse kräftig steigen. Adidas Chart zeigen zum Beispiel schrammte im ersten Quartal nur knapp an einem Verlust vorbei und sieht wenig Anzeichen für eine rasche Erholung der Nachfrage. Siemens Chart zeigen kappte Ende April seine Gewinnprognose, und der Chemieriese BASF Chart zeigen, dessen Gewinn im ersten Quartal um knapp 60 Prozent einbrach, erwartet laut Konzernchef Jürgen Hambrecht "keine Besserung im Jahr 2009". Dass der Stahlkonzern ThyssenKrupp Chart zeigen kürzlich ebenfalls seine Prognose senkte, passt ins Bild einer zähen Rezession - und spricht dafür, dass auf den Börsenfrühling bald ein Wärmegewitter folgt.



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